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Augsburg

15.09.2019

Neue Ausstellung: Die Fuggerei-Bewohner erzählen von ihrem Leben

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So unterschiedlich wie das Leben selbst: Für die Ausstellung wurden die aktuellen Fuggerei-Bewohner in ihren Wohnungen fotografiert.
Bild: Bernd Hohlen

In der ältesten Sozialsiedlung der Welt gibt es zwei neue Ausstellungen, die den Alltag dort zeigen. Was eine Schallplatte und ein Zauberkasten damit zu tun haben.

Für den großen Durchbruch hat es nicht gereicht. Aber immerhin für eine Single-Schallplatte. Im Jahr 1971 steht Ilona Barber dafür in Hamburg im Tonstudio. Ein Musikproduzent hat sie angesprochen, als sie mit ihrer Band auf Tour war. Der Titel der Platte lautet: „Engel muss man gut behandeln.“ Und heute fühlt sich Ilona Barber, 69, auch so behandelt. Sie ist eine der rund 150 Bewohner der Fuggerei. Ihre Schlager-Platte von damals hängt jetzt in einem neuen Museum, in dem die Bewohner der ältesten Sozialsiedlung vorgestellt werden.

Genau genommen sind es gleich zwei Museen, die neu in der Fuggerei eingerichtet worden sind – in zwei Wohnungen der Siedlung. Ein Museum stellt Bewohner und deren Lebensgeschichten vor. Ein zweites Museum zeigt eine Fuggerei-Wohnung – und wie sich der Lebensstandard in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat. Am Sonntag konnten geladene Gäste einen ersten Blick in die Ausstellungen werfen, darunter zahlreiche Leser der Augsburger Allgemeinen, die an einem Gewinnspiel um die Karten teilgenommen hatten. Von nun an sind die Museen zu den normalen Öffnungszeiten der Fuggerei zugänglich (April bis September 8 bis 20 Uhr, Oktober bis März 9 bis 18 Uhr).

Bewohnerin Ilona Barber zerschneidet bei der Museumseröffnung das Band.
Bild: Bernd Hohlen

Neben der Schallplatte hängt in einem Schaukasten auch ein Zauberkasten für Kinder, wie es ihn in den 1980er-Jahren in fast jedem Haushalt gab. Auf dem Titel zu sehen: der Augsburger Zauberer Hardy. Seit rund zweieinhalb Jahren lebt Erhard Smutny, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, jetzt in der Fuggerei. „Es ist wunderbar hier“, sagt er. „Der richtige Ort, um im Alter etwas zur Ruhe zu kommen.“ Obwohl er ständig unterwegs war und zauberte, hat er sich kein Vermögen zulegen können. Bevor er in die Fuggerei ziehen konnte, wurde das Geld für die Miete knapp. Diese Sorge ist er nun los. Und dafür bedankt er sich bei der Museumseröffnung auch persönlich bei Maria-Elisabeth Gräfin Thun-Fugger. Sie ist die Vorsitzende des Familienseniorats, in dem Vertreter aller drei Linien der Fugger-Familie sitzen und über die Geschicke der Augsburger Sozialsiedlung bestimmen.

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Die Gräfin bedankt sich bei den Bewohnern der Sozialsiedlung in Augsburg

Die Gräfin bedankt sich ebenfalls – bei den Museumsmachern und bei den Bewohnern, die in den Museen vorgestellt werden. „Sie sind Zeitzeugen, die uns den Spiegel vorhalten, wie sich die Gesellschaft verändert hat“, sagt sie. „Dank Ihnen verstehen die Besucher, was das Geheimnis der Fuggerei ist.“ Oberbürgermeister Kurt Gribl, dessen Frau Sigrid die neuen Museen mit konzipiert hat, nennt die Fuggerei eine „weltweit vorbildliche Stiftung“. Während in heutigen Firmen mitunter der Übergang vom Gründer auf die zweite Generation scheitere, blicke die Fuggerei auf eine fast 500-jährige Geschichte. Heute sei die 15. Generation am Steuer. Die Fuggerei, so Gribl, sei „ein ungeheuer großes, einzigartiges Geschenk für die Stadt.“ Viele bedürftige Augsburger verdankten der Fuggerei einen Wandel zum Besseren in ihrem Leben. Bis heute beträgt die Kaltmiete nur 88 Cent im Jahr – und täglich drei Gebete.

Zauberer Hardy lebt seit 2017 in der Fuggerei – und bedankt sich bei Maria-Elisabeth Gräfin Thun-Fugger, die sich in 15. Generation um die Siedlung kümmert.
Bild: Bernd Hohlen

Den Fuggern ist es wichtig, dass die Bewohner in der Fuggerei nicht nur wohnen, sondern hier auch wirklich leben – in einer Gemeinschaft. Heutzutage arbeiten deshalb auch zwei Sozialpädagoginnen in der Siedlung. Der Stiftungszweck, den Jakob Fugger seinen Nachfahren aufgetragen hat, ist bis heute derselbe geblieben. Gräfin Thun-Fugger formuliert es so: „Jeder Bewohner soll in der Fuggerei eine Heimat finden und ein gelingendes Leben führen.“ Eine wichtige Einnahmequelle für die Stiftung ist neben dem Waldbesitz inzwischen auch der Tourismus – mit immerhin rund 220.000 Besuchern pro Jahr. Auch deshalb fiel die Entscheidung, die Museen einzurichten. Die bisherigen Ausstellungen zur Geschichte der Fugger und zur Zeit während des Zweiten Weltkriegs bleiben bestehen.

Wie die Fuggerei vom Ausflugsziel zum Zuhause wurde

Für Noel Goubadia, 25, war die Fuggerei lange Zeit auch „nur“ ein Ausflugsziel. „Ich kannte sie als Nummer-Eins-Ziel bei Wandertagen“, erzählt er. „Ich wusste gar nicht, dass hier wirklich Menschen leben. Seit 2012 lebt er selbst in einem der dunkelgelb gestrichenen Häuser. Mit seiner Mutter und dem jüngeren Bruder zog er hier ein. Inzwischen hat er eine eigene Wohnung. In der Fuggerei habe er zum ersten Mal gelernt, was eine echte Nachbarschaft sei. Zuvor lebten Noel und seine Familie eher anonym in einem Mehrfamilienhaus in Lechhausen. Der Fuggerei verdanke er einen Wandel in seinem Leben. Hier half man ihm bei der Bewerbung, heute hat er einen festen Job. Die Fuggerei sei fast wie eine große Familie, sagt er lächelnd. Er habe hier nicht nur seine Mutter, sondern jede Menge Omas und Opas dazu.

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