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Geschichte

22.03.2020

Pest und Cholera: Was wir von vergangenen Seuchen lernen

Notlazarett in Zelten auf einer Grünfläche in Brookline, Massachusetts, USA zu Zeiten der Spanischen Grippe 1918.
Bild: Picture-alliance, dpa

Epidemien haben in der Geschichte immer wieder den Alltag bestimmt - sie haben Menschenleben gekostet, aber auch Fortschritt gebracht.

Die Menschheit musste in der Geschichte immer wieder mit Seuchen kämpfen. Pest, Cholera und Spanische Grippe kosteten weltweit Millionen das Leben. Einer, der viele vergangene Epidemien und Pandemien untersucht hat, ist Medizinhistoriker Karl-Heinz Leven von der Universität Erlangen-Nürnberg. Er ist sicher: Die Medizin werde von der Corona-Krise profitieren, vor allem was virale Ausbrüche betrifft. Die Erkenntnisse der Menschen, die derzeit an vorderster Front stehen, etwa Ärzte, Pfleger und Virologen, werden genau analysiert. Auch ein Blick in die Geschichte zeigt, wie schwere Krankheitsausbrüche Innovationen angestoßen haben.

Quarantäne als wichtiges Mittel gegen unbekannte Bakterien

Leven ist Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin. Einer seiner Arbeitsschwerpunkte ist die Seuchengeschichte. Er sagt: "Im Kampf gegen die Seuche lernen wir auch etwas." Da wäre zum Beispiel die Pest, auch bekannt als der "Schwarze Tod".

In Italien, Frankreich und Deutschland wütete ab 1347 über Schiffe aus dem westlichen Mittelmeerraum kommend die tödliche Beulenpest. "Innerhalb von drei Jahren sind schätzungsweise 30 Prozent aller Menschen gestorben", sagt Leven. Die Menschen konnten auf den ersten Pestausbruch noch nicht reagieren. "Aber in den Folgeepidemien in den späten 1370er Jahren, haben sie angefangen, erste Maßnahmen zu ergreifen", sagt Leven. Seestädte, wie beispielsweise das heutige Dubrovnik in Kroatien oder Venedig, verhängten 40-tägige Sperrfristen für verdächtige Schiffe, die mit ihren Waren anlegen wollten. Daraus entwickelte sich die Quarantäne – sie gilt als eines der effektivsten Mittel im Kampf gegen unbekannte Bakterien und Seuchen.

Pest und Cholera: Was wir von vergangenen Seuchen lernen

Schulschließungen gab es schon bei der Spanischen Grippe 

Auch heute ist die Quarantäne noch ein Mittel, um Krankheitswellen einzudämmen. In der Corona-Krise sind viele Landstriche, teilweise ganze Staaten, unter Quarantäne gestellt. In vielen Regionen herrscht sogar eine Ausgangssperre. Auch Schulschließungen gab es beispielsweise schon 1918 zu Zeiten der Spanischen Grippe, die weltweit rund 50 Millionen Menschen das Leben gekostet hat. So berichtete die Augsburger Abendzeitung vom 21. Oktober: "Die von der Öffentlichkeit dringend geforderte Schließung der Schulen rechtfertigt sich zweifellos da, wo unter Schülern und Lehrern die Krankheit herrscht."

Die Italiener gelten als Vorreiter der Seuchenbekämpfung – ohne zu wissen, mit was für einem Erreger sie es in Pest-Zeiten zu tun hatten. Die Behörden in Venedig beispielsweise regelten schnell nach Ausbruch der Krankheit Massenbestattungen, ließen herumliegende Tierkadaver beseitigen und führten die Meldepflicht für Erkrankte ein.

Isolation von Kranken ist die direkte Folge von Seuchen

Auch die Isolation von Kranken ist eine direkte Folge von Seuchen. Sie geht bis in das frühe Mittelalter zurück. Es ist eine Zeit, in der in Europa immer mehr Lepra-Kranke gezählt werden. Eine Krankheit, die durch einen bakteriellen Infekt ausgelöst wird und Haut und Nervenzellen befällt. Damals sind außerhalb der Stadt Leprösenheime entstanden.

Ähnlich wurde im 16. Jahrhundert auch bei der Pest gehandelt, als sogenannte Pest-Häuser, um kranke von gesunden Menschen zu isolieren, eingerichtet wurden. "Abschließungsmaßnahmen hat man bei vielen Seuchen gemacht", sagt Leven, "allerdings nicht in der Radikalität, wie es jetzt geschieht." Heute stehe viel mehr Wissen über Krankheiten zur Verfügung und ein ganz anderer vor allem wissenschaftlicher Austausch sei möglich.

