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Augsburg

05.12.2018

Mord, Gewalt, Prostitution: So gefährlich war Augsburg vor 50 Jahren

Erstochen, erschlagen und erwürgt: In Augsburg wurden innerhalb von neun Jahren 14 Frauen getötet. Die Fälle sind bis heute ungeklärt.
Bild: Repro AZ

Plus Nach 25 Jahren könnte das Rätsel um den Tod einer Prostituierten gelöst werden. Doch es gibt eine Serie ungeklärter, alter Morde. Und viele Geschichten dazu.

Heute stehen längst keine Prostituierten mehr am Straßenrand. Seit 2013 ist das in Augsburg verboten. Vor Jahrzehnten aber war das anders. Da warten die Damen an vielen Plätzen in der Stadt auf Freier. Auch Angelika Baron, die „Anschi“, hat einen festen Standplatz an der Bürgermeister-Ackermann-Straße. „Dirnen“ werden die Frauen gerne genannt. Das klingt harmloser als die meisten anderen Bezeichnungen. Aber Dirne zu sein, ist damals alles andere als harmlos. Es ist ein gefährlicher Job.

In der Nacht zum 25. September 1993 wird Angelika Baron umgebracht. Ein Spaziergänger findet ihre Leiche am Morgen nahe einer Bahnunterführung in Gessertshausen im Landkreis Augsburg. Die Polizei hört sich im Umfeld der „Dirnenbeschützer“ um, lässt Fotos eines hölzernen Möbelfußes veröffentlichen, der neben der Leiche gefunden worden ist, verspricht „absolute Vertraulichkeit“ für Hinweise und außerdem eine Belohnung von 5000 Mark. Es hilft alles nichts. Der Mord an der 36-Jährigen bleibt mehr als zwei Jahrzehnte lang ein Rätsel. Bis zum November 2017. Da nimmt die Kriminalpolizei Stefan E. fest, einen heute 50 Jahre alten Augsburger, der in jener Nacht zuerst auf die Prostituierte eingeschlagen und sie dann erwürgt haben soll, unter anderem aus Habgier. Er kommt in U-Haft. Am Donnerstag beginnt der Prozess gegen ihn am Augsburger Landgericht.

Angelika Baron starb 1993. Die Leiche der Prostituierten wurde in Gessertshausen gefunden.
Bild: Bernd Hohlen (Repro)

Die Opfer sind Prostituierte oder alleinstehende Frauen

Der Fall steht damit möglicherweise vor der Aufklärung. Doch es gibt eine ungeheuerliche Serie von Frauenmorden im Raum Augsburg in den 60er und 70er Jahren, die bis heute ungeklärt sind. Innerhalb von neun Jahren werden 14 Frauen zum Teil auf bestialische Weise erstochen, erschlagen und erwürgt. Es sind vor allem Prostituierte, deren brutaler Tod die Mordkommission ab 1966 vor schier unlösbare Rätsel stellt. Unter den Opfern sind aber auch einige alleinstehende ältere Frauen. Das Motiv: jeweils unklar. Der oder die Täter: unbekannt.

Mord, Gewalt, Prostitution: So gefährlich war Augsburg vor 50 Jahren

Bei der Augsburger Kripo gibt es bis heute wenig mehr als Vermutungen, wer all diese Morde verübt haben könnte, aber einen Verdacht: Zumindest hinter einem Teil der Verbrechen könnten amerikanische Soldaten stecken. Sie bevölkern damals zu Tausenden die Kneipen und Bars in der Stadt, wo sich auch deutsche Frauen kaufen lassen. Die jungen GIs haben teils im Vietnamkrieg gekämpft, sie werden in Deutschland zum „Abkühlen“ zwischenstationiert, bevor es wieder nach Hause geht. Es sind wilde, unruhige Zeiten in Augsburg. Der Zweite Weltkrieg ist gerade einmal 20 Jahre vorbei.

"In den Puffs war damals die Hölle los", sagt Göttling

Günter Göttling, 72, steht heute auf dem Vorplatz des Oberhauser Bahnhofs, auf seinem Auto prangen aufgeklebte Einschusslöcher. Göttling, kräftig und untersetzt, ist pensionierter Polizist und sitzt für die CSU im Stadtrat, ein paar Jahre war er bei den Republikanern. 1964 ging er zur Polizei, lief in den Stadtteilen Streife, in denen die US-Kasernen standen. Göttling, ein Freund der klaren Worte, sagt: „In den Puffs war damals die Hölle los. Prostituierte, Taxifahrer und Kneipenbetreiber haben sich eine goldene Nase verdient.“ Manche sagen, zu dieser Zeit wurde der Ruf Augsburgs als „Rotlicht-Metropole“ begründet.

