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Augsburg

23.11.2013

Nach tödlicher Darmspiegelung: Patienten stornieren Termine

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Gefährlich sind die Polypen im Darm – hier werden sie von Besuchern eines begehbaren Darmmodells betrachtet. Aus ihnen kann Krebs entstehen.
Bild: Foto: dpa

Patienten haben Angst und stornieren Termine, weil ein 60-jähriger Augsburger nach einer Darmspiegelung gestorben ist. Doch Ärzte warnen.

Es war ein Routineeingriff, wie er täglich dutzendfach in Augsburg vorgenommen wird. Hans-Jürgen W., 60, verließ an einem Februartag 2009 frühmorgens das Haus, um zu einer Darmspiegelung zu gehen. Doch er kam nie wieder zurück. Er fiel während der Untersuchung ins Koma und starb später im Klinikum. Jetzt wurde der Mediziner wie berichtet zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, weil ihm grobe Fehler nachgewiesen wurden.

Nach tödlicher Darmspiegelung: Viele Patienten müssen beruhigt werden

Seit der tragische Fall öffentlich wurde, sind die Patienten im Raum Augsburg verunsichert. Dr. Michael Zilly spürt das derzeit jeden Tag. Der Facharzt arbeitet in einer Augsburger Gemeinschaftspraxis. Er musste viele Patienten beruhigen. Die Ängste kann er verstehen, er teilt sie jedoch nicht. „Das Risiko, Darmkrebs zu bekommen, ist ungleich höher, als an der Vorsorgeuntersuchung zu sterben“, sagt er.

 Er vergleicht die Situation mit einer Flugreise, um sie seinen Patienten zu erklären. „Wenn ein Flugzeug abstürzt, steht das in allen Medien“, sagt Zilly. „Dennoch ist Fliegen die sicherste Reiseart.“ Die meisten Patienten konnte der Arzt überzeugen, nur wenige haben dennoch den Termin zur Darmspiegelung abgesagt.

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Appell: Auf Vorsorgeuntersuchung nicht verzichten

Auch Dr. Kurt Reising, der Vorsitzende des ärztlichen Kreisverbands, warnt davor, angesichts des tödlichen Arztfehlers nun auf die Vorsorgeuntersuchung zu verzichten. Seit die Kampagnen zur Darmkrebs-Vorsorge greifen, sei die Zahl der Tumortoten deutlich gesunken. Reisings jüngste Patientin war, als er den Krebs bei ihr diagnostizierte, 24 Jahre alt. Normalerweise raten Ärzte ab 50 Jahren zur sogenannten Koloskopie, ab 55 wird sie von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. „Bei meiner jungen Patientin lag aber eine familiäre Disposition vor, ihre Mutter war mit 55 Jahren daran erkrankt. Wir konnten Mutter und Tochter heilen.“

Bevor der Darmkrebs überhaupt zum Krebs wird, ist er ein Polyp, ein sogenanntes Adenom und gutartig. Er sitzt als kleine Geschwulst auf einem Stiel, der an der Darmwand hängt. „Und dann wird er größer und größer und entartet, bis er ein Karzinom und bösartig ist“, erklärt Reising. Bei der Darmspiegelung, bei der eine kleine Kamera in den Darm eingeführt wird, wird nicht nur der Polyp enttarnt, sondern auch gleich entfernt. „Deshalb hat der Darmkrebs bei Früherkennung die besten Heilungschancen.“

Es war ein "tragischer Zwischenfall"

Professor Helmut Messmann, Chefarzt am Klinikum, ist ein anerkannter Experte auf dem Gebiet. „Wir kriegen die komplizierten Fälle“, sagt er. Eines seiner Bücher ist das meistverkaufte Buch über die Koloskopie und wurde in fünf Sprachen übersetzt. Auch der Spezialist war betroffen über den „tragischen Zwischenfall“. Aber Messmann hält dagegen: In den vergangenen zehn Jahren seien in Deutschland vier Millionen Koloskopien durchgeführt worden. „Nur einer von rund zwei Millionen Patienten stirbt an der Vorsorgeuntersuchung.“

In Deutschland sei die Vorsorge bei Darmkrebs im europäischen Vergleich auf höchstem Niveau, sagt Messmann. „Es gibt ein Qualitätssicherungsprogramm von der Landesärztekammer. Das verlangt, dass die niedergelassenen Mediziner ihre durchgeführten Koloskopien dokumentieren.“ Eigentlich ist das Standard. Doch auch dagegen hatte der jetzt verurteilte Arzt verstoßen. Eine Dokumentation sei bei ihm nicht üblich gewesen, ließ er in dem Prozess wissen.

Zu glauben, dass die Vorsorge gefährlich sei, wäre aber aus Sicht von Helmut Messmann der falsche Schluss. „Gefährlich ist es, nicht zur Darmspiegelung zu gehen“, sagt er. Er kennt die Statistik: „Wenn Sie 100 Freunde haben, werden sechs davon an Darmkrebs erkranken und womöglich sterben.“

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