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Augsburg

12.05.2019

"Motorrad-Engel": Die Lebensretter auf zwei Rädern

Ein beeindruckendes BIld: Die Mitglieder des BRK starten von der Wache des Kreisverbandes Augsburg-Land in der Gabelsbergerstraße zur gemeinsamen Ausfahrt zum 35-jährigen Jubiläum.
Bild: Annette Zoepf

Die Motorradstreifen des BRK feiern ihr 35-jähriges Bestehen. Zum Festakt kamen ehrenamtliche Mitglieder aus ganz Bayern nach Augsburg. Nicht jeder ist für den Job gemacht.

Wenn Rettungsfahrzeuge im Stau stehen, kann es vorkommen, dass Motorräder für Lebensretter die einzige Möglichkeit sind, um rechtzeitig zum Unfallort zu gelangen. Seit 35 Jahren gibt es die Motorradstreife des Bayerischen Roten Kreuzes, mittlerweile an 19 Standorten im Freistaat. Zum Jubiläum trafen sich ihre Mitglieder aus ganz Bayern beim BRK-Kreisverband Augsburg-Land.

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Kreisgeschäftsführer Thomas Haugg sagt: „Wir sind in den Reisezeiten hauptsächlich auf den Autobahnen und Landstraßen unterwegs.“ An den Wochenenden seien mindestens zwei Maschinen im Einsatz, diese können von der Einsatzleitstelle über GPS geortet werden. Der 50-Jährige fährt ebenfalls Streife auf dem Motorrad. Das Einsatzgebiet des Kreisverbandes geht auf der Autobahn von Adelzhausen bis Ulm und auf der Bundesstraße von Meitingen bis Lagerlechfeld. Der Fachdienst Motorrad beim Kreisverband Augsburg-Land hat 17 Einsatzkräfte. Diese arbeiten ehrenamtlich ohne Aufwandsentschädigung. Viele der rund 1300 Einsätze pro Jahr sind Kleinigkeiten, vom Absichern einer Gefahrenstelle bis zur Versorgung im Stau mit Wasserflaschen und neuen Windeln. Auch beim Katastrophenschutz beteiligen sich die BRK-Motorradfahrer, lotsen etwa Fahrzeugkolonnen durch überschwemmtes Gebiet.

Motorradstreifen in Augsburg: Manchmal geht es um Leben oder Tod

So banal manche Einsätze klingen, hin und wieder geht es auch unmittelbar um Leben oder Tod. „Unsere Fahrer sind speziell ausgebildet, relativ lange alleine arbeiten zu können.“ Haugg selbst sagt, er habe einmal einen Säugling nach einem Atemstillstand mitten auf der Autobahn reanimiert, bevor die anderen Rettungskräfte eintrafen. Die meisten bei der Motorradstreife seien Rettungsassistenten oder Notfallsanitäter, dürfen Notfallmedikamente wie Adrenalin spritzen. Hinzu komme auch die fahrerische Komponente, sagt Haugg. Es habe schon interessierte Kollegen gegeben, die nach dem Trainingslehrgang wieder aufgehört hatten. „Die Autobahn ist ein sehr gefährlicher Arbeitsplatz.“ Ein einschneidendes Erlebnis sei im Jahr 1995 gewesen, als ein Kollege während des Einsatzes bei einem Unfall ums Leben gekommen ist, nachdem ihn ein Autofahrer von den Rädern geholt hatte.

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Sonja Langlois aus Horgau fährt beim Kreisverband auf Streife. Die 32-jährige ist begeisterte Motorradfahrerin, präsentiert stolz ihr Arbeitsgerät: eine BMW 1200, 125 PS und knapp 240 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit. „Wir haben prinzipiell alles dabei, was ein Rettungswagen auch hat, nur kleiner und jeweils nur einmal“, sagt sie. Zwei Taschen sind am Motorrad befestigt – eine für den Kreislauf und eine für die Beatmung. Im Helm ist die Funkverbindung zur Zentrale eingebaut. Auch ein Feuerlöscher ist an Bord. Man merke das Gewicht des über 300 Kilo schweren Motorrads auf der Straße nicht, meint Langlois. Im Gelände sei die BMW-Maschine dagegen eher ungeeignet. Für solche Einsätze hat der Kreisverband in seinem Fuhrpark ein Quad. „Mit diesem können wir bei einer Vermisstensuche in den Wald fahren.“

Die Augsburger Verkehrspolizei sieht Aufklärungsbedarf

Die Rettungsassistentin ist eine von vier Frauen bei der Motorradstreife in ganz Bayern. Trotz steigender Zahlen von Übergriffen auf Rettungskräfte habe sie im Einsatz noch nie Probleme gehabt, sagt Langlois. Sie fahre aber nur tagsüber. Ihr sei ein anderes Thema wichtig: „Einmal ist ein Kollege bei einem Einsatz auf der Autobahn etwa 100 Meter vorausgefahren. Bei ihm haben die Autofahrer eine Rettungsgasse gebildet, danach jedoch gleich wieder zugemacht.“ Die Rettungsgasse müsse offen gehalten werden. Ein Rettungswagen würde nie durchkommen, wenn sie es nicht einmal mit dem Motorrad schaffe.

Alois Rager, Leiter der Augsburger Verkehrspolizei, war bei der Jubiläums-Veranstaltung zu Gast. Über die Ignoranz mancher Autofahrer beim Bilden einer Rettungsgasse meint der Polizeioberrat: „Wir müssen weiter aufklären.“ Zwar bestünde die Möglichkeit, Bußgelder zu verhängen, doch hätten seine Kollegen im Einsatz für Kontrollen meistens keine Zeit. „Wir müssen mit unseren Kräften unmittelbar an die Unfallstelle, um den Rettungsdienst zu unterstützen.“ Kollege Haugg vom BRK beklagt zudem die scheinbar niedrigere Hemmschwelle bei Gaffern. Gemeinsam wollen sie künftig konsequenter gegen Störer vorgehen.

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