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Findelkind vom Lechufer

04.09.2013

Nach 44 Jahren: Ein Wiedersehen mit Herzklopfen und Tränen

Zorica Strbac wurde 1969 als Säugling am Lech gefunden – von der Augsburgerin Regina Riedesser. Nun haben sich die beiden getroffen. Mit dabei war auch der Vater des Findelkinds.

Zorica Strbac wurde 1969 als Säugling am Lech gefunden – von der Augsburgerin Regina Riedesser. Nun haben sich die beiden getroffen. Mit dabei war auch der Vater des Findelkinds.

An Silvester saßen Zorica Strbac und ihre Halbschwester Elvira in Kassel zusammen. Weil ein Jahreswechsel immer ein guter Anlass für einen Blick in die Zukunft ist, haben sich die beiden Frauen etwas vorgenommen: „Ich will endlich Frieden finden, mit der Vergangenheit abschließen und glücklicher durchs Leben gehen“, sagte Zorica. Und Elvira versprach, ihr zu helfen. Sie weiß, dass ihre ältere Schwester nicht viel Glück hatte. Die beiden führen das auf den dramatischen Start ins Leben zurück. Zorica, heute 44, wurde von ihrer Mutter als Säugling im August 1969 in Augsburg am Lechufer ausgesetzt. Erst Jahrzehnte später sieht sie sich in der Lage, das Erlittene aufzuarbeiten. Das sollte 2013 passieren, nahm sie sich an Silvester vor.

Sie fallen sich in die Arme und weinen

Acht Monate später. Der Hofgarten in der Augsburger Innenstadt. Zorica Strbac trägt ein Bild. Sie hat es selbst gebastelt, 44 vierblättrige Kleeblätter gesammelt und auf einer Leinwand zu einem Herz zusammengeklebt. „Danke“ steht in der Mitte. Und außen herum: „Zur richtigen Zeit am richtigen Ort“. Im Herz kleben zwei Schwarz-Weiß-Fotos. Das eine zeigt Zorica als Säugling auf dem Arm einer Krankenschwester.

Das andere Foto zeigt eine junge Mutter mit ihrem Sohn. Es ist am 12. August 1969 in unserer Zeitung erschienen und zeigt Regina Riedesser mit Sohn Joachim. Sie ist Zoricas Lebensretterin. Sie hat das neun Tage alte Mädchen in einer Tasche am Lechufer gefunden und zur Polizei gebracht. Seit diesem kurzen Moment, an dem sich die Lebenswege der beiden Frauen kreuzten, haben sie sich nicht mehr gesehen. Und jetzt fallen sie sich in die Arme und weinen.

„Ich danke Ihnen“, sagt Zorica Strbac. „Mir fehlen die Worte“, sagt Regina Riedesser. Dann umarmen sie sich wieder. Zoricas Vater Jozo Strbac tritt hinzu, ein kräftiger Mann mit starkem Nacken und Glatze, dem man sein Alter von 66 Jahren nicht ansieht. Er wollte, wie Zoricas Halbschwester Elvira, unbedingt mitkommen, wenn seine Tochter ihre Lebensretterin trifft. Es ist auch ein Teil seiner Lebensgeschichte. Jozo überreicht Frau Riedesser einen großen Blumenstrauß und sagt: „Danke für alles.“ Der kräftige Kerl weint ebenfalls. Es scheint, als ob sich in diesen Sekunden die Schicksale mehrerer Menschen in Tränen auflösen.

Der dramatische Moment eines zufälligen Zusammentreffens

In der Mythologie des Altertums steht ein ausgesetztes Baby meist im Zusammenhang mit einem Unheil. Das Findelkind selbst ist dann aber oft ein Heldenkind. Im Fall von Zorica Strbac und Regina Riedesser, 71, ist es nicht so. Im Gegenteil: Der dramatische Moment ihres zufälligen Zusammentreffens am 11. August 1969 scheint das Schicksal beider Frauen auf unerklärliche Weise negativ beeinflusst zu haben. Beide hatten viel Pech im Leben. Es gibt erstaunliche Parallelen.

An diesem einzigartigen Tag erweist sich das als günstig. Die beiden Frauen finden sofort einen Draht zueinander. Wenige Minuten nach der wortkargen, tränenreichen Begrüßung gehen sie Arm in Arm die Straße hinunter und sprechen im Plauderton über ihre Bandscheibenprobleme. Zorica hat bereits zwei Operationen hinter sich. Regina hat Angst vor so einem Eingriff. „Aber bei mir ist es seitdem viel besser. Ich helfe dir, denselben Arzt zu finden“, sagt die Jüngere. „Vielleicht kann ich mich ein wenig revanchieren, du hast mir schließlich das Leben gerettet.“ Ist das der Beginn einer Freundschaft? Am Abend wird Regina Riedesser sagen: „Das war heute ein sehr positiver Einschnitt in meinem Leben.“

Wir fahren an den Lech, nähern uns der Stelle, an der alles begann. Zorica sagt: „Ich habe Angst.“ Zum ersten Mal wird sie den Ort sehen, wo ihre leibliche Mutter Vera M. sie vor 44 Jahren ausgesetzt hat. Der Fluss führt viel Wasser. Eine Kiesbank gibt es an diesem Tag nicht. Zorica, Regina und Reginas Sohn Joachim Busch gehen zusammen die steilen Treppen hinunter. Ein unheimlicher Moment.

