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Augsburg

07.10.2019

Nach Unfalltod im Urlaub: Viele wollen Familie Martin helfen

Das Grab von Josef Martin ist mit Blumen geschmückt. Der 14-jährige Junge kam in den Sommerferien bei einem Unfall in Ungarn ums Leben.

Plus Eine Familie aus dem Univiertel verliert im Urlaub ihren Sohn (14). Zur Trauer kommen andere Sorgen, es geht auch ums Geld. Wer jetzt alles helfen möchte.

Es ist ein sonniger Tag im August, die Landstraße in Ungarn ist schnurgerade und gut einsehbar. Es sind nur noch wenige Kilometer bis ans Ziel, im Auto der Augsburger Familie Martin herrscht gute Stimmung. Das Ehepaar mit seinen sieben Kindern ist auf dem Weg zum Plattensee, um dort einige unbeschwerte Tage zu verbringen.

Das Bild der Dashcam (Videokamera, die die Fahrt aufzeichnet) zeigt zwei langsame Fahrzeuge vor dem Auto der deutschen Urlauber - die Gegenspur ist frei. Vater Waldemar Martin setzt den Blinker und überholt. Doch als er auf Höhe des vor ihm fahrenden Autos ist, setzt dessen Fahrerin plötzlich ebenfalls den Blinker - und zieht nach links. Die Fahrerin kollidiert mit dem Neunsitzer der Martins.

Die nächsten Bilder der Dashcam zeigen, wie der Vater verzweifelt versucht, den schlingernden Wagen wieder unter Kontrolle zu bekommen, er schleudert nach rechts von der Straße, überschlägt sich, dann splittert Glas und das Video bricht ab. Acht Mitglieder der Familie klettern mit leichten Verletzungen aus dem Autowrack. Der 14-jährige Josef bleibt leblos in seinem Gurt hängen. Der Vater trägt sein Kind aus dem Auto, ein Ärztepaar, das zufällig hinter dem verunglückten Wagen fährt, kommt zu Hilfe und kämpft um das Leben des Jungen. Vergeblich. Josef stirbt auf der Fahrt in den Urlaub.

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Sohn (14) stirbt bei Unfall: Geschwister brauchen psychologische Hilfe

Einige Wochen später im Univiertel versucht Vater Waldemar Martin, über diesen Schicksalsschlag zu sprechen. „Wir haben erst jetzt angefangen zu realisieren, dass es für immer ist – wir vermissen ihn so sehr“, sagt er. Die Familie ist zurück in Augsburg und muss neben der Trauer gleichzeitig auch mit den finanziellen Nachwirkungen des Unglücks zurechtkommen.

Die Geschwister von Josef brauchen wohl psychologische Hilfe, sind seit dem Unfalltod des Bruders traurig und verschlossen, sagt der Vater. Die Eltern finden Trost in ihrem Glauben. „Gott macht keine Fehler“, ist auf dem Sterbebild ihres Sohnes zu lesen. „Ich bitte Gott um Kraft, ohne seinen Willen kann nichts geschehen. Es gibt einen Sinn, den wir nur nicht verstehen“, sucht der Vater nach Halt.

Noch in Ungarn hätte die Familie Trost und Hilfe aus ihrer Gemeinde Zum Guten Hirten und aus St. Elisabeth bekommen, wo die Eltern dem Neokatechumenalen Weg, einer Bewegung innerhalb der katholischen Kirche, angehören. Eine Woche mussten die Martins in Ungarn bleiben, bis die Behörden mit ihren Ermittlungen fertig waren. Derweil kümmerten sich Gemeindemitglieder und Freunde um die Rückführung des Kindes und bereiteten die Beerdigung vor.

Auch die finanziellen Sorgen der Martins versucht man seitdem zu lindern: Im Gottesdienst wurde zu Spenden aufgerufen, erzählen Gemeindemitglieder. Denn der neunsitzige VW Caddy Maxi, auf den die Großfamilie angewiesen ist, hat nur noch Schrottwert, von der Versicherung sei aufgrund des geringen Restwerts des Fahrzeugs kaum etwas zu erwarten, glaubt Waldemar Martin. Für einen Monat hat die Familie vom Arbeitgeber ein passendes Auto zur Verfügung gestellt bekommen - das dieser auf eigene Kosten extra angemietet hat, wie Martin dankbar berichtet.

Nachbar ging von Haustür zu Haustür und sammelte Geld für ein Auto

Adalbert Klamann wohnt zwei Stockwerke über den Martins – man kennt sich aus dem Hausflur. Als der Maurermeister von dem Unglück und dem dringend benötigten Auto erfuhr, beschloss er zu handeln. 540 Wohnungen gibt es in der Anlage der Wohnbaugruppe. Gemeinsam mit Hausmeister Edvin Milic machte Klamann sich auf, ging von Wohnung zu Wohnung und erzählte dort die Geschichte der Martins. In einem Holzkästchen bewahrt er das Geld auf, das die Menschen bei diesem Rundgang gegeben haben – gemeinsam mit einem Stapel Zettel, auf dem säuberlich Namen und die Spendensumme vermerkt sind. „Fast alle, die wir angetroffen haben, haben auch etwas gegeben“, freut sich der Nachbar. Knapp 2000 Euro sind auf diese Weise zusammengekommen. Als Nächstes nahm Klamann Kontakt zu einem befreundeten Autohändler an der Haunstetter Straße auf. „Ich konnte erreichen, dass der Händler auf seine Provision verzichtet und das Fahrzeug entsprechend billiger hergibt“, so Klamann.

Auch die Wohnbaugruppe und Oberbürgermeister Kurt Gribl baten Klamann und Milic um Hilfe. Man kenne die Familie als gute und angenehme Mieter, bestätigt Wohnbaugruppenchef Mark-Dominik Hoppe. „Wenn noch eine kleine Finanzierungslücke verbleiben würde, können wir uns vorstellen, die Familie mit einem niedrigen vierstelligen Betrag zu unterstützen“, so Hoppe. Ähnliches ist aus dem Büro des Oberbürgermeisters zu hören. Bei der „letzten Meile“ könnte sich Gribl vorstellen, etwas dazuzugeben, bestätigt Referent Frank Plamboeck.

Die Martins sind von dieser Hilfsbereitschaft überwältigt. „So viele Menschen haben uns in unserer Trauer beigestanden“, sagt Waldemar Martin. Auch wenn der Schmerz über den Verlust des Sohnes und Bruders für immer bleiben wird – die Anteilnahme bedeute ihnen viel, so Martin.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Fridtjof Atterdal: Es herrscht nicht nur Kälte in der Gesellschaft

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