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Wien

11.08.2016

Natascha Kampusch bleibt eine Gefangene ihrer Erinnerungen

In diesem Haus im niederösterreichischen Strasshof an der Nordbahn hielt der Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil Natascha Kampusch mehr als acht Jahre lang gefangen.
Bild: dpa

Vor zehn Jahren gelang der jungen Frau die Flucht aus dem Kellerverlies. Seitdem bemüht sie sich um ein normales Leben. Darüber schreibt sie in einem neuen Buch.

Das Kellerverlies existiert nicht mehr. Auf Anordnung der niederösterreichischen Gemeinde Strasshof an der Nordbahn wurde der Ort zugeschüttet, an dem Natascha Kampusch schon als Zehnjährige hungerte, fror und durch willkürliches Ein- und Ausschalten des Lichtes gequält wurde. Wolfgang Priklopils Haus aber steht mehr oder weniger unverändert so da, wie er es vor zehn Jahren verlassen hat.

Die Zeit ihrer Gefangenschaft schildert sie in allen Einzelheiten

Am 23. August 2006 gelang Kampusch die Flucht. Nach 3096 Tagen, mehr als acht Jahren, in den Fängen des Nachrichtentechnikers, der sie am 2. März 1998 auf dem Schulweg entführt hatte. Sie ist heute 28 – und kehrt etwa alle zwei Monate in das Haus zurück. Ihre Vergangenheit lässt sie nicht los. Sie bleibt eine Gefangene ihrer Erinnerungen.

Das Haus, in dem sie als Teenager putzen, kochen und tapezieren musste, wurde ihr als Entschädigung nach dem Selbstmord Priklopils, ebenfalls im Jahr 2006, zugesprochen; dessen Mutter verzichtete. Als könnte man jemanden für das entschädigen, was dem Kind, der heranwachsenden Frau dort an Grausamkeiten zugefügt worden ist. Nutzen kann Kampusch das Haus kaum. Als sie es für Flüchtlinge zur Verfügung stellen wollte, beschwerten sich die Nachbarn.

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Mitte August nun erscheint ein neues Buch von ihr. Ihr Buch aus dem Jahr 2012 heißt „3096 Tage“, der Titel des aktuellen lautet: „10 Jahre Freiheit“. Darin beschreibt sie die Schwierigkeiten, ihre Rolle zu finden. „Sie hatte geglaubt, mit ihrer Selbstbefreiung beginne ein völlig neues Leben“, steht in einer Ankündigung ihres Verlags. „Stattdessen wurde sie immer wieder dazu gezwungen, in ihre dunkle Vergangenheit einzutauchen.“ Im Buch schreibt Kampusch, Priklopil sei Hitler-Verehrer gewesen und habe ihr zufügen wollen, was die Naziopfer hätten durchmachen müssen. Ihr Verhältnis sei eines „zwischen Sklavin und Herrn“ gewesen. Die Zeit ihrer Gefangenschaft schildert sie in allen Einzelheiten.

Wie sie in der Öffentlichkeit dargestellt wird, ist Kampusch wichtig

Um für das Buch zu werben, hat sie jüngst dem TV-Sender ORF sogar Priklopils, nein, ihr Haus gezeigt: das dunkel getäfelte Wohnzimmer mit niedriger Decke, Kamin und Kaminbesteck, die Küche und das Schlafzimmer. Dort, so erzählt sie es dem Reporter Christoph Feurstein, musste sie in den späteren Jahren als Gefangene neben ihrem Entführer schlafen, mit Kabelbinder an seine Hand gefesselt, bei verschlossener Zimmertür.

