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Vor 98 Jahren

10.05.2019

Polizei-Protokoll vom 10. Mai 1921: Als Hitler in Augsburg auf Widerspruch stieß

Das Foto zeigt einen späteren Besuch Adolf Hitlers in Augsburg. Er wird im Stadttheater empfangen und schaut sich vom Balkon aus einen Aufmarsch an.
Bild: Stadtarchiv Augsburg

Der spätere Diktator sprach vor 98 Jahren im Café Maximilian. Ein Polizei-Protokoll enthüllt, was nach kritischen Zwischenrufen bei der Sitzung geschah.

Es waren noch keine Menschenmassen, die sich versammelten, um ihm zuzuhören. „Adolf Hitler aus München“, wie er in einer Einladung angekündigt wurde, sprach am Abend des 10. Mai 1921 in Augsburg nur vor knapp 200 Personen. Er trat im Café Maximilian auf, im Saal im zweiten Obergeschoss. Damals waren Adolf Hitler und seine NSDAP noch weit entfernt von ihrer späteren Machtfülle. Ein Polizeiprotokoll von damals zeigt, dass sich der spätere Diktator bei dem Auftritt sogar Widerspruch anhören müsste.

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Der Polizeibericht über Adolf Hitlers Besuch in Augsburg vor genau 98 Jahren zeigt auch, welchen Widerstand es bereits in der Anfangszeit der Weimarer Republik gegen die erste Demokratie auf deutschem Boden gab. Und es zeigt, dass die Polizei damals durchaus beobachtete, was die Gegner der Demokratie tun. Beamte der sogenannten politischen Polizei nahmen an Versammlungen teil und sammelten Informationen über die politischen Aktivisten. Bis zum Jahr 1933 befasste sich die politische Polizei vor allem mit der Aufklärung und Vorbeugung von Straftaten mit radikalem Hintergrund.

Bei Hitlers Rede gibt die Polizei keine gute Figur ab

Das gibt es heute noch. Auch in Augsburg existiert bei der Polizei ein sogenanntes Staatsschutz-Kommissariat, dessen Ermittler sich mit politischem Extremismus befassen und zum Beispiel Demonstrationen beobachten – zuletzt etwa Auftritte der islamfeindlichen Münchner „Pegida“-Gruppe. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten änderte sich aber ab 1933 die Ausrichtung der politischen Polizei: Sie wurde fortan genutzt, um Gegner der Nationalsozialisten, vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten, auszuschalten und neue oppositionelle Gruppen zu verhindern. Bei der Rede Hitlers im Café Maximilian im Mai 1921 gibt die Polizei aber offenbar keine besonders gute Figur ab. Sie unternimmt offensichtlich nichts, als ein Besucher verprügelt wird – womöglich von Angehörigen der damals als Ordnertruppe bereits gegründeten SA.

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In einem Wochenbericht des Augsburger „Polizei-Amts“ vom 17. Mai 1921 heißt es, die Schwäbische Volkszeitung, ein SPD-Blatt, werfe der Polizei vor, die Misshandlungen des Mannes nicht verhindert zu haben. In dem Bericht der Polizei heißt es, ein älterer Mann habe es gewagt, Hitlers Rede über den Versailler Vertrag mit einem Zwischenruf zu stören. Wörtlich steht in dem Bericht: „Sofort ist eine größere Anzahl Teilnehmer an seinen Tisch und bedrohten ihn. Bei der Diskussion wurde er mit Gewalt zum Rednerpult geführt, um sich wegen seines Zwischenrufs zu rechtfertigen, was ihm jedoch durch die drohende Haltung der anderen Versammlungsteilnehmer unmöglich gemacht wurde.“

Ein anderer Mann, der sich wohl für den Zwischenrufer eingesetzt hat, wird laut Bericht beim Verlassen des Saales „von mehreren Versammlungsteilnehmern verfolgt und im Treppenhaus geschlagen“. Der Beamte der Polizei schreibt: „Es machte den Anschein, als ob die Partei Leute aufgestellt hat, die den Auftrag hatten, andersdenkende Versammlungsteilnehmer, die Zwischenrufe machten, gewaltsam aus dem Saale zu entfernen.“

Die Judenfeindlichkeit der NSDAP war schon damals deutlich

Dass die Anhänger der damals erst einige tausend Mitglieder zählenden NSDAP judenfeindlich eingestellt sind, wird schon damals deutlich. Das Augsburger Polizei-Amt hält nämlich fest: „An nächstfolgenden Tage fand man an sehr vielen Geschäften, besonders an solchen, deren Inhaber Juden sind, Zettel angeklebt, deren Inhalt Judenhetze war.“ Adolf Hitlers Auftritt im Mai 1921 ist seine zweite Rede innerhalb von wenigen Monaten in der Stadt. Dass Hitler damals hierher kam, erklärt der Augsburger Regionalforscher Alfred Hausmann auch damit, dass der Österreicher in diesen frühen Jahren in der Politik einen Augsburger Förderer hat – den Apotheker und Ölmühlenbesitzer Gottfried Grandel. Er organisierte 1920 einen Flug für Hitler von Augsburg nach Berlin, um ihn zu einem Putschversuch zu bringen, der dort stattfand – aber scheiterte. Hausmann schreibt in einem Aufsatz zudem, dass Hitler von dem Unternehmer aus Augsburg auch Hilfe bekam, als er für die NSDAP einen Zeitungsverlag kaufte, in dem er den Völkischen Beobachter herausbrachte. Für die Splitterpartei, die die NSDAP damals noch war, sei das ein finanzielles Abenteuer gewesen. Grandel habe damals eine Bürgschaft für den Parteivorsitzenden Hitler übernommen, um das Geschäft möglich zu machen.

In seinen frühen Jahren als Politiker hatte der spätere Machthaber und Massenmörder Hitler in Augsburg aber auch einen starken innerparteilichen Gegner. Es handelte sich um Otto Dickel, Lehrer am Realgymnasium, dem heutigen Peutinger-Gymnasium. Er gründete in den 1920ern auch die Siedlung Dickelsmoor nordöstlich der Stadt. Bei einer Rede Hitlers im Januar 1921 in Augsburg – ebenfalls im Café Maximilian – widerspricht er mehrfach. Er steigt danach kurzzeitig zu einem ernst zu nehmenden Gegenspieler Hitlers in der NSDAP auf, wird aber rasch wieder kaltgestellt.

Später jubeln Hitler in Augsburg die Massen zu

Später hat Adolf Hitler in Augsburg ein deutlich größeres Publikum als im Jahr 1921. Als er im Mai 1939 zur Wiedereröffnung des Stadttheaters kommt, jubeln ihm die Massen zu. Dieser Augsburg-Aufenthalt ist auch der letzte von rund 20 überlieferten Besuchen Hitlers in der Stadt. Wenige Monate danach zettelt der Diktator den Zweiten Weltkrieg an, der mehr als 60 Millionen Menschen das Leben kostet – und an dessen Ende das alte Augsburg durch Bomben zerstört ist.

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