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02.12.2013

Ohne sie wäre Kreuzberg ärmer

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Neben einem Wochenmarkt und einer regelmäßigen Streetfood-Veranstaltung findet in der Markthalle auch einmal jährlich eine Käsemesse statt.

Zwei Augsburger führen die einst heruntergekommene Markthalle Neun im Szene-Viertel. Sie ist heute Treffpunkt von Nachbarn, Berlinern und Menschen aus der ganzen Welt – Teil 1

Alles beginnt am Friedberger Baggersee. Dort lernen sich Bernd Maier und Florian Niedermeier kennen. Beide sind 16 Jahre alt, genießen die Sonnenstrahlen auf der Liegewiese, werden dicke Freunde und schmieden Pläne. „Irgendwann machen wir was zusammen. Einen Laden, ein Lebensmittelgeschäft oder vielleicht eine Markthalle“, sagen sie sich.

Eine Markthalle? Die macht man nicht irgendwie, wissen beide und schlagen zunächst unterschiedliche Richtungen ein. Florian Niedermeier studiert Angewandte Kulturwissenschaft in Lüneburg, Bernd Maier Gartenbau in Weihenstephan. Maier geht schließlich der Liebe wegen nach Köln. Dort arbeitet er im Projektmanagement eines Internet-Start-ups. Die beiden Freunde verlieren sich aber nie aus den Augen.

Florian Niedermeier wohnt zwischenzeitlich in Hamburg und geht im Jahr 2000 nach Berlin. „Dass wir einmal zusammen was machen wollen, war bei jedem unserer Treffen ein Thema“, sagen sie. Irgendwann reden sie nicht mehr nur darüber, irgendwann schaffen sie Fakten.

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Es ist fast genau 30 Jahre, nachdem sie sich kennenlernten. Es ist in der Markthalle Neun im Berliner Bezirk Kreuzberg. In der Kantine gibt es Deftiges: Eintopf mit Linsen, Kohl und Wurst. Den ist der Einheimische genauso wie der Tourist aus Italien. Beim Essen schaut der Italiener auf den Stand eines Landmanns. Sironi verkauft hier typisch italienisches Weißbrot, daneben gibt es Käse, Kaffee und Gemüse. Das Leben in der Markthalle pulsiert. Es ist genauso bunt wie das Leben in Kreuzberg selber.

Bernd Maier, 45, und Florian Niedermeier, 46, sitzen währenddessen in ihrem Büro hinter der Kantine, besprechen mit Spitzenkoch Michael Hoffmann eine Veranstaltung. Sie haben es geschafft: Die beiden leiten die bekannte Martkhalle in Berlin. Den Zuschlag dafür erhielten sie nicht von heute auf morgen. 2007 eröffnen sie am Prenzlauer Berg ein Lokal namens „Meierei“. „Ich hatte damals meinen Job in Köln gekündigt und war nach Berlin gekommen. Wir haben festgestellt, wenn wir unser gemeinsames Projekt jetzt nicht bald angehen, dann wird das nie mehr was“, sagt Maier. In der Meierei gibt es regionale Gerichte, die die Augsburger an ihre Heimat erinnern. Leberkäs, Rindssuppe, Apfelstrudel, Gulasch. Schnell machen sie sich damit einen Namen: bei Schwaben in Berlin, bei Touristen und bei den Berlinern selber. Was die beiden Freunde allerdings nie vergessen, ist ihr eigentliches Vorhaben. Interessiert verfolgen sie die Pläne für die Kreuzberger Eisenbahnmarkthalle. „Früher gab es in Berlin einen großen zentralen Markt. Aber irgendwann waren die hygienischen Zustände so schlecht, dass die Stadt neben zwei Zentralmarkthallen zwölf Bezirksmarkthallen bauen ließ“, erzählt Niedermeier. Von den 14 historischen Markthallen sind nur noch drei erhalten. Eine davon ist die Halle Neun aus dem Jahr 1891.

In den vergangenen Jahrzehnten ist es mit ihr immer mehr bergab gegangen. „Drei große Discounter haben sich in ihr breit gemacht. Kleine Einzelhändler hatten so keine Chance und immer mehr Stände blieben leer“, sagen die beiden. Die Stadt will sich schließlich von der Immobilie trennen und sie an an den Meistbietenden verscherbeln. Da machen die Kreuzberger nicht mit. Sie besetzen die Halle, fordern eine „Halle für alle“. „Die Stadt hat eingelenkt und ein neues Verfahren ausgeschrieben, diesmal ein Konzeptionelles“, sagt Bernd Maier. Die beiden Augsburger reichen ihre Ideen ein. Unter 16 Bewerbern erhalten sie den Zuschlag.

Das ist jetzt zwei Jahre her. Seither ist viel passiert. Es bieten mehr und mehr Einzelhändler ihren Waren in der 2800 Quadratmeter großen Halle an, freitags und samstags findet ein Wochenmarkt statt, Veranstaltungen wie der „Streetfood Thursday“ ziehen Besucher aus ganz Berlin an. „Wir wollen die Markthalle in kleinen Schritten entwickeln“, sagen Bernd Maier und Florian Niedermeier, die die Halle in einer Eigentümergemeinschaft mit einem weiteren Partner führen.

Für sie und ihre Familien ist Berlin schon lange zu ihrem Lebensmittelpunkt geworden. Doch zwei bis dreimal im Jahr fahren sie noch nach Augsburg, besuchen hier ihre Verwandten und Freunde. „Wenn ich in Augsburg bin, gehe ich immer in die Marktgaststätte am Stadtmarkt. Ich finde, das ist ein richtiges Original“, sagt Florian Niedermeier. Seit Neuestem führt ihn sein Weg auch ins Grandhotel Cosmopolis. „Das ist eine fantastische Idee und ein tolles Konzept.“

Bernd Maier wird am Abend vor Heiligabend, wie schon so oft, seine Freunde auf dem Christkindlesmarkt treffen. Was er in Berlin vermisst, sind neben den hiesigen Biergärten auch die Baggerseen: Ein Ort, an dem er wunderbar entspannen kann und wo auch für die beiden Freunde und Geschäftspartner vor nun 30 Jahren alles begann.

Im Internet

www.markthalleneun.de

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