Das Findelkind von damals ist auf der Suche nach Antworten. Vera M. hat sie nicht gegeben bei dem einzigen Zusammentreffen seit der Kindheit. Warum hat meine Mutter mich nicht zur Adoption freigegeben? Warum hat sie mich ausgesetzt? Wollte meine Mutter, dass ich gefunden werde oder dass ich sterbe? Eine Antwort zumindest glaubt Zorica Strbac hier zu finden, angesichts der etwas abgelegenen Stelle und des Umstands, dass sie in einer verschlossenen Tasche an einem heißen Sommertag ausgesetzt wurde: „Es ist sehr beklemmend für mich, diese Stelle zu sehen. Ich weiß jetzt, dass meine Mutter mich kaltblütig für immer loswerden wollte.“

Zorica und Regina fallen sich wieder in die Arme. Tränen fließen. Regina sagt: „Ich hätte ja auch nachforschen können, was mit dem Baby geschehen ist. Aber ich hatte genug mit den eigenen Kindern zu tun.“ Frau Riedesser hat vier Kinder großgezogen.

"Meine Mutter hat mein Leben verpfuscht"

Das Findelkind will die Verantwortung nicht bei ihr sehen. „Das wäre die Aufgabe meiner eigenen Mutter gewesen. Stattdessen hat sie mein Leben verpfuscht.“ Es sind die unversöhnlichen Worte einer tief verletzten Tochter.

Der Kinderpsychologe Holger Simonszent aus Gauting bei München sagt: „Wir sprechen von Risikofaktoren.“ Solche gab es im Leben von Zorica Strbac viele. Die Herkunft aus einem anderen Kulturkreis. Der Aufenthalt im Heim. Der Bruch mit nahe stehenden Menschen. Die Totgeburt eines eigenen Kindes – ihr Ex-Mann hat Zorica so geschlagen, dass sie das Baby verlor. Und natürlich die Aussetzung. „Das ist auch ein großer Risikofaktor“, sagt Simonszent. „Für das Selbstwertgefühl ist es katastrophal zu wissen: Meine Mutter wollte mich nicht.“ Die Risikofaktoren summieren sich bei Zorica, meint der Experte.

Ein Neugeborenes gewöhne sich rasch an den Geruch, die Brust und den Atemrhythmus der Mutter. Für den Diplom-Psychologen steht fest: „Wenn man ein Kind aus welchen Gründen auch immer weggeben muss, sollte man es sofort tun.“ Dann bestünden die besten Chancen für eine günstige Entwicklung. „Heute ist die Versorgung viel besser als vor 44 Jahren. Wenn ein Kind gleich nach der Geburt zu einer liebenden Pflegefamilie kommt, dann kann sehr viel abgefangen werden“, sagt Holger Simonszent.

So war es bei Zorica Strbac eben nicht. Mit gut einem Jahr kam sie wieder zu der Mutter, die sie nicht haben wollte. Im Alter von gut drei Jahren holte ihr Vater sie zu sich. Jozo Strbac war hin und her gerissen zwischen Vaterliebe und Scham. Zorica spürte das schon früh.

Vater hat von der Schwangerschaft offenbar nichts gewusst

Nun will Jozo reden. Dem bulligen Mann ist das alles etwas unangenehm. Er habe nicht gewusst, dass seine Geliebte schwanger war, damals, sagt er. Erst eine Verwandte habe ihm im August 1969 gesagt, er solle mal nach Augsburg fahren. Vera M. traf er in ihrer Wohnung nicht an. Bei der Polizei erhielt er Informationen: Seine frühere Geliebte saß in Untersuchungshaft. Einige Wochen, nachdem Vera M. ihr gemeinsames Baby ausgesetzt hatte, besuchte Jozo Strbac sie im Gefängnis. „Erst da habe ich überhaupt erfahren, was los war“, berichtet der 66-Jährige mit feuchten Augen. Erst gut drei Jahre später konnte er seine Tochter Zorica zu sich nehmen. Es war am 10. Dezember 1972. Das Datum hat sich ihm für immer eingebrannt. In jener Nacht wurde sein zweites Kind geboren. „Ich habe in dieser Nacht zwei Kinder auf einmal bekommen“, erzählt er.

Und auf einmal ist die Stimmung gelöst an diesem für alle so emotionalen Tag. Die beiden Frauen wollen sich gar nicht mehr loslassen. Regina Riedesser sagt: „Irgendwie habe ich das Gefühl, ich habe heute auch eine große Tochter dazubekommen.“ Beide sind sich einig: Wir bleiben ganz sicher in Kontakt. Es gibt noch so viel zu erzählen.

In der darauffolgenden Nacht schläft Zorica Strbac sehr schlecht. Sie ist völlig aufgewühlt von den Erlebnissen. Nie hätte sie gedacht, dass ein Anruf bei unserer Zeitung ihr Leben so nachhaltig beeinflussen würde. „Ich werde jetzt nach vorne schauen“, sagt sie. Nächstes Jahr zieht sie mit ihrer Halbschwester nach Nieste um, etwa 13 Kilometer von Kassel entfernt. Dort wird Elvira mit ihrem Mann ein Haus bauen. In den oberen Stock soll Zorica einziehen. Es wird ihr 13. Umzug sein. „Mit jedem Umzug habe ich auch immer ein Lebenskapitel geschlossen“, sagt sie.

Halbbruder in Serbien

Oder doch nicht? Zorica hat in Serbien einen Halbbruder. Er wohnt nahe der Mutter Vera M. Eigentlich wollte Zorica ihm die schlimme Geschichte ihres Lebensbeginns ersparen. Dann hat sie ihm doch die Wahrheit über die gemeinsame Mutter erzählt. Erst war er schockiert. Aber dann meldete sich der Bruder: Er brauche einige Zeit, um das Gehörte zu verarbeiten, sagte er. Und wollte sich um eine Aussprache zwischen Mutter und Tochter bemühen. Seither hat Zorica nichts mehr gehört. Aber vielleicht ist das doch eher der Anfang als das Ende eines Lebenskapitels.

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