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Augsburg

04.09.2019

Ohne diese Männer gäbe es wohl kein Textilmuseum

Werner Heidler (l.) und Siegfried Paintner zeigen stolz ihre Auszeichnung, den Bundesverdienstorden.
Bild: Oliver Wolff

Werner Heidler und Siegfried Paintner sind die "geheimen" Macher des Textilmuseums. Nun wurden sie für ihr Engagement ausgezeichnet.

Werner Heidler steht zusammen mit seinem Kollegen Siegfried Paintner im Shop des Augsburger Textilmuseums (tim) und holt eine dunkle Holzschatulle aus seiner Tasche. Der 78-Jährige sagt: „Ich weiß nicht, wie wir es geschafft haben, aber anscheinend haben wir wenig Fehler gemacht.“ Er öffnet die Box und blickt hinein. Darin funkelt eine goldene Medaille mit einem hellroten Kreuz darauf – es ist der Bundesverdienstorden. Heidler schmunzelt ein wenig. „Ohne uns gäbe es das Textilmuseum wahrscheinlich nicht“, sagt Paintner. Auch er zeigt stolz seine Medaille.

Sie brachten den Stein fürs Textilmuseum in Augsburg ins Rollen

Die beiden sind die Vorsitzenden des Förder- und Freundeskreises tim. Im Jahr 1996 waren hauptsächlich sie es, die den Stein für ein staatliches Textil- und Industriemuseum in der alten Kammgarnspinnerei ins Rollen gebracht hatten. Und ihr ehrenamtlicher Einsatz hält bis heute an. Für ihr Engagement wurde den beiden vergangene Woche der Verdienstorden der Bundesrepublik im Augsburger Landratsamt überreicht. Heidler wohnt in Untermeitingen, deshalb übergab ihm Landrat Martin Sailer den Orden samt Urkunde des Bundespräsidenten, beim Augsburger Paintner war es Bürgermeister Stefan Kiefer.

Paintner führt ab dem ersten Tag vor neun Jahren den Shop im tim ehrenamtlich. Das Besondere dabei: Der Laden ist eigenständig, der Förderverein zahlt Miete. Die erwirtschafteten Gewinne fließen ebenfalls in das Museum und unterstützen zum Beispiel Sonderausstellungen finanziell. „Der Shop ist der größte Sponsor des Museums“, sagt der 77-jährige Augsburger. Jedes Jahr spendet der Verein eine niedrige fünfstellige Zahl. Seit Beginn gebe es im Shop eine leichte Plusentwicklung, so Paintner. „Viele Kunden gehen gar nicht den Weg über das Museum, sondern kommen gleich zu uns.“ Made in Augsburg scheint gefragt zu sein.

Noch 20.000 Arbeitnehmer in der Augsburger Textilindustrie

Denn viele der angebotenen Waren werden im tim hergestellt. Der Stoff wird im Maschinenraum gewebt und in der Werkstatt hinter dem Verkaufsraum genäht. Es gibt zum Beispiel Handtücher oder Schlossertücher mit exklusiver Beschriftung. Qualitativ seien die Tücher hochwertig, meint Paintner. Es seien auch Produkte im Angebot, die nicht im tim hergestellt werden, etwa Socken oder Krawatten. Diese müssen entweder aus der Region kommen und nachhaltig sein oder einen sozialen Hintergrund haben. „Uns ist wichtig, anderen zu helfen.“ Die externe Ware sei zudem Kommissionsware. Das heißt: Nur verkaufte Ware stellt der Lieferant in Rechnung. Für den Förderverein ist auf diese Weise das finanzielle Risiko gering.

Heidler lobt den täglichen Einsatz des Shopleiters. „Ich vertrete Siegfried nur, brauche dann aber nichts zu machen.“ Es sei ein Glücksfall, dass er mit Painter „jemanden vom Fach“ gefunden habe. Dieser habe nämlich die Textilherstellung von der Pike auf gelernt. Als Sohn eines Hopfenbauers machte er eine Lehre zum Maßschneider in der Nähe von Erding. Daraufhin arbeitete er bei einem Münchner Oberbekleidungshersteller und stieg dort bis in den Betriebsrat auf. 1975 kam er als Sekretär nach Augsburg – zu der Gewerkschaft Textilbekleidung. „Wir hatten damals noch 20.000 Arbeitnehmer in der Augsburger Textilindustrie“, erzählt Paintner. Zum damaligen Zeitpunkt habe die Branche eine Vorwärtsstrategie gefahren.

Wenige Jahre später folgten der überraschende Einbruch und darauf der komplette Zusammenbruch der Textilindustrie. Tausende Arbeiter wurden auf einen Schlag arbeitslos. Paintner habe bei den Sozialplänen mitgearbeitet. „Ich bin mir wie ein Totengräber vorgekommen.“ Auch im Hinblick auf viele gescheiterte Existenzen habe er die Verpflichtung gespürt, ein Museum zu eröffnen. Und so ebnete er zusammen mit Heidler und 14 weiteren Gründungsmitgliedern den Weg des tim. Heute hat der Förderverein über 500 Mitglieder. Paintner erlebt häufig, dass ehemalige Textilarbeiter ins Museum kommen und ihm nach dem Besuch sagen, dass sie nun ihren Frieden schließen können.

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