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Augsburger Geschichte

01.03.2018

Munition aus Münzgeld

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1914 ließ die Deutsche Reichsbank als Ersatz für die silbernen Ein-Mark-Münzen Darlehensscheine über eine Mark drucken.

 Vor 100 Jahren führte die Waffenproduktion zu Metallmangel. Aus Sammlungen Abgezweigtes füllte 1920 das Kupfermuseum im Wollmarkt.

Bereits lange vor Beginn des Ersten Weltkriegs wurden zur Herstellung von Waffen und Munition Nickel und Kupfer in gigantischen Mengen verbraucht. Zu Kriegsbeginn 1914 hatte die Rüstungsindustrie im Deutschen Reich kaum mehr Vorräte. Da sah sich die Regierung zu einer ungewöhnlichen Beschaffungsmaßnahme gezwungen: Viele Millionen Kupfer- und Nickelmünzen wurden aus dem Verkehr gezogen und eingeschmolzen. Das ab 1902 geprägte 5-Pfennig-Stück wog zwar nur 2,5 Gramm, bestand aber zu 75 Prozent aus Kupfer und zu 25 Prozent aus Nickel. Also verschwand es wie andere Kleinmünzen aus dem Umlauf.

Die Folge: Es herrschte eklatanter Münzgeldmangel. Das brachte den Zahlungsverkehr beim Metzger oder Bäcker in Schwierigkeiten. 1916 bis 1918 ließ die Reichsbank zwar noch offizielle Fünf- und Zehn-Pfennig-Münzen aus Eisen prägen, jedoch längst nicht in ausreichender Menge. Etliche Augsburger Industrieunternehmen behalfen sich zu diesem Zeitpunkt bereits selbst: Sie ließen ab 1916 für den Zahlungsverkehr in ihren Kantinen 5-, 10-, 25- und 50-Pfennig-Scheinchen drucken. Dieses papierene Kleingeld akzeptierten auch Augsburger Geschäfte außerhalb der Firmen. Diese tauschten es in normales Geld.

Offizielles Münzgeld blieb bald ganz draußen vor den Werkstoren. Die Firmen ersetzten es durch eigene Prägungen. Sie waren haltbarer als die schnell zerfledderten Papierchen. Die Betriebsmünzen der Baumwollfeinspinnerei trugen die Bezeichnung „Wirthschaftsgeld“, bei der SWA „Wirthschaftszeichen“. 1918 ließ die Stadtbachspinnerei „Kleingeldersatzmarken“ über 1, 2, 5 und 10 Pfennig aus Eisen prägen. Von der Baumwollspinnerei Senkelbach sind Zeichen mit der Prägung „Gut für 5 Pfennig“, von der Haindl’schen Papierfabrik „10 Pf.“-Stücke erhalten. Die Zündholzfabrik „Union“ benutzte Akkordmarken als Betriebsgeld.

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Die Kriegführung verschlang ungeheure Mengen Metalle aller Art

Die Kriegführung verschlang ungeheure Mengen Metalle aller Art. Als Ersatz reichte das Einschmelzen von Münzen bei Weitem nicht aus. Der Staat griff schnell zu weiteren Maßnahmen: Metalle aus Privathaushalten, Gaststätten und Betrieben mussten „abgeschöpft“ werden. Im März 1915 fand die erste „Metallsammelwoche“ in Augsburg statt, „um der Industrie und damit unserem Heer neue Metalle zufließen zu lassen“.

Vom Löffel bis zur Milchkanne und von den Waaggewichten bis zum Zinnkrug war alles gefragt, was aus Metall bestand. Bei Kunstobjekten wog eine Annahmekommission ab, ob sie wegen des historischen Werts zu erhalten waren. 1917 mussten Gaststätten von Bierkrügen die Zinndeckel abnehmen und abliefern. In Augsburg wurden massenhaft Metallwaren gespendet, doch nicht aus allen Objekten wurden Waffen oder Munition. Mit der Metallsammlung beauftragte Augsburger zweigten erhebliche Mengen Sammelgut ab. Sie leiteten es nicht an die Zentralstelle weiter, sondern verwahrten es in der Stadt. So überstand ein „unterschlagenes“ buntes Sortiment das Kriegsende.

1920 entstand ein Kupfermuseum im Wollmarkt

Mit diesen Gegenständen ließ die Stadt 1920 ein „Kupfermuseum“ im Wollmarkt bei St. Margaret einrichten. Eine Fotoserie dokumentiert die Ausstellung: 24 Aufnahmen zeigen Backformen, Kannen, Eimer, Handmörser und vieles mehr. Auf Tischen sind Serien ineinander stapelbarer Gewichte zu sehen, Teller und Krüge aus Metall stehen auf Borden. Gefäße jeglicher Art aus Kupfer, Zinn oder Eisen, wie sie einst in Haushalten, Gaststätten, Bäckereien oder in Geschäften im Gebrauch waren, wurden in den Gewölberäumen gezeigt, in denen zuvor der Schafwollmarkt stattgefunden hatte. Im Zweiten Weltkrieg gab es wiederum Metallsammlungen. 1940 landete der Großteil des Museumsbestandes dann doch in Schmelzöfen. Ausgenommen blieb nur, was das Maximilianmuseum als historisch besonders wertvoll ausgesucht hatte.

Auch Kirchenglocken blieben während des Ersten und des Zweiten Weltkriegs nicht vor dem Einschmelzen verschont. Am 1. März 1917 erfolgte die Bekanntgabe über die Ablieferung von Glocken, die Bronze enthielten. Das waren in Augsburg viele. In jedem Kirchturm verblieb nur mehr ein bescheidenes Geläut aus meist kleinen und historischen Glocken. Insgesamt 65000 Glocken gingen während des Ersten Weltkriegs im Deutschen Reich und in besetzten Gebieten verloren.

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