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Augsburg

15.01.2021

Mord in Gögginger Asylheim: Zeugen durchleben im Prozess erneut Albtraum

Nabi S. muss sich unter anderem wegen Mordes an seinem 15-jährigen Schwager vor dem Landgericht Augsburg verantworten.
Foto: Stefan Puchner

Plus Im Augsburger Mordprozess gegen den Afghanen Nabi S. steht den Zeugen das Blutbad plötzlich wieder vor Augen. Die ganze Familie steht noch immer unter Schock.

Als die beiden Schwestern vor dem Schwurgericht belehrt werden, dass sie als Zeuginnen die Wahrheit zu sagen haben, zittern die jungen Frauen. Fest klammern sie sich aneinander. "Wir wollen Ihnen nichts Böses", beruhigt sie die Vorsitzende Richterin Sabine Konnert. Für die afghanische Familie des getöteten 15-Jährigen ist es eine große Last, vor Gericht zu schildern, was im April 2020 in ihrer Wohnung in der Asylunterkunft passiert ist. An jenem Samstag, der in einem Blutbad endete.

Nabi S. sah sich wohl in Ehre verletzt: Wegen Mordes angeklagt

Der einzige Sohn: tot am Boden - mit aufgeschlitzter Kehle. Die Mutter mit lebensgefährlichen Stichverletzungen, zwei Töchter und der Vater ebenfalls mit blutenden Wunden. Der 30-jährige Mann der ältesten Tochter, Nabi S., der sich wegen Mordes an seinem Schwager und wegen vierfachem Mordversuchs derzeit vor dem Augsburger Landgericht verantworten muss, muss voll vernichtendem Hass gewesen sein. Weil sich seine Frau von ihm getrennt hatte, sah sich Nabi S. in seiner Ehre gekränkt, wollte die gesamte Familie dafür bestrafen, so sieht es die Anklage. Die Zeugen durchleben vor Gericht nochmal diesen Albtraum. Wie die 20-jährige S., die mittlere der drei Schwestern und Schwägerin des Angeklagten.

"Ich sagte ihm, er soll abhauen", erzählt die junge Afghanin mit Hilfe eines Dolmetschers vor Gericht. Sie schildert, wie Nabi S. an jenem Tag die Familie im Haus Noah in Göggingen, eine Asyleinrichtung der Caritas, besuchte. Angeblich habe Nabi S. seinen Sohn sehen wollen. Wenige Monate zuvor hatte sich die Ehefrau von ihm getrennt und war mit dem gemeinsamen Kind zu ihrer Familie nach Augsburg gezogen. Wie schon in den ersten Prozesstagen deutlich wurde, muss die Afghanin, die im Alter von zwölf Jahren verheiratet worden war, in der Ehe durch eine Hölle gegangen sein.

Trotz gerichtlichem Kontaktverbot kam er nach Augsburg zum Asylheim

Nabi S. drangsalierte sie offenbar jahrelang, verprügelte und folterte sie. Ihr Schwager, erzählt die Zeugin weiter, habe nach einem weiteren schlimmen Übergriff gerichtliches Kontaktverbot erhalten. Dennoch habe ihr Vater ihm an jenem Tag einen Kaffee machen wollen. Der 30-Jährige betrat ihr zufolge die Wohnung, ging auf die Toilette. Seinen Rucksack nahm er mit. "Das kam mir komisch vor", sagt die Frau.

Als er vom Klo zurückkehrte, habe er plötzlich mit einem Messer auf die Mutter eingestochen. "Er setzte sich auf sie, wollte ihr die Kehle durchschneiden." Sie selbst sei dazwischengegangen, habe versucht, das Messer festzuhalten, dann habe er ihr in den Rücken gestochen. Die lange Narbe, die sie seitdem trägt, will die Zeugin nicht zeigen. Das will auch ihr Vater nicht, der im Zuschauerraum sitzt. Ihm entfährt ein "Nein", als die Zeugin gefragt wird. Sie selbst, erzählt sie weiter, rettete sich auf die Toilette, sperrte sich ein. Wenig später hörte sie ihren Vater schreien: "Warum hast du meinen Sohn erstochen!"

Als sie heraustrat, sah sie ihren kleinen Bruder auf dem Boden liegen. Die Zeugin weint, auch der Vater wird von Tränen geschüttelt. Nabi S. soll lächelnd zu ihr gesagt haben: "Du hast dich vor mir gerettet." Seit der Trennung ihrer Schwester, macht die Zeugin deutlich, habe Nabi S. gegenüber der sechsköpfigen Familie immer wieder Drohungen ausgestoßen. Wie etwa: "Ich werde euch nicht in Ruhe lassen. Ich werde was mit euch machen. Weil ihr M. sehr liebt (der Sohn der Familie, Anm. d. Redaktion), werde ich ihn euch wegnehmen. Falls so etwas passiert, werde ich zehn oder 15 Jahre ins Gefängnis kommen, aber danach wieder frei sein."

Das Urteil wird voraussichtlich Ende Januar fallen.

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