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Augsburger Geschichte

07.08.2019

Offiziell ab 2020 - doch Augsburg war schon früher Fahrradstadt

Radfahrerriege des Turnvereins Augsburg 1847 nach einem Radler-Blumenkorso im Jahre 1899.
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Radfahrerriege des Turnvereins Augsburg 1847 nach einem Radler-Blumenkorso im Jahre 1899.
Bild: Sammlung Häußler

Radrennen belegen um 1900 eine wahre Euphorie. Das führte zur Gründung von Vereinen. 2020 will sich die Stadt offiziell mit dem Titel Fahrradstadt schmücken.

Die Stadt will sich 2020 ganz offiziell mit dem Attribut „Fahrradstadt“ schmücken. Das beschloss der Stadtrat im November 2012. Nicht der professionelle oder Amateur-Radsport, sondern Verkehrs-, Umwelt- und Gesundheitsaspekte stehen im Blick. Das Fahrrad als Verkehrsmittel in der Stadt wird propagiert. 2010 sollen Fahrradfahrer 25 Prozent des Verkehrsaufkommens ausmachen. Augsburg würde dann wieder als vorbildliche „Fahrradstadt“ im Blickfeld stehen – so, wie das schon vor über einem Jahrhundert war.

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Eine Rückblende: Als „Radler-Hochburg“ kann Augsburg auf eine lange Tradition verweisen. Das gilt für das Fahrrad als Individual-Verkehrsmittel, als Vergnügungs- und als Sportvehikel gleichermaßen. Schon vor 1900 kam die Stadtregierung mit der Anlegung von Radwegen im Siebentischwald dem Erholungsbedürfnis einer breiten radelnden Bevölkerungsschicht entgegen. Im 1901 gedruckten Büchlein „Rad-Ausflüge in der Umgebung Augsburgs“ heißt es: „Erst das Rad brachte die Städter in größerer Anzahl und nicht bloß an Pfingsten oder am Friedensfest in die weitere und weiteste Umgebung Augsburgs.“ 44 Ausflüge hatte der Augsburger Kaufmann Carl Steinbach ausgearbeitet.

1901 gab es ein Lob für Augsburg als radlerfreundliche Stadt

„Augsburg ist eine radlerfreundliche Stadt“, stellte er anno 1901 fest. Die „liberale Verwaltung der Stadt“ habe nicht nur den Bau eigener Radfahrwege für Freizeitradler im stadteigenen Siebentischwald gestattet, sondern die Anlegung „durch reichliche Zuschüsse ermöglicht“. Augsburg komme in Bayern eine Vorreiterrolle zu, da hier die allermeisten Stadtstraßen für Radfahrer freigegeben seien. Das wussten jene zu schätzen, die in der Vor-Auto-Zeit das Fahrrad für oft lange Wege zu ihren Arbeitsplätzen benötigten.

Offiziell ab 2020 - doch Augsburg war schon früher Fahrradstadt

1000 Radler bei Corso durch die Innenstadt

Das Fahrrad als populäres Sportgerät schlug sich in der Gründung von Radfahrvereinen in den 1880er- Jahren nieder. Anno 1900 hatten sich in Augsburg die Aktiven in 13 Fahrradklubs zusammengeschlossen. Weitere Radlervereine gab es in den damaligen Nachbarorten Lechhausen, Pfersee und Oberhausen. Ende des Jahres 1900 verfügten 6923 der 89.500 Augsburger über die vorgeschriebene amtliche Radfahrerlaubnis – den „Radler-Führerschein“. Augsburg genoss um 1900 deutschlandweit im Radsport hohes Ansehen. Augsburger Vereinen wurde die Ausrichtung von Großveranstaltungen übertragen. 1901 fand der „16. Congress der Allgemeinen Radfahrer-Union“ statt. Vom 19. bis 23. Juli 1901 beherrschten Tausende Radler Augsburg. Für sie war ein reichhaltiges sportliches und gesellschaftliches Programm vorbereitet. Für die aus dem gesamten Deutschen Reich, aus Österreich und der Schweiz angereisten Vereinsvorstände und Sportler gab es einen Empfang im Lichthof des Hotels Drei Mohren und einen „Fest-Commers“ in der 6000 Personen fassenden „Sängerhalle“ im Stadtgarten. Über 1000 Radler beteiligten sich an einem „Fest- und Preis-Corso“ durch die Innenstadt.

Es gab Radrennen auf der Bahn und auf der Straße. Schwäbische und bayerische Meister im Zeitfahren wurden ermittelt. In der Sängerhalle liefen Meisterschaften im Reigenfahren, Kunstfahren auf Niederrad und Hochrad sowie im gemischten Duett Hoch-/Niederrad. Eine Radsportmesse begleitete 1901 den Radlerkongress. Dort gab es von reibungsarmer Unterwäsche über Acetylen-Laternen bis zu Neuentwicklungen auf dem Fahrradsektor alles zu sehen und zu kaufen, was auf dem Markt war. 1901 waren schon „Selbstfahrer mit Motor“ im Angebot. Das Pedelec oder E-Bike hat also frühe Vorfahren.

Der Radsport besaß bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs einen hohen Stellenwert. Das 60-seitige Programm der Großveranstaltung „Rund durch Schwaben“ am 9. Juli 1911 erinnert an eines der zahlreichen Radsport-Ereignisse. Vom 10. bis 14. Juli 1914 war Augsburg wiederum „Fahrradstadt“: Der „31. Bundestag des Deutschen Radfahrerbundes“ fand statt. Radler beherrschten die Straßen, zumal 1914 in Augsburg gerade mal 84 Pkw, 27 Motorräder und 19 Lastkraftwagen zugelassen waren.

Krieg brachte Radaktivitäten zum Erliegen

Der Erste Weltkrieg brachte die Aktivitäten der Radsportvereine zum Erliegen: Die jungen Männer waren an der Front. Die Gefallenen-listen in den Vereinschroniken wurden bis Ende 1918 lang. Der Radsport lag in Augsburg darnieder, doch das Fahrrad blieb für Jahrzehnte das unverzichtbare Individualverkehrsmittel für Tausende meist in Schicht arbeitende „Fabrikler“. Übrigens: Anfang 2019 nahm sich Bayerns Verkehrsminister Hans Reichhart wohl die künftige „Fahrradstadt“ Augsburg zum Vorbild: Er will ganz Bayern zum „Radl-Land“ machen. Bis 2025 sollen Fahrradfahrer bayernweit 20 Prozent des gesamten Verkehrsaufkommens ausmachen. Aktuell sind es lediglich elf Prozent.

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