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Debattenbeitrag

15.07.2017

Polizisten als Helden gefeiert – und im Alltag im Stich gelassen?

Schmiererei vom vergangenen Wochenende an einem Kindergarten im Augsburger Antonsviertel: Woran liegt es, dass der Respekt vor der Polizei sinkt?
Bild: Florian Eisele

Beim G20-Gipfel erlebten Polizisten extremen Hass. Sinkenden Respekt und wachsende Aggressionen spüren aber auch die Augsburger Beamten. Warum Hamburg daran nicht viel ändern wird.

Die Bilder aus Hamburg lassen keinen kalt. Brennende Barrikaden, Flaschen- und Steinwürfe, der Einsatz von Wasserwerfern und Tränengas. Und eine Menschenmenge, die skandiert: „Ganz Hamburg hasst die Polizei!“ Polizisten überall in Land – auch jene, die nicht beim G20-Gipfel arbeiten mussten – waren schockiert und empört zugleich. Die Eskalation der Gewalt hat aber gleichzeitig eine Welle der Solidarität mit der Polizei ausgelöst. Im Internet übertrafen sich die Nutzer – auch in unserer Region – mit Danksagungen. Die in Hamburg eingesetzten Beamten wurden als Helden gefeiert.

Nun war der Großeinsatz tatsächlich eine enorme Belastung für die Polizisten. Eine körperliche und seelische Zumutung. Respekt dafür haben sich die Polizisten, darunter etwa 100 Beamte aus dem Raum Augsburg, redlich verdient. Die Frage ist nur: Was nutzen den Polizisten all die schönen Solidaritätsbekundungen in ihrem Alltag?

In Umfragen genießen Polizisten Ansehen - auf der Straße erleben sie anderes

Denn was sich in Hamburg in einem Gewitter der Gewalt und des Hasses entlud, ist in seinen Ausläufern auch in Augsburg zu spüren (Lesen Sie dazu: G20: Polizisten aus der Region kommen unverletzt zurück ). Der Respekt gegenüber Polizeibeamten lässt seit Jahren nach. Es ist kein Problem, das sich nur auf Links- oder Rechtsextremisten erstreckt. In Umfragen genießen Polizisten zwar höchstes Ansehen. Doch draußen, auf der Straße, erleben die Augsburger Beamten oft etwas anderes. Auch im Kontakt mit ganz normalen Bürgern. Auch bei Kleinkram wie einem Verkehrsverstoß reagieren Menschen inzwischen regelmäßig mit Aggressionen.

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Besonders drastisch bekommen die Polizisten den Sinkflug des Respekts im Nachtleben zu spüren. Alkohol und andere Drogen entfalten hier ihre Wirkung. Dass sich Betrunkene ausfallend verhalten, ist nichts Neues. Inzwischen aber mischen sich regelmäßig Unbeteiligte in Einsätze ein. Sie stören, sie filmen mit Handys – und mitunter beleidigen und attackieren sie auch plötzlich grundlos die Polizisten.

Auch beim Fußball schlagen der Polizei immer wieder Wut und Aggressionen entgegen. Manche in der Ultraszene sehen vor allem die Polizei als Feindbild. Wenn Polizisten sich dem Block nähern, skandieren Hunderte Augsburger Fans schon mal lautstark „Bullenschweine“. Auf Aussagen von Augsburger Polizisten, sie seien besorgt über den Hass, der ihnen beim Fußball immer wieder entgegenschlage, reagierten Teile der Fanszene mit offener Häme. Und die Fraktion der Schönredner reicht weit ins gemäßigte Fanlager hinein. Die Polizei sei selbst schuld, heißt es dann. Sie provoziere durch ihre Anwesenheit. Die Eskalation gehe auch von den Beamten aus. Teils hörte man solche Argumente in der Vergangenheit auch von jenen, die mit dem Blick auf Hamburg jetzt fordern, die Polizei müsse gegen Störer viel strenger vorgehen.

Es trifft auch andere: Lehrer, Sanitäter, Feuerwehrleute

Vielleicht ändert sich jetzt ja wirklich was in den Köpfen. Vielleicht reagiert der ein oder andere beim nächsten Mal, wenn ihn die Polizei zum Beispiel als Temposünder erwischt, nicht patzig, sondern freundlich. Die Beamten machen schließlich nur ihren Job. Allzu viele Illusionen sollte man sich aber nicht machen. Auch voriges Jahr, nach den Attentaten von Würzburg, Ansbach und München, war die Dankbarkeit gegenüber der Polizei groß und geriet dann doch wieder in Vergessenheit. Es ist, auch wenn es abgedroschen klingen mag, ein gesellschaftliches Problem.