In den Kneipen kommt es praktisch jeden Abend zu Schlägereien. Meist sind es Raufereien unter US-Soldaten, auch weil die Kluft zwischen schwarzen und weißen Soldaten groß ist. Das führt dazu, dass in manchen Bars nur Weiße verkehren, in anderen nur Schwarze. „Die ,Kosta-Bar‘ war eine gefürchtete Neger-Bar“, erzählt Göttling. Er sagt wirklich „Neger-Bar“ – nicht weil er Rassist ist, sondern weil er es von damals so gewöhnt ist. Später heißt die Bar „Jasmin“, sie ist die erste in Augsburg mit Schwarzlicht. „Wenn du da reinkamst, hast du nur die weißen Hemden und das Weiße in den Augen der Schwarzen leuchten sehen“, sagt der Polizist. „Und da ging es auch mit Rauschgift los.“

Die Militärpolizei setzte in den Ami-Kneipen den langen Holzknüppel ein

Wie die Zustände zu dieser Zeit waren, versteht nur, wer sie erlebt hat. Auch heute wird über die Sicherheit auf öffentlichen Plätzen der Stadt diskutiert, über die Auswüchse im Nachtleben oder lärmende Jugendliche. Mit damals aber lässt sich das nicht vergleichen. In der schlimmsten Phase wird alle paar Wochen im Großraum Augsburg jemand getötet. Auf Autodiebe wird noch geschossen. Polizisten sind ausschließlich zu Fuß auf Streife. Funkgeräte, um Verstärkung zu rufen, haben sie nicht. Nur Zugriff auf ein Telefon, das in manchen Ampelkästen versteckt ist. Und wenn es nachts in den Ami-Kneipen kracht, kommt die berüchtigte Militärpolizei (MP) und setzt Holzknüppel ein – „weil die schneller Platzwunden verursacht haben, dann war schneller Ruhe“, sagt Göttling, der später beim Überfallkommando arbeitete.

Zeitweise wohnen in Augsburg inklusive Angehörige und Zivilbeschäftigte der US-Armee 30.000 Amerikaner. Sie leben wie in einer eigenen Stadt – mit eigenem Supermarkt, eigenen Schulen, Sportvereinen. Sogar einen Ableger der Universität von Maryland gibt es. Amerikaner und Deutsche bemühen sich um Annäherung, es gibt gemeinsame Volksfeste. Viele Einheimische verdienen gut an den GIs.

Aber die Amerikaner sind eben auch Besatzungsmacht, und das bekommt die Polizei deutlich zu spüren. Denn am Schlagbaum der Kasernen enden zu jener Zeit die Befugnisse der deutschen Polizei- und Justizbehörden. Gegen den Willen der Amerikaner kann gegen keinen Angehörigen der US-Army ermittelt werden. Die Amerikaner haben eine eigene Militärgerichtsbarkeit.

Im Lokal "Playboy" wird Hermine zum letzten Mal gesehen

Wenn die Kripo einmal ermitteln darf, beißt sie im Milieu der US-Bars auf Granit. Viele Zeugen schweigen aus Angst. Andere schicken die Ermittler in die Irre. Die deutschen Zivilfahnder müssen bei ihren Nachforschungen mitunter von uniformierten Kräften beschützt werden. Wie im Fall Hermine Huber (Name geändert), der beispielhaft zeigt, wie schwierig die Ermittlungen damals sind. Die blonde Bürogehilfin ist 22, hat einen kleinen Buben und arbeitet als Prostituierte, vor allem in Kreisen farbiger GIs. In der Nacht zum 5. April 1973 besucht sie ihr Stammlokal „Playboy“. Kurz nach 3 Uhr wird die Frau zum letzten Mal lebend gesehen. Im Morgengrauen entdeckt eine Radlerin eine große Blutlache auf einem Weg, die Spur führt zu einem ausgetrockneten Bach. Dort liegt die nackte, blutverschmierte Leiche von Hermine.

Im „Playboy“ in Augsburg wird die Prostituierte Hermine Huber 1973 zum letzten Mal gesehen.
Bild: Repro

Die Ermittlungslage ändert sich von Tag zu Tag. Einmal wird ein Farbiger als letzter Begleiter der Frau gesucht, dann wieder ein bärtiger, breitschultriger, untersetzter Deutscher. Knapp drei Monate später scheint die Kripo am Ziel. Louis Antoine C., ein 21-jähriger GI, gesteht: „Ich habe zugesehen, wie meine drei Freunde Marcus, Charlie und Billy die Hermine getötet und sie in den Wassergraben geworfen haben.“ Die drei Farbigen werden verhaftet. Doch das Geständnis erweist sich als falsch. Die Jagd nach dem Mörder beginnt von vorn.

Erst knapp zwei Jahre später löst die Kripo das Rätsel um den bärtigen, breitschultrigen Mann. Es ist der 24 Jahre alte Edgar W. aus Augsburg. Doch hieb- und stichfeste Beweise fehlen. Als W. eineinhalb Jahre später seine Frau und seinen Sohn tötet, rollt die Kripo den Mordfall Hermine Huber noch einmal auf. W. räumt ein Schäferstündchen mit der Prostituierten ein. Er habe sie auch nach Hause gefahren, bleibt aber dabei: „Ich habe ihr nichts getan.“ Als er Jahre später an einem Krebsleiden stirbt, nimmt er – davon ist die Kripo überzeugt – einige Geheimnisse mit ins Grab. Drei weitere Augsburger Dirnenmorde weisen Parallelen zum Fall Hermine Huber auf.

