Pfingstflut 1999: Als Augsburg im Wasser versank

Pfingstflut 1999: Als Augsburg im Wasser versank

Bild: Wolfgang Diekamp (Archiv)

Vor 20 Jahren suchte eine Jahrhundert-Flut Augsburg heim. Das Pfingsthochwasser 1999 brannte sich ins Gedächtnis ein - und hat bis heute Folgen.

Der Tag vor 20 Jahren begann für Helmut Noga um vier Uhr morgens mit dem Bellen seines Dackels: Auf der Straße vor seinem Haus in der Pferseer Uhlandwiese waren Helfer von Feuerwehr und Wasserwacht unterwegs, um die Anwohner zu warnen. Einige Stunden zuvor war unter dem Druck eines Jahrhunderthochwassers der Wertach-Damm am Ackermann-Wehr geborsten. Denn dieses war durch Baumstämme verstopft.

Unter dem Druck des Jahrhundert-Hochwassers brach der Wertach-Damm am Ackermann-Wehr.
Bild: Fred Schöllhorn/Archiv

Am Donnerstag wird es 20 Jahre her sein, dass das Wasser mit dem ersten Tageslicht des Pfingstsonntags nach Pfersee kam - und zwar mit Gewalt, wie sich Noga erinnert. „Die Kellerfenster flogen unter dem Druck raus, innerhalb von zwei Stunden standen der Keller und das Wohnzimmer unter Wasser.“

Noga war einer von mehr als 10.000 Göggingern und Pferseern, die das Hochwasser am 22. und 23. Mai 1999 heimsuchte. Betroffen war vor allem Pfersee-Süd. Die schmutzig braune Brühe rauschte mit Getöse Tiefgaragenrampen hinab, schob Autos auf der Straße wie Spielzeug herum, überflutete unzählige Keller und richtete Millionenschäden an. Die höchste Schätzung lag bei 180 Millionen Mark.

Autos versinken im Wasser: An anderen Stellen standen die Fluten in Augsburg sogar bis zu eineinhalb Meter hoch.
Bild: Anne Wall/Archiv

Getötet wurde damals in Augsburg niemand, doch es gab mehrere Verletzte. Bis zu eineinhalb Meter stand das Wasser hoch, Feuerwehr und Wasserrettung waren mit Booten unterwegs. Erst im Lauf des Pfingstsonntags sank der Wasserstand langsam.

Die betroffenen Straßenzüge glichen in den Tagen nach der Flut Sperrmüllhalden, weil Möbel weggeworfen werden mussten. „Der Bautrockner bei uns im Keller lief wochenlang. Ich bin am Dienstag nach Pfingsten gleich morgens in den Baumarkt, um so ein Gerät zu leihen. Ich hatte Glück – kurz darauf waren in Augsburg keine Geräte mehr verfügbar“, erinnert sich Sonja Meitinger, die damals einen überfluteten Keller in der Uhlandwiese hatte. Positiv sei der menschliche Zusammenhalt gewesen – bei Freunden wie auch bei den Nachbarn im Reihenhaus, das gerade bezogen wurde. „Alle haben zusammengeholfen.“

Manche Hausbesitzer, die nicht versichert waren, mussten Kredite aufnehmen, um die Schäden an ihren Gebäuden zu reparieren. Teils mussten Keller mussten aufwändig gereinigt werden, nachdem das Hochwasser Öltanks aus der Verankerung gerissen hatte. Helmut Noga musste eine 20 Zentimeter hohe Schlammschicht vom Kellerboden kratzen. „Ich bin danach mit dem Hochdruckreiniger durch den Keller gegangen. Nass war es dort ja eh schon.“

In einigen Straßen Augsburgs kamen die Rettungsdienste damals nur mit Booten voran.
Bild: Wolfgang Diekamp/Archiv

Noch am Tag der Flut kam die Frage nach der Schuld auf. Teils fühlten Bürger sich zu spät - oder gar nicht - gewarnt. Für besondere Wut sorgte, dass der damalige Katastrophenschutzreferent Willi Reisser mit Erlaubnis von Oberbürgermeister Peter Menacher am Morgen des Fluttages in den lange geplanten Urlaub fuhr und die Geschäfte an seinen Vertreter übergab.

Der Katastrophenschutz-Referent fuhr in den Urlaub - und musste gehen

Am Verlauf der Katastrophe hätte es aber auch nichts geändert, wenn Reisser vor Ort geblieben wäre, hieß es später in einem unabhängigen Untersuchungsbericht. Es habe insgesamt „gravierende Führungsmängel“ gegeben, der Führungsstab sei zu klein gewesen, habe improvisiert und kein vollständiges Lagebild gehabt. Doch auch eine 100-prozentig funktionierende Leitung hätte nichts mehr ausrichten können, so das Ergebnis des Berichts.

Klagen von Bürgern gegen die Stadt Augsburg auf Schadensersatz blieben erfolglos.

