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Kritik und Trailer

09.05.2019

"Nur eine Frau": Ein ebenso emotionaler wie analytischer Film

Aynur (Almila Bagriacik) erstattet bei der Polizei Anzeige gegen die Bedrohungen ihrer Brüder. Doch ihr Leben kann sie damit nicht retten.
Bild: Mathias Bothor/NFP

"Nur eine Frau" wagt sich an das heikle Thema der Ehrenmorde heran und taucht in ein Familienleben nach strengen muslimischen Regeln ein.

Die Kamera bewegt sich durch die Kreuzberger Oranienstraße, folgt einer jungen Mutter mit einem Kind auf dem Arm und sucht zufällig weitere türkische Frauen in ähnlichem Alter mit und ohne Kopftuch aus der Menge der Passanten heraus.

„Sie könnte ich sein. Oder sie. Aber nee“, sagt die Erzählerin aus dem Off und die Tatortaufnahme einer zugedeckten Leiche kommt ins Bild: „Das bin ich. Mein Bruder hat mich erschossen, im Februar 2005. Ich war ein Ehrenmord.“

Von der ersten Filmminute an macht Sherry Hormanns „Nur eine Frau“ klar, dass sie ihr Thema direkt ansteuert und wem hier die Erzählperspektive gehört: Hatun Aynur Sürücü, die im Alter von 23 Jahren von ihrem jüngsten Bruder mit drei Schüssen ins Gesicht hingerichtet wurde, weil sie sich weigerte, nach den Regeln zu leben, die die strengen, sunnitischen Traditionen ihrer türkisch-kurdischen Familie für sie vorsahen.

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Mit 16 wird sie vom Vater in der Türkei mit einem Cousin verheiratet. Nach einem Jahr kehrt Aynur (Almila Bagriacik) hochschwanger und mit blauen Flecken am Körper nach Berlin zurück.

Der Bruder drückt ab, ohne eine Antwort abzuwarten

Der Vater nimmt die Tochter wieder auf, aber dieser Gnadenakt hat einen hohen Preis. Die geschiedene Aynur darf nach den religiösen Traditionen das Haus nicht alleine verlassen und muss mit niederen Arbeiten im Haushalt Buße tun.

Als Aynur es nicht mehr aushält in der engen Wohnung mit ihrem Baby und den sieben Geschwistern, sucht sie sich mithilfe des Jugendamtes eine eigene Bleibe, beginnt eine Lehre als Elektroinstallateurin, tauscht das Kopftuch gegen den Blaumann, lernt neue Freundinnen und andere Männer kennen. Für ihre Brüder wird dadurch die familiäre Schande immer größer.

Sie belästigen ihre Schwester mit Telefonanrufen und Morddrohungen. Dennoch sucht Aynur mit ihrem Sohn immer wieder den Kontakt zur Familie, bis ihr jüngster Bruder Nuri (Rauand Taleb) sie besucht, um sie zu erschießen. „Bereust du deine Sünden?“, fragt er, wie es die Tradition vorsieht, und drückt ab, ohne eine Antwort abzuwarten.

In der Liebe einer Tochter zu ihrer Familie steckt der Kern der Geschichte

Sherry Hormann, Drehbuchautor Florian Oeller und Produzentin Sandra Maischberger haben ihren Film auf detaillierten Gerichtsakten und Gutachten sowie journalistischen Recherchen zum Fall Sürücü aufgebaut und durch die fiktive Erzählperspektive der Ermordeten angereichert.

 

Entstanden ist ein ebenso emotionaler wie analytischer Film über eine Frau, die voller Lebensenergie den patriarchalen Traditionen trotzte, ohne die Liebe zu ihrer Familie aufgeben zu wollen. Dass der Film aus diesem persönlichen Widerspruch Aynurs heraus erzählt ist, macht seine große Stärke aus.

In der tiefen Liebe einer Tochter zu einer Familie, die sie als Schande empfindet, steckt der tragische Kern der Geschichte und eines Lebens, das viele Frauen zwischen streng muslimischer und westlicher Kultur führen.

Eine Frage muss in "Nur eine Frau" offenbleiben

Hormann gelingt es, durch dokumentarische Stilelemente und eingestreute Fotostrecken immer wieder Luft zum Atmen ins dramatische Geschehen zu pumpen. Dem tragischen Pathos verweigert sie sich ebenso wie der Darstellung der Brüder als islamistische Monster.

Aber wie schafft es ein Bruder, die eigene Schwester kaltblütig umzubringen, die ihm als kleinen Jungen die Hand gehalten hat, wenn er nicht einschlafen konnte? Diese Frage muss in diesem Film offenbleiben. Sicherlich sind diese Männer von rigider Religiosität verblendet. Aber es sind auch Männer, die ihre patriarchale Macht durch eine selbstständige Frau bedroht sehen und für ihr Handeln voll verantwortlich sind.

Bewertung: 4 von 5 Sterne

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