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Augsburg

24.07.2017

Polizei zählt deutlich mehr junge Gewaltopfer

Die Zahl der Kinder in Augsburg, die Opfer von Gewalt werden, ist zuletzt gestiegen.
Bild: Patrick Pleul, dpa (Symbolbild)

Die Zahl der Kinder in Augsburg, die Opfer einer Körperverletzung geworden sind, ist zuletzt um 30 Prozent gestiegen. Warum Experten deshalb aber noch nicht Alarm schlagen.

Der kleine Jeremy schwebte in Lebensgefahr, als ihn Mitarbeiter des Jugendamtes aus der Wohnung im Bärenkeller holten und dafür sorgten, dass er in eine Kinderklinik kam. Er wog mit acht Monaten nur 3,9 Kilogramm. Laut Weltgesundheitsorganisation ist das eine Unterernährung schwersten Grades. Die Mutter hatte ihr Baby massiv vernachlässigt. Voriges Jahr wurde sie wegen versuchten Totschlags zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Dass Kinder in Augsburg durch Gewalt oder Vernachlässigung sterben, ist zum Glück die absolute Ausnahme. Es blieb bei Einzelfällen und es gibt auch Jahre, in denen kein Kind auf diese Weise ums Leben kommt. Körperliche Gewalt erleben Kinder dagegen deutlich öfter. Voriges Jahr zählte die Polizei 117 Opfer von einfachen Körperverletzungen, die jünger waren als 14 Jahre. 51 Kinder wurden der Statistik zufolge Opfer einer gefährlichen Körperverletzung.

Betroffene holen sich öfter Hilfe

Und der Trend war zuletzt negativ: Im Vergleich der Jahre 2015 und 2016 ist die Zahl der Gewaltopfer im Kindesalter um rund 30 Prozent gestiegen. Werden Kinder also immer öfter zur Zielscheibe von Gewalt? Sabine Rochel, die Opferschutzbeauftragte des Polizeipräsidiums, warnt vor solchen schnellen Schlüssen. Schwankungen bei den Fallzahlen von einem Jahr zum anderen seien üblich, sagt sie. Die Hauptkommissarin geht nicht davon aus, dass die Gewalt gegenüber Kindern derzeit dramatisch zunimmt.

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Im Alltag erlebt sie vielmehr, dass die Hemmschwelle gesunken ist, sich bei einem Verdacht Hilfe zu holen und auch die Polizei einzuschalten. „Früher war dieses Thema noch viel stärker mit Tabus besetzt als heute“, sagt Sabine Rochel. Zahlreiche Fälle, die heute in der Statistik auftauchen, seien früher wohl im Dunkelfeld geblieben und deshalb auch nie von der Justiz verfolgt worden.

Dass die Aufklärungsarbeit wirkt und heute mehr Straftaten an Kindern aufgedeckt werden als früher – davon ist auch der Sozialpädagoge Franz Wagner überzeugt. Er arbeitet in der Anlaufstelle des Augsburger Kinderschutzbundes. Wagner und eine Kollegin kümmern sich hier jedes Jahr um rund 300 Fälle, in denen Kinder zu Opfern geworden sind – oder es zumindest werden könnten, wenn nichts geschieht. In etwa je einem Viertel der Fälle geht es um sexuellen Missbrauch und um Misshandlungen. In rund der Hälfte der Fälle sind die Kinder zwar nicht direkt von Gewalt betroffen, aber sie leiden unter familiären Krisen.

Die Täter sind meist Verwandte und Bekannte

Die allermeisten Übergriffe spielen sich in der Familie oder im direkten sozialen Umfeld des Kindes ab. „Die Täter sind meist Verwandte und Bekannte“, sagt Franz Wagner. „Oder sie haben über Vereine, Verbände oder kirchliche Institutionen Kontakt zu den Kindern.“ Der von vielen Eltern so sehr gefürchtete „böse Mann“, der Kindern auflauere und ihnen etwas antue, sei die absolute Ausnahme.

Eben weil sich Täter und Opfer meist gut kennen, ist die Scheu, zur Polizei zu gehen, trotz aller Aufklärungsarbeit durch Polizei und Opferschutzverbände wohl noch immer groß. Zwar schauen etwa Erzieher, Ärzte oder auch Nachbarn heute in vielen Fällen genauer hin. Hauptkommissarin Sabine Rochel ist aber dennoch überzeugt: „Man muss leider davon ausgehen, dass es nach wie vor eine sehr große Dunkelziffer gibt.“ Deshalb ist auch der aktuelle Rückgang bei den Opfern von Kindesmissbrauch – die Zahl sank zwischen 2015 und 2016 um fast 50 Prozent – keine Garantie dafür, dass es wirklich deutlich weniger sexuelle Übergriffe gab.

Zumal sich ein neues Dunkelfeld aufgetan hat, in das die Polizei so gut wie keinen Einblick hat. Experten gehen davon aus, dass die allermeisten Übergriffe auf Kinder, die sich in Asylheimen und in Flüchtlingsfamilien abspielen, nicht bekannt werden. Es gebe viele Hindernisse, sagt Sabine Rochel. Es scheitere oft schon an der Sprache. Viele Zuwanderer brächten zudem aus ihrer Heimat eine Skepsis gegenüber der Polizei mit. Dazu komme: Manches, was in Deutschland als Kindesmisshandlung verboten sei, werde in anderen Ländern gesellschaftlich akzeptiert.

Mitunter werden aber auch hier Schicksale bekannt. So wie im vergangenen Dezember, als sich eine 23-jährige Afghanin mit ihren beiden Kindern in der Wertach umbringen wollte. Sie ließ von ihrem Plan in letzter Sekunde ab und holte sich Hilfe bei Anwohnern. Der Hintergrund: Die Frau war verzweifelt, weil ihr Ehemann sie immer wieder brutal misshandelte.

Lesen Sie den Kommentar zu diesem Artikel:

Gewalt gegen Kinder: Wer wegschaut, macht sich mitschuldig 

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