Nach dem Pfingsthochwasser begann in Augsburg das große aufräumen - die Menschen halfen zusammen.
Bild: Anne Wall

Doch das Pfingsthochwasser 1999 hatte anderweitig Folgen: Die Stadt richtete wieder ein Sirenennetz ein, das nach dem Ende des Kalten Kriegs abgebaut worden war. Inzwischen nimmt Augsburg auch an der Warn-App „Nina“ des Bundes teil und kann Bürger übers Handy warnen. Zudem, so Katastrophenschutz-Referent Dirk Wurm (SPD), gebe es inzwischen eine 1,2 Kilometer lange Schutzwand, die auf acht Lkw transportiert und schnell aufgestellt werden kann. In einer Halle lagern auch 10.000 Sandsäcke und entsprechende Maschinen zur Befüllung. Und, so Wurm, inzwischen ist festgelegt, dass der Leitdienst der Feuerwehr schon bei niedriger Hochwasser-Warnstufe ein Auge auf die Lage hat.

Der Stadtteil Pfersee wurde mit am schlimmsten vom Hochwasser getroffen.
Bild: Wasserwirtschaftsamt Donauwörth

Noch weitreichender sind die Maßnahmen, die der Freistaat ergriffen hat. Er baute die Wertach um, damit Flutkatastrophen unwahrscheinlicher werden. Das Ackermann-Wehr wurde durch ein flutsicheres Schlauchwehr ersetzt, das Goggeles-Wehr abgerissen, der Localbahnsteg in Pfersee ohne Pfeiler neu gebaut. Auf der etwa acht Kilometer langen Strecke zwischen Inningen und der Bgm.-Ackermann-Straße wird das Flussbett seit dem Jahr 2000 abschnittsweise verbreitert, teils sind gezielte Überschwemmungsflächen im Wald vorgesehen.

Für den Hochwasserschutz wurden Bäume gefällt - was zu Protesten führte

Nach anfänglichen Protesten wegen Baumfällungen wird das Projekt nun relativ gut angenommen – auch wegen des höheren Freizeitwerts, den die Wertach seither bietet. Die Ufer wurden abgeflacht, der Fluss ist von Erholungssuchenden besser erlebbar.

Momentan steht noch der letzte Unterabschnitt auf Höhe Schafweidsiedlung/Gögginger Wäldchen zwischen dem Ackermann-Wehr und der B17-Brücke aus. Im Lauf des Jahres soll das Genehmigungsverfahren abgeschlossen werden. Das Flussbett soll von aktuell 25 Metern Breite auf etwa 90 Meter aufgeweitet werden. Die Planungen zogen sich lange hin, auch wegen Vorbehalten in der Schafweidsiedlung wegen einer Deichverlegung.

Augsburg unter Wasser: Das Luftbild zeigt die Ausmaße des Pfingsthochwassers. Recht die Herz Jesu-Kirche in Pfersee-Süd.
Bild: Wasserwirtschaftsamt Donauwörth

„Wenn dieser Bereich abgeschlossen ist, schläft man aus Pferseer Sicht ruhiger“, sagt Dietmar Egger, Vorsitzender der Bürgeraktion Pfersee. Man sehe es nach wie vor kritisch, dass die Stelle, an der die Wertach damals übers die Ufer trat, noch nicht umgestaltet sei. „Es geht uns zu langsam“, so Egger.

Schon 1965 war Pfersee von einem schweren Hochwasser getroffen worden

Anwohner Noga sagt in der Bilanz, dass er damals 80.000 Mark Schaden hatte. Als einer von wenigen Hauseigentümern sei er gegen ein Hochwasser versichert gewesen. Schon 1965 war Pfersee-Süd von einer Überschwemmung betroffen. Auch damals war die Wertach über die Ufer getreten und folgte – so wie 34 Jahre später – dem Verlauf des ausgetrockneten Brunnenbachs, der früher über die Uhlandwiese floss.

Daran, so Noga, habe er sich erinnert, als er die Versicherung abschloss. Unruhige Nächte hat er wegen des Hochwassers aber nicht. Der Umbau des Ackermann-Wehrs habe viel gebracht. „Eine zweite Überschwemmung dieser Größenordnung gibt es nicht mehr“, glaubt er.

Das Wasserwirtschaftsamt verweist darauf, dass man in den vergangenen Jahren große Anstrengungen unternommen habe. Trotzdem seien Überflutungen keinesfalls ausschließbar, nicht zuletzt durch lokalen Starkregen. Jeder einzelne solle sich Gedanken über seine Vorsorge machen.

Am 21. Mai bringt das Wasserwirtschaftsamt zur Erinnerung eine Hochwassermarke an der Chemnitzer Straße in Pfersee an.

Betroffene Gesichter: Viele Augsburger waren fassungslose angesichts der Ereignisse. Das Bild zeigt die Chemnitzer Straße - wo nun eine Hochwassermarke an die Ereignisse erinnert.
Bild: Wolfgang Diekamp/Archiv
Pfingstflut 1999: Als Augsburg im Wasser versank