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Kültürtage Augsburg

29.11.2017

Plötzlich im Kult für Masochisten

Wer ist der Chef? Halime (Hadiye Akyol) und Haydar (Fikret Yakaboylu) in der Mühle.
Bild: Michael Hochgemuth

Der traditionelle Kabarettabend um Haydar, den Pantoffelhelden aus Anatolien.

Es ist wieder Haydar-Zeit. Seit 2010 gehören die Parodien auf den Gastarbeiter (Fikret Yakaboylu) aus Anatolien und seine Frau Halime (Hadiye Akyol) zum festen Programm der Kültürtage. Wie in den Jahren zuvor war der Fanandrang bei „Döner mit Sauerkraut“ vor der Kresslesmühle auch dieses Mal so groß, dass Autor und Hauptdarsteller Fikret Yakaboylu sowie Regisseur Fabio Esposito kurzfristig eine zweite Vorstellung von „Haydar putscht“ ausriefen.

Das 50-minütige Stück setzt sich unter dem Motto der diesjährigen Kültürtage mit den Systemen von Macht auseinander. Haydar glaubt zu wissen, wie das mit der Herrschaft geht, und empfiehlt den weichgespülten Deutschen, sich endlich zu emanzipieren und ihre Frauen zwei Meter hinter sich laufen zu lassen – à la turca eben. Bei ihm klappt das nicht wirklich. Halime, seine selbstbewusste, im Gegensatz zu ihm akzentfrei Deutsch sprechende Ehefrau, entlarvt ihn regelmäßig als Pantoffelhelden.

Kunden stürmen den Supermarkt

Selbst ein Einkauf gerät zum Krieg. Ein gestresster Flüchtling (Pouya Raufyan) und sein unbarmherziger Chef (Winfried Brecheler) richten Wühltische her. Schlag acht stürmen die Kunden den Supermarkt zur „black shopping week“. Eine energiegeladene Satire auf die Konsumraserei im echten Leben. Halime zerrt einen Bikini für zwölf Euro aus dem Karton. „Du kannst doch gar nicht schwimmen!“ Soll doch für ihre Oma sein. Haydar: „Wenn die damit zum Strand kommt, zieht sich sogar das Meer zurück!“ Einen Karton weiter entzündet sich ein Streit an einer Handtasche.

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Zu Hause erwischt Halime Haydar bei einem Telefonat. „Das war Mu…, Muharrem, wallah!“ Halime findet heraus, es ist nicht Muharrem, sondern Mualla. Haydar ist untreu. Halime tobt, rast von der Bühne. In seiner Verzweiflung will Haydar sich bei Mualla trösten, doch das Geld reicht nicht. In dieser Sinnkrise begegnet ihm eine Masochisten-Sekte. „Eine eigene Religion für Leute, die leiden wollen?“ Aus der Ferne im Zuschauerraum beobachtet und kommentiert er den nackten „Guru Bey“ (Tom Hecht) sowie die Rituale, Selbstverletzungen und Folterwerkzeuge der Mitglieder. Trotz seiner Verzweiflung lässt sich Haydar nicht manipulieren. Ein Happy End darf bei dieser Mischung aus Klamauk, Satire und politischem Anspruch nicht fehlen. Halime versöhnt sich mit Haydar, inzwischen befreit von Kopftuch und Küchenkittel. Die stärkste Erscheinung des Stücks jedoch war die Augsburger Conchita Wurst. Mit einem kleinen Schwarzen, langen Strapsen und High Heels balancierte Ufuk Çalisçi an diesem Abend über die Bühne und legte das mutigste Zeugnis gegen die Macht von Konventionen ab.

Mit Pouya Raufyan konnte eines der frühesten Kültürtage-Gewächse erstmals wieder mit auf der Bühne stehen. Der Anfang des Jahres für 55 Tage ausgewiesene Afghane lebt seit März mit verschiedenen Arbeitsverträgen wieder in Deutschland.

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