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Serie(Folge 25)

31.03.2015

Nur nicht an der Welt verzweifeln

Eva Bley verleiht ihren Empfindungen auf der Osterkerze für Bergheim Ausdruck

Die katastrophalen Zerstörungen der japanischen Küstenregion und des Atomkraftwerks in Fukushima durch einen Tsunami gingen ihr im März 2011 nicht aus dem Sinn. Damit Ostern feiern, wie sollte das gehen? Also nahm die Künstlerin Eva Bley ihre inneren Bilder auf in die Gestaltung ihrer Osterkerze für St. Remigius in Bergheim. Zu den Ertrunkenen und Verzweifelten in einem düster violetten Bereich trat der Schmerzensmann mit der Dornenkrone – und der Auferstandene in gleißend hellem Licht. Ein Apfel als Erinnerung an die Urversuchung des Menschen, wie Gott sein zu wollen, und ein weißer Bogen kamen hinzu. Eine erschöpfende Deutung bleibt die Künstlerin schuldig.

Seit über einem Jahrzehnt gestaltet Eva Bley die Bergheimer Osterkerze. Professor Klaus Kienzler, der Priester am Ort, hatte sie entdeckt. Auch im Jahr 2015 wird sie sich von ihren aktuellen Empfindungen leiten lassen. „Ich lasse mich gern inspirieren von dem Wort, das ich höre und worüber ich nachdenke“, sagt sie. Sich in das immer gleiche österliche Thema von Tod und Auferstehung zu vertiefen und dafür jedes Jahr einen ganz neuen künstlerischen Ausdruck zu finden, das gehört für Eva Bley zu ihrer spirituellen Vorbereitung auf Ostern. Natürlich gibt es Konstanten bei der Gestaltung: das Alpha und das Omega, die fünf Kreuzesnägel, die Bewegung vom Tod zum Leben. Es habe sich eine bestimmte Abfolge herausgebildet: unten das Dunkle, darüber die Verwandlung, die Neuwerdung. Das Bild windet sich um die Kerze, steigt spiralförmig nach oben. Das sei gar nicht so leicht zu realisieren, denn Eva Bley malt mit Acrylfarben auf das Wachs. „Ich sehe von meinem Motiv immer nur einen Ausschnitt, muss die Kerze ständig weiterdrehen und darf dabei nicht ins schon gemalte Bild fassen“, beschreibt sie ihre Arbeit an einer Osterkerze. Und noch eines ist wichtig: Korrigieren ist in dem Bild auf Wachs fast nicht mehr möglich. „Ich male mit sehr kräftigen Farben, denn die Kerze im Altarraum muss eine Fernwirkung haben und bis in die hintersten Bankreihen der Kirche sichtbar sein.“

Darauf sei sie durch die Aquarellmalerei vorbereitet, meint Eva Bley. Wenn erst einmal die Farbe fließt, gibt es nur noch hopp oder topp. „Man muss sich mit dem arrangieren, was geworden ist. Oder ich fange ganz neu an. Aquarellmalen ist eine richtige Lebensschule.“ Bei der Gestaltung einer Künstlerkerze gibt es aber einen Unterschied: „Im Aquarell male ich, was ich sehe, bei der Stimmung kommt es auf den ersten Eindruck an.“ Auf der Kerze kann Eva Bley indes nicht nur das Sichtbare gestalten, sondern „auch das, was ich mir denke“.

So kam es 2010 zum fast surrealen Motiv „Wasser des Lebens“. Zwei Menschenkörper in gegenläufiger Bewegung tragen von unten und von oben eine Schale, kommend aus einer wässrig-blauen, kompakten Basis und aus einem lichtvoll-goldenen, schwerelosen Himmel. Zwischen ihnen liegt ein Kasten ähnlich einem Sarg und darin eine Schale, aus der eine frühlingsgrüne Welt steigt. Hier wandelt sich etwas auf unerklärliche Weise und stellt alles auf den Kopf. Doch die Künstlerin Eva Bley wahrt das Geheimnis. 2012 wählte sie auf der Osterkerze das Motiv des Baumes, ein grober, blutbefleckter Balken von unten, in der Mitte die Jahresringe eines Stammes und quer durch schiebt sich ein Trieb nach oben. Mag noch so viel zerbrochen werden im Leben, noch so viel Dunkel den Menschen niederdrücken: Es gibt eine verwandelnde Kraft.

Die Leute sprechen Eva Bley jedes Jahr auf ihre Osterkerze an, bedanken sich für die Motive, fragen auch, was sich die Künstlerin dabei gedacht hat. Mit Erklären hält sie sich jedoch zurück. „Ich habe so viele Bilder im Kopf, es ist ein richtiger Dschungel und ich tue mich schwer, mich zu beschränken“, sagt sie. Da kommt ihr entgegen, dass ihre Osterkerzen ein „Bild im Fortgang“ schmückt. Sie fühlt sich dabei wie ein Bildhauer, der einen Stamm bearbeitet und sich mit dessen Rundungen in die Höhe vorarbeitet.

Um Kunstwerke auf Zeit handelt es sich bei Eva Bleys Osterkerzen. Ihre Bestimmung besteht darin, abgebrannt zu werden. Etwa die Hälfte geht im Lauf des Jahres verloren, vor allem das Lichte, das Erlöste. Eigentlich ist das traurig, meint die Künstlerin. Doch indem sich die Kerze verzehrt, wird sie zur Aufforderung, die österliche Hoffnung immer wieder zu erneuern, wenn sie im tristen Alltag abstumpft.

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