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15 Bilder
Politik und Gewalt: Hamburg im Ausnahmezustand
Bild: Boris Roessler, dpa

Den Verfall des Respekts beklagen schließlich auch andere – etwa Lehrer, Sanitäter oder Feuerwehrleute. Daran wird sich auch nichts ändern, solange nicht ein Umdenken einsetzt. Die persönliche Freiheit und Entfaltung steht oft über allem. Die Polizei wird in diesem Klima schnell als lästiger Störfaktor gesehen. Als ein Spielverderber.

Auch der politische Rückhalt könnte größer sein. Als es in Augsburg um die Frage ging, ob eine nächtliche Sperrzeit für Kneipen und Diskotheken die Gewalt im Nachtleben reduzieren könnte, wollten sich die meisten Lokalpolitiker auf die Diskussion erst gar nicht einlassen. Scheinbar war der Blick auf die jungen Wähler dann doch wichtiger als die Bedürfnisse von Polizisten, die in manchen Nachtschichten am Limit arbeiten.

"Schwarze Schafe" trüben das Bild der Polizei

Zur Debatte gehört auch, dass die Polizei bei bestimmten Gruppen von Ausländern, die hier leben, ebenfalls mit fehlendem Respekt konfrontiert ist. Das gilt gerade für jene Zuwanderer, in deren Heimat die Polizei viel rigoroser und rücksichtsloser agiert. Und es gilt für Milieus, in denen sich Männer von Frauen nicht viel sagen lassen. Beamte, die denselben Hintergrund haben, können wichtige Vermittlungsarbeit leisten. Es ist gut, dass vermehrt Polizisten mit ausländischen Wurzeln eingestellt werden.

Zuletzt haben in Augsburg einige „schwarze Schafe“ das Bild von der Polizei getrübt. Etwa in dem Fall, in dem ein Jugendlicher verprügelt wurde, weil ein Beamter seinen Notruf abwimmelte (Lesen Sie dazu: 110: Wie die Polizei in Augsburg mit Notrufen umgeht ). Es sind aber Einzelfälle. Fehler einzugestehen, ist keine Schwäche, es verdient Respekt. Hier gab es vor etlichen Jahren noch Nachholbedarf bei der Polizei. Doch es hat sich viel verändert. Wer sich falsch verhält, kann nicht damit rechnen, dass Kollegen und Vorgesetzte ihn decken.

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Die Diskussion ist geschlossen.

16.07.2017

Die Polizei ist zum Teil auch selbst daran schuld, dass ihr Ansehen gesunken ist.

Die Zeiten, in denen Bürger vor einer Uniform automatisch stramm stehen und die Hände an die Hosennaht legen sind eben vorbei. Und wenn ein Uniformträger meint, er könne sich in dieser mehr herausnehmen als ihm durch durch das PAG und andere Gesetze zugestanden wird und andere Uniformträger meinen, das aus Korpsgeist decken zu müssen, dann wird das eben heute nicht mehr hingenommen, sondern scharf thematisiert und das führt nach diversen Vorfällen natürlich zu einem sinkenden Ansehen und verstärkter Renitenz der Bürger - mal die durch Alkohol und Drogen ausgelöste Aggressivität außen vor gelassen.

Das bedeutet nicht, dass man den korrekten Polizisten generell und nach gelungenen Einsätzen im Einzelfall für ihre geleistete Arbeit, ihren geleisteten Einsatz nicht gerne danken würde. Aber eine allgemeine Dankbarkeitspflicht?

Da hat Wolfgang B. schon recht, dass es ja auch Gründe gibt, warum sich jemand seinen Beruf wählt.

Wenn eine Bäckerei schlecht geführt wird, der Laden schmuddelig ist und das Brot schlecht schmeckt, dann danke ich dort auch nicht, sondern suche mir einen anderen Bäcker.

Nur eine andere Polizei kann man sich eben nicht suchen. Weshalb der Vergleich hinkt.

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15.07.2017

Danke – ein wichtiges Wort . . .

