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Augsburg

22.11.2013

Patient stirbt nach Darmspiegelung: Arzt bereut seine Fehler

Der Notarzt konnte den Patienten noch reanimieren. Doch der 60-Jährige starb zehn Tage später. Nun ist der Fall vor Gericht.
Bild: Johannes Eisele, dpa (Symbolbild)

Das Amtsgericht verurteilt einen Mediziner, weil ein Patient nach einer Darmspiegelung starb. Ein Gutachter deckt gravierende Mängel auf.

Auch Mediziner machen Fehler. Besonders tragisch aber, wenn dabei ein Mensch stirbt. Hans-Jürgen W. ist so ein Fall. Der 60-Jährige hatte sich im Februar 2009 in einer Augsburger Praxis für Endoskopie routinemäßig einer Magen- und Darmspiegelung unterzogen, aus der er nicht mehr erwachte. Wegen fahrlässiger Tötung ist der verantwortliche Arzt jetzt von einem Schöffengericht zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt worden.

Mediziner gesteht sein Verschulden ein

Der Mediziner, der im vorigen Jahr in den Ruhestand ging, hatte zu Prozessauftakt sein Verschulden eingestanden. An die im Gerichtssaal anwesende Witwe und die Tochter gerichtet, sagte der 66-Jährige: „Ich muss während der Untersuchung neben mir gestanden haben, anders lässt sich nicht erklären, wie es dazu hat kommen können.“

Am Ende des Prozesses widersprach das Gericht dem Eindruck, der Patient sei wegen einer Kette unglücklicher Umstände verstorben. Dem Arzt seien mehrere, vermeidbare Fehler unterlaufen. Direkt an den 66-Jährigen gewandt, sagte Richter Matthias Ernst: „Es ist menschlich für uns schwer nachvollziehbar, warum Sie in größter Not Hans-Jürgen W. allein gelassen haben.“

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Der Mediziner hatte eine Arzthelferin beauftragt, den Notarzt zu alarmieren und dann den Behandlungsraum verlassen, um einen bereits narkotisierten anderen Patienten zu behandeln.

Haarsträubende Details aus dem Praxisbetrieb

Der auf sechs Tage terminierte Prozess wurde durch eine Absprache zwischen Staatsanwalt Ralf Hirmer und Verteidigern mit dem Gericht verkürzt. Die Anwälte konnten dafür, dass ihr Mandant ein Geständnis ablegte, eine Bewährungsstrafe von höchstens einem Jahr aushandeln. Am Ende wurden es sogar zwei Monate weniger. Dennoch konnten die Verteidiger nicht verhindern, dass Zeugen sowie der Gutachter Uwe Schulte-Sasse haarsträubende Details aus dem Praxisbetrieb zur Sprache brachten. In der Regel sollte bei einem Eingriff dieser Art ein zweiter Arzt zugegen sein – was nicht der Fall war. Arzthelferinnen fehlten überdies notwendige Zusatzqualifikationen. Dabei hatte die Praxis des Internisten einen hervorragenden Ruf.

Komplikationen waren aufgetreten, als um 7.30 Uhr mit der Magenspiegelung begonnen wurde. Weil eine erste Medikamentengabe nicht zu wirken schien, hatte der Arzt die doppelte Menge an Betäubungsmitteln gespritzt. Doch während des Eingriffs brachen Atmung und Kreislauf des Patienten ein. Als der Arzt Gegenmittel injizierte, schien sich der Patient zu stabilisieren.

Ein kapitaler Fehler

Der Mediziner entschied, auch den zweiten Eingriff, die Darmspiegelung, vorzunehmen. Ein kapitaler Fehler, dem weitere folgen sollten, urteilte der Sachverständige. Um acht Uhr brachen abermals Atmung und Kreislauf ein. Statt sofort den Notarzt zu rufen, spritzte der Arzt mehrmals Mittel, um den Kreislauf zu stabilisieren. Auch sein Versuch, den Patienten über einen Tubus mit Sauerstoff zu versorgen, scheiterte.

Erst um 8.45 Uhr – über 40 Minuten zu spät – ging in der Rettungszentrale der Notruf ein. Der Notarzt traf Hans-Jürgen W. leblos an. Zwar konnte er den 60-Jährigen reanimieren, doch neun Tage später verstarb er im Klinikum, ohne wieder das Bewusstsein erlangt zu haben.

„Gerechtigkeit. Das ist das Einzige, was ich für ihn tun konnte“, sagte Witwe Monika W., die sichtlich aufgewühlt das Gerichtsgebäude verließ. Als Auflage muss der Arzt ihr jetzt 20000 Euro zahlen, weitere 10000 Euro gehen in die Staatskasse. Nach seinen Zukunftsplänen gefragt, sagte der Mediziner, er wolle künftig ehrenamtlich für „Ärzte ohne Grenzen“ arbeiten.

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