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28.02.2016

Musizierendes Medizinerduo

Das musizierende Mediziner-Duo „Tante Doktor“ alias Hans Voigtmann und Sarah Becker gastierte im Neuen Theater Burgau.
Bild: Martin Gah

Konzert „Tante Doktor“ zeigt in Burgau zum ersten Mal ihr 90-Minuten-Programm. Dabei geht es auch um sehr ernste Themen

Burgau Für Hans Voigtmann war der Abend im Neuen Theater Burgau ein Wiedersehen mit der Heimat nach langer Zeit. Er wuchs in Günzburg auf und machte dort sein Abitur. Danach zog er weg. Er tat es seinem Vater gleich und wurde Arzt. Jetzt ist er als Anästhesist am Uniklinikum Gießen tätig. Dort gründete sich die Band „Tante Doktor“, mit der Voigtmann in Burgau gastierte.

2012 fanden sich zur musikalischen Begleitung des Medizinerkabaretts „Elephant Toilet“ drei Ärzte und zwei Profimusiker zusammen. Mittlerweile hat diese Formation aber schon zwei eigene Alben veröffentlicht, nämlich „Unsteril“ und „Bipolar“. Gelegentlich tritt von den fünf Musikern nur ein Duo in Erscheinung. In Burgau wagten sich diese beiden zum ersten Mal an ein 90-Minuten-Programm.

Hans Voigtmann (Gesang, Gitarre, E-Orgel) und die Zahnärztin Sarah Becker (Gesang, Melodica, Glockenspiel, E-Orgel, E-Bass, Drumcomputer) eroberten die Herzen des Burgauer Publikums im Sturm. Denn sie sind Ärzte, die Empathie zeigen. Die psychische Wirkung ihres Tuns lässt sie nicht kalt. „So habe ich mir das nicht vorgestellt“ sagte ein kleiner Junge, dem bei der Vorbereitung einer Herz-OP ein Zugang gelegt wurde. Vor Schmerzen brach er in Tränen aus. Daraus entstand die Ballade „Der kleine Wolf“. Unter dem Eindruck der Privatisierung des Uniklinikums Gießen entstand der Song „Heile Welt“ – musikalisch mal treibend, mal bluesig angelegt. Im Text wird deutlich, wie durch die Ökonomisierung des Krankenhausalltags die Zuwendung für die Patienten auf der Strecke bleibt: „Vier Minuten sind vorbei, die Tür geht wieder auf und zu, dazwischen Einsamkeit und Ruh. Wartet auf das Ende seiner Tage, wartet – Besuch kommt keiner.“ In anderen Texten wird der Klinikalltag mit makaber-morbidem Humor betrachtet. Die größten Lacher erntet ein Stück über den Inhalt eines Klinik-Kühlschranks. Darin sind unter anderem Medikamente, die mit Spritzen verabreicht werden: „Kalt spritzt es sich einfach besser, man trinkt ja auch kein warmes Bier!“ Die musikalische Umsetzung bewegt sich irgendwo zwischen Klezmer, Soul und Flamenco. Beim Flamenco-Teil singt das Publikum aus voller Kehle mit.

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„Tante Doktor“ hat auch einige englische Songs und Lieder zu außerklinischen Themen zu bieten, zum Beispiel zur Flüchtlingskrise. Der Song „Am Zaun“ entstand lange vor dem syrischen Bürgerkrieg, als in Gießen ein Pferdediebstahl durch die Presse ging, der von Asylanten verübt worden ist. In dem Lied wird Europa als Luxushotel dargestellt, in dem nicht alle Gäste gern gesehen sind: „Ohne Handtuch auf dem Liegestuhl ist der Platz nicht reserviert. Am Pool scheint die Sonne schön, Artikel 1 wird ignoriert“. Der Song „Krieg in den Hütten“ beschreibt eine zerbrechende Liebesbeziehung mit klinischem Jargon. Außerdem werden in diesem Song Zitate der hessischen Dichter Georg Büchner und Johann Wolfgang Goethe verdreht.

„Tante Doktor“ reißt das Publikum nicht nur mit expressivem Gesang immer wieder zu Johlen und Beifallsstürmen hin, auch instrumental sind die musizierenden Mediziner versiert.

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