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15.07.2010

Neue Attraktion im Kultpark Rotes Tor

Innenstadt Seit 1. Juli sind der "große" und der "kleine" Wasserturm beim Roten Tor zur Besichtigung geöffnet. Der dritte des Wasserwerk-Ensembles, der Kastenturm, ist ein Museum. Bis Anfang Oktober 1879 floss aus diesen drei Türmen Wasser zu Brunnen und zu Häusern. Begonnen hatte Augsburgs "Röhrwasser"-Geschichte im Jahre 1412 beim nahen Schwibbogentor. Neben diesem richtete Leopold Karg die erste "Wasserstube" zur Beschickung öffentlicher "Röhr- und springender Brunnen" ein. Der erste dieser Fließwasserbrunnen wurde 1412 am Rathaus, der zweite vor dem Weberhaus aufgestellt. Weitere Brunnenkästen in den "fürnembsten Gassen und Creutzwegen" folgten. Diese Wasserförderungsanlage funktionierte auf Dauer nicht wunschgemäß.

VON FRANZ HÄUSSLER

Under dem Haunstätter Tor

Im Jahr 1416 rief die Stadt den bereits erfahrenen Brunnenmeister Hans Felber aus Ulm, um die Wasserversorgung zu verbessern. Er ließ einen hölzernen Wasserturm "bey dem Spital under dem Haunstätter Thor" (so hieß das Rote Tor ursprünglich) errichten und benutzte ausgebohrte Föhrenstämme ("Deicheln") als Wasserrohre. Er hinterließ eine 5100 Schuh (über 1500 Meter) lange Leitung zu sieben "Röhrkästen" mit "stets rinnendem Wasser".

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Am 17. Januar 1464 brannte dieser Wasserturm ab. Er erstand am selben Platz neu, aber höher und in Stein. Er wurde zum "großen" Wasserturm, als man an ihn 1470 den "kleinen Brunnenturm" anbaute. Dies sind die jüngst eröffneten Museumstürme. Zur Druckerhöhung wurde 1559 der jüngere Turm um zwei Geschosse aufgestockt, wozu das untere Gemäuer mit zwei Strebepfeilern verstärkt werden musste. Sie sind im Spitalhof zu sehen.

Figuren auf dem Beckenrand

Am 9. August 1593 legte man den Grundstein für den Augustusbrunnen. Ab 1594 plätscherte aus seinen 24 Röhren Brunnenbachwasser ins Becken. Der Haupt-Trinkwasserlieferant Brunnenbach ruht seither als allegorische Figur auf dem Beckenrand. Als im Jahre 1599 der Merkurbrunnen aufgestellt wurde, reichte der Wasserdruck nicht mehr aus, um die Fontänen kräftig sprudeln zu lassen. Um das zu bewerkstelligen, baute man den Kasten- oder Spitalturm als dritten Brunnenturm aus. Ein ehemaliger Stadtmauerturm wurde um zwei achteckige Geschosse aufgestockt. Er speiste alle drei Prachtbrunnen. Im obersten Stockwerk befand sich das Bassin, über dem der im Maximilianmuseum ganz nah betrachtbare berühmte Brunnenknabe von Adriaen de Vries saß.

1669 musste auch der "große" Wasserturm um einen zweistöckigen, sechseckigen Oberbau erhöht werden. Er erhielt eine mit Kupfer gedeckte Plattform. Das Wasser konnte von nun an um 20 Schuh (fast 6 Meter) höher als zuvor gepumpt werden. 1672 bekam auch der angebaute Zwillingsbruder eine weitere Etage und einen kupfernen Kugelhelm draufgesetzt. Der 1741 als "Stadt-Bronnen-Meister" eingesetzte Caspar Walter amtierte bis 1768. Von ihm in Auftrag gegebene Zeichnungen, Pläne und großformatige Holztafeln sind wieder in die "neuen" Museumstürme zurückgekehrt, wo sie bereits zu seinen Lebzeiten gezeigt wurden.

Im Jahre 1817 ersetzte man alle Holzteile der Brunnenwerke beim Roten Tor durch Metallteile, 1821 begann die Auswechslung der Holzrohre ("Deicheln") gegen Eisenrohre. Nun sollte auch auf die Verwendung von Oberflächenwasser als Trinkwasser verzichtete werden. Beim Roten Tor legte man zu diesem Zweck ergiebige Brunnen an. 32 Pumpen saugten daraus das Wasser und förderten es in die zwischen 2200 und 4000 Liter fassenden Wannen in den Türmen. Am 6. Mai 1849 gingen dort noch zwei "Brunnenmaschinen" in Betrieb. Dafür war ein neues Gebäude im Brunnenmeisterhof erbaut worden. Es ist längst wieder beseitigt. 1865 erfolgte die letzte Investition in den "großen" Brunnenturm: Er erhielt zwecks Drucksteigerung eine eiserne "Laterne" aufgesetzt. Auch sie gibt es nicht mehr.

Am 28. Dezember 1876 erfolgte der Beschluss zum Bau eines neuen Wasserwerks im Siebentischwald beim Hochablaß. Es ging Anfang Oktober 1879 in Betrieb. Alle innerstädtischen Wassertürme wurden nun stillgelegt. Jenen beim Roten Tor war die Rolle als "Reservebrunnenwerk" zugewiesen. Sie gingen aber nie mehr in Betrieb. Nach etlichen Jahren baute man die gesamten technischen Anlagen ab. Nicht nur Technik-Historiker würden sich freuen, wenn wenigstens in einem der Türme die Fördereinrichtungen erhalten geblieben wären. Nur mehr Modelle und Bilder veranschaulichen dort jetzt das verschwundene Innenleben.

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