Die Menschen hatten ab dem 14. Jahrhundert die Vorstellung, dass Krankheiten etwas mit Verschmutzung zu tun haben. Das war aber nicht viel mehr als eine Vorahnung. Die eng gebauten Städte waren ein idealer Nährboden für Ratten und damit auch für Krankheitsüberträger wie Flöhe. "Das hat man erst in den 1890er Jahren entdeckt, als die Pest in Europa keine Rolle mehr spielte", sagt Leven.

Kläranlagen sind wegen Cholera-Epidemien entstanden

Die Wellen der Cholera, ein bakterieller Infekt, der starken Durchfall auslöst, zogen viele Todesopfer nach sich, bewirkten aber auch Fortschritt. Im 19. Jahrhundert wurde die Krankheit über die Schifffahrt aus Indien eingeschleppt. Ein Beispiel aus London: 1840 erlebten die Menschen in der Metropole, wie in einigen Stadtteilen die Krankheit ausbrach, in anderen nicht. Ein Mediziner stellte dann verseuchtes Trinkwasser in den betroffenen Gebieten fest. Ähnliches passierte in Hamburg 1892: 6000 Menschen starben durch einen Cholera-Ausbruch. Der Grund: Abwasser wurde in die Elbe geschüttet, die gleichzeitig auch für die Trinkwasserversorgung diente. "Der Einsatz von Kläranlagen beispielsweise ist auch auf diese Cholera-Epidemien zurückzuführen", sagt Leven.

Dadurch veränderten sich auch die Städte in Europa: Trinkwasser aus Wasserleitungen versorgte die Menschen mit "gesundem" Wasser, Abwasser floss in Kanalisationen. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich dann die "soziale Hygiene" – die Einflüsse der Umwelt auf die Gesundheit wurden deutlich. Sie gilt auch als die Grundlage für die moderne Gesundheitswissenschaft.

Mikrobiologie war ein "epochaler Schritt" zur Seuchenbekämpfung

Zuvor waren die Abwehrmaßnahmen etwa im Mittelalter sehr einfach. "Das Problem war", sagt Leven, "man kannte die Ansteckungskraft von Seuchen, hatte aber keine Ahnung, was da überhaupt übertragen wird." Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war den Wissenschaftlern unter dem Stichwort Mikrobiologie klar, dass ein Bakterium eine bestimmte Infektionskrankheit verursacht. "Das war ein epochaler Schritt", sagt der Medizinhistoriker.

Ähnlich bahnbrechend war die Entdeckung der Viren. Gelehrte Ärzte haben seit der Antike bis weit in das Mittelalter hinein gesagt, dass sich Krankheiten nicht von Mensch zu Mensch übertragen. Atmosphärische Veränderungen und Dämpfe aus dem Boden, sogenannte Miasmata, sah man für Krankheiten verantwortlich. Erst mit den Erfahrungen der Pestwelle seit dem 14. Jahrhundert kam die Erkenntnis, dass infizierte Menschen, die krank sind, Gesunde anstecken.

Pandemiepläne als Handlungsrahmen bei Krankheitswellen

Und heute? Welche Lehren werden aus den Krankheitswellen der vergangenen Jahrzehnte gezogen?

Mit der Gründung der Vereinten Nationen wurde auch die Weltgesundheitsorganisation 1948 ins Leben gerufen, ebenfalls ein wichtiger Baustein im Kampf gegen Seuchen. 194 Mitgliedstaaten arbeiten zusammen, um die Gesundheit der Bürger weltweit zu verbessern.

Nach der Schweinegrippe beispielsweise hat das Robert-Koch-Institut Risiko-Analysen durchgeführt – heute gibt es Pandemiepläne, die greifen, wenn ein Virus sich ausbreitet. "Wir haben in der Bekämpfung von Viruskrankheiten enorme Fortschritte gemacht", sagt Leven und nennt als Beispiel das noch sehr junge Aids. In den 1980er Jahren trat das Virus erstmals auf. "War man damals mit HIV infiziert, war das ein Todesurteil", sagt Leven. Allerdings hat sich das bereits in den späten 1990er Jahren grundlegend geändert. Zwar hätte man auch heute noch keinen Impfstoff gegen das Virus. Infizierte könnten aber aufgrund des medizinischen Fortschritts ein Leben bis ins hohe Alter führen. "Das ist ein unglaublicher Erfolg."

Über alle Entwicklungen rund um das Coronavirus informieren wir Sie in unserem Live-Blog.

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