Das spektakuläre TV-Interview mit Kampusch im September 2006.
Bild: epa apa Artinger/dpa

Christoph Feurstein ist der Reporter, dem Kampusch 2006 nach ihrem Ausbruch aus der Gefangenschaft das erste Interview gegeben hat. Ihm vertraut sie. Sein mitfühlender Film zeigt eine überlegte und kommunikative Frau. Sie hat Freundinnen, die sie bewundern; hat Freunde, die gern mit ihr zusammen sind. Übergewichtig, in bunten Kleidern mit auffallenden Halsketten und lackierten Nägeln, wirkt sie vor der Kamera aufmerksam und zielorientiert. Freundinnen, mit denen sie als Kind in eine Klasse ging, bestätigen das Bild von Kampusch als starker Persönlichkeit, die Misshandlungen und Missbrauch, Einsamkeit und Verzweiflung durch innere Kraft überleben konnte. „Ich habe versucht, ihm Paroli zu bieten und mir meine Angst nicht anmerken zu lassen“, sagt Kampusch über ihren Entführer.

Ihr ist sehr wichtig, wie sie in der Öffentlichkeit dargestellt wird. Sie will selbst entscheiden, welche Geschichte über sie erzählt wird. Schon als 18-Jährige hat sie dafür gekämpft. Deshalb überwarf sie sich auch mit ihrer Mutter, weil die gleich nach der Rückkehr der Tochter ein Buch über ihre Jahre des Wartens geschrieben hatte. Heute verstehen sie sich gut.

Den Film über ihre Gefangenschaft kommentierte Kampusch nicht

Was Natascha Kampusch verletzt, ist, „immer wieder als Lügnerin abgestempelt zu werden“. Hintergrund ist, dass zwischen Ermittlungsbehörden und ihr zeitweise strittig war, ob der Entführer Helfer und Mitwisser hatte. Ein Schulkind wollte beobachtet haben, dass zwei Männer die kleine Natascha in einen weißen Kastenwagen zerrten. So entstanden unterschiedliche Theorien – bis hin zu der von Priklopil als Chef eines Kinderhändlerrings. Die Ermittlungen sind abgeschlossen, an dieser Front ist Ruhe eingekehrt. Doch es gibt andere.

Einen Spielfilm („3096 Tage“) über ihr Schicksal tolerierte sie 2013, mehr oder weniger unkommentiert. Es scheint, als bringe sie ihn nicht mit ihrer Realität in Verbindung, auch wenn das „Verlies“ für die Dreharbeiten nach Fotos genau nachgebaut worden war. Mehr zu schaffen machte ihr, dass der deutsche Journalist und ehemalige Kriminalbeamte Peter Reichard sich als väterlicher Freund und Ratgeber in ihr Leben schlich, um über sie zu berichten. Das ist jedenfalls ihre Sicht der Dinge. Demnach beschrieb Reichard gegen ihren Willen in seinem im März erschienen Buch „Der Entführungsfall Natascha Kampusch: Die ganze beschämende Wahrheit“ Videos, die Priklopil von Kampusch gedreht hatte. „Das ist nicht würdevoll, es verletzt meinen Stolz“, sagte sie dazu. Und versuchte per Klage zu verhindern, dass Reichard die Videos weiter öffentlich auswertet. Sie unterlag vor einem Kölner Gericht. Der Richter meinte, sie habe selbst bereits Ähnliches beschrieben.

Das Verlies im Keller des Einfamilienhauses.
Bild: Bundeskriminalamt Österreich/dpa

Gesangsunterricht, Reitstunden, Goldschmiedearbeit sind Teil von Kampuschs Therapie. Sie lebt von Einnahmen aus Büchern und dem Film. Zehn Jahre lang noch dürfte das Geld reichen, bei bescheidenen Ansprüchen, glaubt sie. Vielleicht verkauft sie auch das Haus in Strasshof. Es klingt widersprüchlich, aber: Bislang brauchte sie es. Um ihre Vergangenheit zu bewältigen.

Natascha Kampusch: 10 Jahre Freiheit. List, 240 Seiten, 19,99 Euro. Das Buch, an dem die Lektorin Heike Gronemeier mitwirkte, erscheint am 12. August.

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