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Augsburg

14.03.2019

Mordprozess Angelika Baron: Wie glaubwürdig ist der Zeuge aus dem Knast?

Im Mordprozess Angelika Baron sagte nun ein Häftling aus, der im Gablinger Gefängnis sitzt.
Bild: Marcus Merk (Symbol)

Plus Das Verfahren um den Tod der Prostituierten 1993 steht kurz vor Abschluss. Nun sagte ein Häftling aus, der behauptet, der Angeklagte habe ihm gegenüber gestanden.

Stefan E. ist kein Mann, der leicht zu durchschauen ist. Seit Dezember sitzt er auf der Anklagebank vor dem Landgericht, die Vorwürfe könnten schwerwiegender kaum sein. Der heute 50-Jährige soll 1993 die Prostituierte Angelika Baron ermordet und 2017 eine Bekannte vergewaltigt haben. Stefan E., ein schmaler und unauffälliger Mann, schweigt im Prozess. Vor Gericht trägt er stets Jeans und einen grauen Pulli mit der Aufschrift „Independent“, was übersetzt unabhängig heißt. Den meisten Zeugenaussagen folgt er ohne große sichtbare emotionale Regung. An diesem Prozesstag ist das anders, was an einem Zeugen liegt und der Geschichte, die er erzählt.

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Harald R. (Name geändert) wird in Handschellen in den Saal geführt, von zwei breitschultrigen Justizmitarbeitern begleitet. Er nimmt auf dem Zeugenstuhl Platz, seine Handschellen bleiben dran. Harald R. ist selbst für diesen Prozess, bei dem es an Auftritten von dubiosen Halbweltgestalten nicht mangelt , eine Ausnahmeerscheinung. Von seinen 44 Lebensjahren hat er 27 im Gefängnis verbracht, berichtet er, was für sich genommen bereits eine erstaunliche Leistung ist. Seit einigen Wochen sitzt er nun im Gablinger Gefängnis und war offenbar der Zellennachbar des Angeklagten. Noch erstaunlicher als sein Lebenslauf ist freilich seine Aussage.

Mordprozess Angelika Baron: Der Angeklagte schweigt

Stefan E., so berichtet es der Zeuge, habe ihm gegenüber nämlich den Mord an der Prostituierten gestanden, oder zumindest seine Beteiligung daran. Der Angeklagte, sagt der Zeuge, habe wohl das Bedürfnis gehabt, sich „zu öffnen“. Ein Zuhälter habe demnach 1993 den Auftrag gegeben, Angelika Baron „schnellstmöglich verschwinden zu lassen“. Ein weiterer Mann, ein Taxifahrer mit Milieuverbindungen, und Stefan E. hätten sich darum gekümmert, der Angeklagte sei bei der Tat zumindest dabei gewesen. So, sagt Harald R., habe der Angeklagte ihm das geschildert. Es ist eine teils schwer verständliche, inhaltlich manchmal konfuse Aussage, Stefan E. schüttelt immer wieder den Kopf. Harald R. erzählt vieles, zum Beispiel, dass Stefan E. ihm Folgendes berichtet habe: Dass es den Verdacht der Vergewaltigung gegen ihn gegeben habe, und dass man über diese Ermittlungen und eine DNA-Spur eine Verbindung zum ungeklärten Mordfall aus dem Jahr 1993 hergestellt habe. Dieser Ablauf der Ereignisse wurde so teils in anderen Medien verbreitet, und er ist falsch. Es war anders herum: Erst liefen Ermittlungen wegen des Mordverdachtes, später kam der Vorwurf der Vergewaltigung gegen Stefan E. auf. Erzählt Harald R. an dieser Stelle einfach nach, was er irgendwo gehört oder gelesen hat? Es wird nicht ganz klar.

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Anderseits nennt der Zeuge konkrete Details, die öffentlich nicht bekannt sind, etwa die Namen des damaligen Zuhälters und des damaligen Taxifahrers. Beide Menschen existieren grundsätzlich, sie waren auch als Zeugen geladen. Woher weiß der Häftling die Namen, wenn nicht vom Angeklagten? Bevor Harald R. im Gericht aussagt, will er „unter vier Augen“ mit der Staatsanwältin sprechen. Später unter vier Augen oder „unter sechs“ mit Richtern der Strafkammer. Erst nachdem das Gericht und die Staatsanwältin ihm verdeutlichen, dass dies so nicht funktioniert, beginnt er, zu erzählen. War seine Hoffnung, irgendeinen Deal für sich einfädeln zu können? Ganz klar wird das nicht. Nach minutenlangem Schweigen auf die Frage, was er mit dem Anliegen bezwecken wollte, sagt er, Stefan E. habe ihm erzählt, man habe die Leiche damals in einem Häcksler entsorgen wollen, dieser sei aber kaputt gewesen. Es bleibt alles seltsam.

Prozess in Augsburg: Viele dubiose Gestalten, viele fragwürdige Aussagen

Ohnehin dürfte es für die Kammer keine ganz leichte Aufgabe sein, zu entscheiden, welche Aussagen von Zeugen sie als glaubhaft erachtet und welche nicht. Das Rotlichtmilieu ist nicht unbedingt für die Ehrlichkeit seiner Mitglieder berüchtigt; es war im Laufe der Verhandlung viel Abenteuerliches zu hören. Viele ehemalige Prostituierte etwa behaupteten, sie hätten damals keinen Zuhälter gehabt. Andere Zeugen hatten sehr selektive Erinnerungslücken.

Nun also ein Häftling, der behauptet, Stefan E. habe ihm gegenüber einen Mord gestanden. Zwei verdeckten Ermittlern, die Stefan E. 2017 Monate lang bearbeitet hatten , war es nicht gelungen, dem Verdächtigen ein Geständnis zu entlocken. „Chris“ und „Bernd“, wie sich die beiden speziell geschulten Polizisten nannten, sagten am Montag aus, unter hohen Sicherheitsvorkehrungen: Ihre Aussagen wurden von einem anderen Ort in den Gerichtssaal übertragen, ihre Stimmen verzerrt, die Öffentlichkeit war ausgeschlossen. Einer der beiden Ermittler hatte Stefan E. nach Informationen unserer Redaktion irgendwann offenbar sogar mit der Tatsache konfrontiert, dass er Hauptverdächtiger sei. Doch auch das führte nicht zum Erfolg.

In eineinhalb Wochen wird der Prozess fortgesetzt. Die Beweisaufnahme ist mittlerweile so gut wie abgeschlossen.

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