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Augsburg

11.02.2019

Nachruf auf Willi Egger: Steiler Aufstieg, tiefer Fall

Willi Egger
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Willi Egger.
Bild: Marcus Merk (Archiv)

Willi Egger, einst Dritter Bürgermeister, ist tot. Mit seinem Namen sind wichtige Etappen der Stadtgeschichte verbunden – und eine Affäre.

Der frühere Dritte Bürgermeister und Sportreferent der Stadt Augsburg, Willi Egger, ist tot. Wie seine Familie am Samstag per Todesanzeige in unserer Zeitung bekannt gab, wurde der langjährige SPD-Kommunalpolitiker 88 Jahre alt.

Willi Egger wurde am 14. August 1931 in Augsburg geboren. Über Gewerkschaft und Naturfreunde kam er Anfang der 1950er Jahre zur SPD. Dort machte er Parteikarriere, wurde Vize im Unterbezirk, Stadtrat, Fraktionsvorsitzender und schließlich 1972 Bürgermeister.

1972 war das Jahr, in dem an der Kanustrecke in Augsburg das olympische Feuer entzündet wurde – und Egger stand als Sportbürgermeister im Rampenlicht. Als Sportreferent war Egger auch unumstritten. Er setzte sich für Neu- und Ausbauten von Sportstätten ein, war seit 1950 bei der TSG Augsburg aktiv und wurde deren Ehrenmitglied. Viele Jahre aktiv war er auch bei der Radsportgemeinschaft Augsburg.

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Der Aufstieg des Kommunalpolitikers endete jäh Anfang der 80er Jahre, als die Augsburger Allgemeine eine bundesweit beachtete Affäre aufdeckte, deren Auswirkungen über viele Jahre bis in die jüngste Zeit die Augsburger Stadtpolitik beeinflusste. Bei dem damals sogenannten „Fall Egger“ ging es im Prinzip darum, dass Egger in seiner Eigenschaft als Sozialreferent 1977 zusammen mit seinem Anglerfreund Max Helmer den „Verein Jugendhilfe“ gründete. Der Verein spendierte ihm nicht nur einen Sechszylinder-BMW als Dienstwagen, sondern mietete auch zum „Fantasiepreis“ von 30.000 Mark monatlich, wie der Mieterverein damals kritisierte, ein Gebäude in Lechhausen an, das Egger und sein Geschäftsführer Helmer erworben hatten.

Der Pflegesatz für Jugendliche war doppelt so hoch wie anderswo

Der Pflegesatz für Jugendliche betrug dort 146 Mark pro Kopf und Tag – beinahe doppelt so viel wie im evangelischen Kinderheim oder im katholischen Waisenhaus damals üblich. Verwahrzellen für Jugendliche vermietete der Verein für einen Quadratmeterpreis von 250 Mark an das städtische Jugendamt und schließlich zog dort noch das Frauenhaus ein, bei dem der Verein Jugendhilfe als Untervermieter an die Arbeiterwohlfahrt fungierte – und reichlich kassierte: 11.000 Mark Miete für 360 Quadratmeter, erheblich mehr als bei einer vergleichbaren Einrichtung in Nürnberg (damals 5000 Mark für 880 Quadratmeter).

Schließlich erwarb die Vereinsführung noch für 260.000 Mark ein „Ferienhaus“ an der Costa Blanca. Man habe „im Allgäu nichts Passendes gefunden“ und dann eben bei dem „für uns günstigen Angebot in Spanien zugegriffen“. Die Immobilie gehörte übrigens zuvor dem Schlagersänger Roy Black, der einst von Helmer gemanagt wurde.

1984 ging Egger nach einem schweren Unfall beim Hochseefischen in der Ostsee „aus gesundheitlichen Gründen“ in den Ruhestand. Danach lebte er zurückgezogen in einem Reihenhaus in der Neuburger Straße, zuletzt dann in einem Lechhauser Seniorenheim.

Die politische Aufarbeitung des „Falls Egger“ hatte jedoch noch jahrelang Auswirkungen auf die Kommunalpolitik in Augsburg. Hatten politische Beobachter damals zunächst damit gerechnet, dass die Affäre den damals amtierenden SPD-Oberbürgermeister Hans Breuer bei der Kommunalwahl 1984 das Amt kosten könnte, so trat exakt das Gegenteil ein.

In der Augsburger CSU wurde erbittert gestritten

Erbittert gestritten wurde dafür in der CSU: Der damals aufstrebende Bezirksvorsitzende Hermann Knipfer geißelte öffentlich die seiner Ansicht nach „lustlose“ Aufarbeitung der Affäre durch seine Parteifreunde im Augsburger Stadtrat, die durch die 1978 ausgehandelten „interfraktionellen Verträge“ in die Stadtregierung eingebunden waren. Auf einem turbulenten Parteitag der Augsburger CSU im November 1981 wurde die Fraktionsspitze um Hermann Berlin und Dr. Ludwig Kotter von damaligen Parteichef Knipfer dafür gescholten, sie habe in der Affäre Egger zu wenig Härte gezeigt. Egger wurde eine Verquickung öffentlicher und privater Interessen vorgeworfen. Knipfer konnte die Mehrheit der Parteitagsdelegierten auf seine Seite ziehen.

Berlin und Kotter gaben daraufhin die Bildung der Christlich-Sozialen Mitte (CSM) bekannt. Ihrer Stadtratsfraktion gehörte fast die gesamte Führungsmannschaft der Augsburger CSU an. 1982 wurde die CSM ins Vereinsregister eingetragen. 1984 wurden die CSM-Mitglieder dann aus der CSU ausgeschlossen. Zur Kommunalwahl im selben Jahr traten CSU und CSM getrennt an – die CSU bekam 20, die CSM zehn Sitze. Die Christlich Soziale Mitte regierte nach der Wiederwahl von Breuer mit der SPD weiter, die CSU blieb einfluss- und bedeutungslos. Nach Breuers Wiederwahl gab es – vor allem auf Druck aus der Landesleitung und vom Parteivorsitzenden Franz-Josef Strauß persönlich – Bestrebungen zu einer Wiedervereinigung der C-Fraktionen. Die ließ jedoch bis zum Jahr 1989 auf sich warten, bis der damalige CSU-Bezirksvorsitzende Stefan Höpfinger Knipfer aus der CSU drängte. Bei der Kommunalwahl 1990 zeitigte die Wiedervereinigung dann aber Wirkung: Die Augsburger wählten den CSU-Mann Dr. Peter Menacher zum Oberbürgermeister und beendeten damit eine jahrzehntelange Vormacht der SPD im Augsburger Rathaus.

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