Ich kann der netten Verkäuferin dankbar sein, die mich so liebenswürdig bediente; dem Ladeninhaber, der diese leckere Brotsorte ins Sortiment aufnahm; seinem Lieferanten, der es pünktlich brachte; dem Bäcker, der es genau zum richtigen Zeitpunkt aus dem Ofen nahm; dem Getreidehandel, der für die vollwertigen Zutaten sorgte;

den Spediteuren und ihren Fahrern, die die Transporte durchführten; dem Bauern, der das Getreide säte, umsorgte und erntete; dem Samen, der reichlich Früchte trug; der Erde, die ihm die Kraft dazu gab; dem Regen, der ihn wachsen ließ; der Sonne, ohne die kein Leben möglich wäre und, und, und . . .

Und dem Polizisten, der in schwierigster Situation uns zu schützen / beschützen versucht.

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15.07.2017

Polizist ist ein Beruf, den jeder aus freien Stücken gewählt hat. Und jeder, der diesen Beruf wählt, sollte sich vielleicht borher schlau machen was auf einen so zukommen kann. Besondere Dankeshymnen sind m.e. nicht erforderlich - sie müssen ihren Job tun.

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15.07.2017

Da haben Sie prinzipiell schon recht.

Andererseits muß man sich wundern, daß, angesichts der Summe an tagtäglichen Zumutungen sowie des oftmals mangelnden Rückhalts durch Dienstherren (= Politik), Öffentlichkeit und Justiz sich überhaupt noch genug junge Leute finden, die bereit sind, diesen Beruf auszuüben, bzw. nicht mehr Beamte den Bettel einfach hinschmeißen.

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15.07.2017

Wie kennen die Antwort sicherlich. Das soziale Auffangnetz des Staates ist überbordend dick. Da nimmt man schon Unannehmlichkeiten in Kauf, oder?

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15.07.2017

Wegen des Geldes, denken Sie?

Die Zeiten, als der öffentliche Dienst wegen der Verdienstmöglichkeiten attraktiv war, sind schon lange vorbei.

http://oeffentlicher-dienst.info/vergleich/entwicklung1/

Da läßt sich in der Industrie bei weniger Risiko mehr verdienen.

https://www.gutefrage.net/frage/verdienst-eines-polizisten

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15.07.2017

Spiegel.Online:

Wegen der Krawalle beim G20-Gipfel steht auch die Hamburger Polizei unter Druck. Behördenchef Ralf Martin Meyer wehrt sich gegen Kritik - und bestätigt, dass sich mehrere Einheiten weigerten, ins Schanzenviertel vorzurücken.

Einige Polizisten handelten verständlicherweise nach der Devise: "Lieber ein lebendiger Feigling, als ein toter Held".

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15.07.2017

Ich gehe sogar weiter:

Feige wäre es von den betr. Unterführern gewesen, den Befehl einfach umzusetzen.

Mutig ist es, sich vor seine Untergebenen zu stellen und sie nicht einfach zu verheizen.

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15.07.2017

Die große Frage ist doch, ob die so geschützten Untergebenen dem anständigen Vorgesetzten das auch danken. Da könnte ich Ihnen gerade aus meiner Zeit bei der Bundeswehr sehr menschliche aber frustrierende Dinge erzählen.

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15.07.2017

Da brauchen Sie mir nix erzählen, diese Dinge kenne ich selbst sehr gut, deshalb auch mein Kommentar ;-)

Die Frage ist ebenso, ob die höheren Vorgesetzten es den Unter- bzw. Einheitsführern danken, daß sie sie ggf. vor ihren (Fehl-)Entscheidungen geschützt haben...

Wer Verantwortung für Menschen hat, steht immer im Konflikt verschiedener Interessen und Erwartungen (Stichwort "Rollenkonflikt"). Das gilt auch für Eltern.

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15.07.2017

Genau. Und am schlechtesten dran ist die mittlere und untere Führungsebene. Die kriegt Druck von allen Seiten.

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15.07.2017

Es ist eine Sache des Respekts gegeneinander. Meine Devise ist "gib dem Anderen den Respekt, den du auch selbst erwartest". Unsere Gesellschaft wird immer mehr zur "Icjgesellschaft. Dabei brauchen wir uns gegenseitig. Ohne ein "Miteinander" können wir nicht überleben.
Wenn jetzt Jemand denkt Keiner tut etwas für mich, dann denkt er nicht nach: Wie sollen wir Brot essen, wenn es Niemanden gibt, der das Getreide ansät, es mahlt, das Brot bäckt und dann verkauft. Wir brauchen einander.

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