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23.06.2009

Obdachlose beleidigt - im Dienst der Kunst?

Die Filme zeigen alles, die Kamera hält einfach drauf: Ein Obdachloser, der volltrunken von einer Sitzbank fällt und mit Mühe versucht, sich wieder hochzuziehen. Zwei Betrunkene am Bahnhof, die sich um eine Gurke streiten. Unter Titeln wie "Penner & Atzen regieren Augsburg" waren diese Filme vor zwei Jahren auf der Internet-Plattform "YouTube" zu sehen. Ein 19-Jähriger, der die Filme mit seinem Handy gedreht hat, ist dafür nun mit zwei Tagen Arrest bestraft worden.

Die Filme hatten vor zwei Jahren eine Welle der Empörung ausgelöst. Auch beim katholischen Verband für soziale Dienste (SKM), der eine Wärmestube für Obdachlose betreibt. "Es ist erschreckend, wie hier die Hilflosigkeit von Alkoholikern und Wohnsitzlosen ausgenutzt wird", kommentierte Diözesanreferent Wolfgang Krell damals die Internet-Filme, die durch Recherchen unserer Zeitung bekannt wurden.

Der inzwischen 19-Jährige, der die Szenen mit den Obdachlosen gefilmt hatte, sah vor Gericht nun alles ganz anders. "Ich wollte die Obachlosen nicht beleidigen", erzählte er gestern dem Jugendrichter Franz Geist-Schell. Er habe sich mit der Situation der Obdachlosen auseinandersetzen wollen. "Es war eine Dokumentation über Menschen, die auf der Straße gelandet sind, und für die sich keiner interessiert." Auch David Braithwaite, der Verteidiger des 19-Jährigen, berief sich auf die Meinungsfreiheit und auf die Freiheit der Kunst. Richter Franz Geist-Schell quittierte diese Erklärungen mit skeptischem Stirnrunzeln. Zwei der Filme wurden im Gerichtssaal gezeigt. Das Urteil des Richters: "Mit Kunst hat das nichts zu tun."

In den Filmen werden die Obdachlosen teils schlafend, teils hilflos und betrunken gezeigt. Hinterlegt sind diese Sequenzen mit schneller Musik, die Jugendlichen lachen und feixen. Ein weiterer Film zeigt Jugendliche, die auf dem Moritzplatz die Hand zum Hitlergruß heben. Ein Betrunkener erzählt vor laufender Kamera, er sei der wiedergeborene Adolf Hitler. Daraus machen sich die jungen Leute einen Spaß, stellen sich in einer Reihe auf und heben auf Kommando die rechte Hand. "Das war nur ein Spaß", erklärte der 19-Jährige die Szenen.

Staatsanwältin Katrin Prechtel formulierte ihre Meinung dazu kurz und bündig: "Das ist keine Kunst, das ist eine Unverschämtheit." Dass der 19-jährige Hobbyfilmer nun zwei Tage in den Arrest muss, hängt auch damit zusammen, dass er erst Anfang dieses Jahres erneut mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist. Im Februar hatte er aus einer Tankstelle eine Flasche Whisky gestohlen. Auch eine Geldauflage muss der 19-Jährige zahlen: 300 Euro an den SKM - also genau an den Verein, der sich um Obdachlose kümmert. Drei weitere Jugendliche, die an dem Hitlergruß-Film beteiligt waren, wurden gestern nicht bestraft, sie müssen sich aber bei einem Gesprächstermin mit dem Geschehen beschäftigen. Der 19-Jährige will sich indes auch in Zukunft mit dem Thema Film befassen. Allerdings beruflich. Er beginnt bald eine Ausbildung als Mediengestalter.

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