Der US-Sergeant stieg zu Dirne "Heidi" ins Auto

So oder ähnlich ging es in vielen der Mordfälle. Einmal suchen die Ermittler nach einem Prostituiertenmord einen „Zwerg mit zerkratztem Gesicht und wackliger Gangart“. 1966, im ersten der ungeklärten Morde, steigt ein US-Sergeant zur Dirne „Heidi“ ins Auto. Tags darauf wird sie erwürgt auf einer Wiese gefunden. Der Soldat, der bereits 1963 eine Prostituierte überfallen und 1964 eine andere bedroht hat, schweigt. Die Indizien reichen nicht einmal für eine Anklage.

Einige wenige Fälle betrachtet die Kripo heute als gelöst, sagt Helmut Sporer, der Chef der Augsburger Mordermittler. Aber das ist die Sicht der Polizei. Für eine Anklage oder eine Verurteilung sind die Ermittlungsergebnisse nicht ausreichend. Oder die Hauptverdächtigen sind bereits tot. Die Polizei muss in den 60ern und 70ern auch damit leben, dass verdächtige GIs plötzlich in die USA versetzt worden sind.

Josef „Joe“ Klein ist vorsichtig mit Verdächtigungen gegenüber den Amerikanern. Er sitzt in seinem Esszimmer, lächelt und sagt: „Ja, die GIs waren wilde Kerle, aber die meisten waren recht nett.“ Klein ist 81, was für sich genommen schon eine Leistung ist, denn er war fast 30 Jahre lang der Wirt zweier einschlägiger Ami-Kneipen. Ab 1967 betreibt er das „Schlößle“ im Stadtteil Pfersee. Die Amerikaner nennen das Lokal „Last Chance“, weil es so nahe am Eingang zur Kaserne liegt und daher die letzte Chance zu einer Einkehr, einem Flirt oder einer zünftigen Schlägerei bietet. Rasch baut Joe Klein das „Schlößle“ zur Disko aus, im Nebenzimmer gibt es Billard und Flipper-Automaten. Der Alkohol fließt in Strömen. Die Goißnmaß aus Cola, Bier und Weinbrand ist der Renner. Der Dollar ist seinerzeit um die vier Mark wert. „Und für einen Dollar bekam man damals drei Halbe Bier“, erzählt der Wirt. Die jungen GIs hatten viele Dollars.

Kneipenwirt Joe Klein hat viele Erinnerungen an die unruhigen Zeiten in Augsburg. Er hatte zwei Kneipen, in denen amerikanische Soldaten verkehrten.
Bild: Ulrich Wagner

Der Kneipenwirt langte auch selber hin, wenn‘s sein musste

Regelmäßig gibt es Probleme. „Es reichte schon, wenn einer drei Mal hintereinander an der Music-Box dasselbe Lied spielte“, sagt Klein und lacht, „dann schepperte es.“ Er selbst langt auch hin, schmeißt Störenfriede schon mal raus, geht sogar zum Judo-Training. Aber alles in allem erinnert er sich gern an die „verrückte Zeit“, in der die GIs beim Ausgehen Krawattenzwang hatten. Er ist froh, wenn ein höherer Militär in der Kneipe ist, dann reißen sich die jungen Soldaten zusammen. Und der MP-Chef steigt im Lokal schon mal auf den Tisch und zückt die Pistole, um für Ruhe zu sorgen. Wie im Wilden Westen.

Angelika Baron, die geschiedene, dreifache Mutter, wird zum Beispiel Zeugin der berühmten Augsburger „Schlachthof-Schießerei“. An jenem Tag 1983 sieht „Anschi“ ein Auto, dessen Kennzeichen mit Pappe überklebt ist. Sie ruft die Polizei. Im Auto mit den verdeckten Kennzeichen sitzen ein italienischer Geschäftsmann, sein Sohn und zwei Stiefsöhne, alle schwer bewaffnet. Sie sinnen offenbar wegen eines Milieu-Streits auf Rache an Zuhältern. Als Beamte einer Zivilstreife das Auto kontrollieren wollen, eröffnet der Geschäftsmann das Feuer aus einer Schrotflinte. Im Gefecht mit zahlreichen Polizisten sterben beide Stiefsöhne. Ein Polizist wird so schwer verletzt, dass er nie mehr in den Dienst zurück kann.

Es ist bis tief in die 80er Jahre hinein ein brutales, gewalttätiges Milieu. Zehn Jahre nach der „Schlachthof-Schießerei“ wird „Anschi“ selbst Opfer dieses Milieus. Doch der Verdächtige Stefan E. bestreitet die Tat. Dem Augsburger Schwurgericht steht ein langwieriger Indizienprozess bevor, in dem DNA-Spuren mit die wichtigsten Beweismittel sind. Diese Möglichkeit hatten die Ermittler der 60er und 70er Jahre noch nicht.

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Im Jahr 1993 wird in Augsburg die Prostituierte Angelika Baron umgebracht. Die Ermittlungen verlaufen zuerst im Sand. Doch fast 25 Jahre danach erfolgt ein Durchbruch.

Video: Jörg Heinzle, Jan Kandzora
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