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Augsburg

22.01.2020

Priesterkandidat spinnt üble Internet-Intrige wegen unerwiderter Liebe

Fingierte Mails, die einen angehenden Priester in ein schlechtes Licht rücken sollten, spielten bei einem Prozess vor dem Amtsgericht eine wesentliche Rolle.
Bild: picture alliance, dpa (Symbolbild)

Plus Ein Theologiestudent gesteht seinem Kommilitonen: "Ich liebe dich". Als dieser sich abwendet, fängt das Martyrium an. Eine ausgeklügelte Rachekampagne beginnt.

Andreas und Martin (Namen geändert) sind zwei junge Männer, die sich von Gott berufen fühlen, Priester zu werden. Beide studieren an der Uni Augsburg katholische Theologie. Die beiden Kommilitonen kommen ins Gespräch, pflegen eine ganz normale Männerfreundschaft. Doch dann gesteht Andreas seinem Studienkollegen: „Ich liebe dich, ich hasse dich“. Martin ist alarmiert, bricht den Kontakt ab. Und wird dafür mit einer üblen Internet-Intrige überzogen, die ihn Monate lang kaum schlafen lässt.

Mit einer Rache-Kampagne, bei der mit dem ausgefeilten Werkzeugkasten der Email-Verschleierung selbst die Polizei in die Irre geführt wird. Jetzt, fast drei Jahre später, ist der Traum, katholischer Priester zu werden, für Andreas ausgeträumt. Der 32-Jährige sitzt als Hartz-IV-Empfänger auf der Anklagebank. Martin dagegen ist seinem großen Berufsziel nähergekommen. Er besucht das Priesterseminar und wird in absehbarer Zeit wohl geweiht werden.

Angeklagter soll jugendpornografisches Material verbreitet haben

Auf dem Tisch vor Amtsrichterin Sandra Dumberger liegen Ermittlungsakten mit einem Umfang von 800 Seiten. Was darauf schließen lässt, dass Polizei und Justiz diesen ungewöhnlichen Fall sehr ernst genommen haben. Die Anklage, die Staatsanwalt Nicolas Pfeil vorträgt, enthält eher im Gerichtsalltag gängige Vorwürfe: Verbreitung und Besitz jugendpornografischer Schriften, falsche Verdächtigung und Vortäuschung einer Straftat. Doch die Vorwürfe haben es in sich.

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Der Angeklagte hat sich auf den über fünf Stunden dauernden Prozess wohl vorbereitet. Er belegt mit Aktenordnern, Laptop und Büchern zwei Meter Tischfläche, doppelt so viel wie sein Anwalt Marc Armatage. Andreas erzählt ausschweifend sein Leben, dass er letztlich Priester werden wollte. Wie er 2015 Martin beim Studium kennenlernte. Wie er ihm vertraute. „Wir waren nur Freunde, doch Anfang 2017 wurde es schwierig“, erzählt er. Die Behauptung, er hätte sich in Martin verliebt, stimme so nicht. Es sei eher so etwas wie „brüderliche Liebe“ gewesen. Er, Andreas, sei sich sicher, dass Martin dahinter stecke, dass er nicht im Priesterseminar aufgenommen wurde.

Für den angehenden Priester begann eine psychische Leidenszeit

Nach dem Bruch der Freundschaft begann ab Anfang Mai 2017 für Martin eine psychische Leidenszeit, die er so schnell nicht vergessen wird. Er bekam eine E-Mail von einem ihm unbekannten Absender mit dem Stichwort: Bewerbungsunterlagen. Der Anhang, den Martin öffnete, enthielt zu seiner Verwunderung jugendpornografische Fotos. Martin sagt als Zeuge im Gerichtssaal, ihm gegenüber habe Andreas zugegeben, Verfasser der Mail zu sein. Was Martin, den Missbrauchsskandal der Kirche im Hinterkopf, in arge Gewissenszwänge trieb. „Ich habe mir gedacht dass ein Mensch, der solche Bilder besitzt, eigentlich niemals Priester werden darf, der es später im Beruf auch mit Kindern zu tun bekommt“, schildert der Zeuge seine Überlegung, die zu dem Entschluss führt, sich dem Leiter des Priesterseminars anzuvertrauen. Tatsächlich lehnte die Kirche es später ab, Andreas als Seminaristen zuzulassen.

Für den gläubigen Martin begann nun eine schlimme Zeit. Denn plötzlich stand er selbst im Fokus polizeilicher Ermittlungen samt Hausdurchsuchungen. Denn das Polizeipräsidium erhielt zwei E-Mails mit dem amtlichen Kontaktformular, in dem fiktive Personen Martin beschuldigten, jugendpornografische Fotos auf seinem PC gespeichert zu haben. Eine Mail war sogar unter dem Namen eines Verkehrstoten verschickt worden. Und um den Pornoverdacht zu bestätigen, fingierte der Angeklagte, so stellt am Ende auch das Gericht fest, eine E-Mail mit Martins Absender, die Andreas an sich selbst schickte. Mit eben solchen verbotenen Fotos im Anhang. Martin, psychisch stark belastet, ging schließlich zur Kripo und erstattete Anzeige.

Polizei findet Pornobilder bei Hausdurchsuchung

Der Polizei war schnell klar, dass die diversen E-Mails Teil einer Internet-Kampagne waren. Der Verdacht fiel auf Andreas. Eine Hausdurchsuchung an drei Orten förderte Belastendes zu Tage. Auf einem Stick waren die inkriminierenden Fotos gespeichert. In einem Karton unter seinem Schreibtisch fand man Ausdrucke der Pornos. Um die Absender der Emails zu entschlüsseln war freilich ein IT-Experte notwendig. Der fand Spuren einer E-Mail auf dem Laptop des Angeklagten. Und das, obwohl die Absender über einen tschechischen Fake-E-Mail-Dienst und mit dem Anonymisierungsnetzwerk Tor verschleiert worden waren.

Obwohl die Ermittlungen gegen Andreas laufen, erhält Martin Dutzende weitere Nachrichten, viele mit der Bitte um Aussprache und Versöhnung. So versteigt sich Andreas sogar zu den Worten „Als Nachfolger Jesu bitte ich dich...“ Und Martin empfängt E-Mails mit Freitod- und Morddrohungen unbekannter Personen, Anrufe mit einer Automatenstimme. „Ich wurde Tag und Nacht belästigt. Ich hatte schon Angst“, bekennt er im Gerichtssaal.

Andreas, mit all den Vorwürfen konfrontiert, bestreitet rundweg alles, selbst den Besitz der Pornofotos. Der gefundene Stick gehöre nicht ihm, auch der Karton mit den Ausdrucken. „Ich hatte nur einen Karton, in dem waren Bilder mit alttestamentlichen Motiven“, behauptet er. Er habe „mal ein Buch über die Verkommenheit der Menschheit“ schreiben wollen. Die Beweise müssen ihm untergejubelt worden sein. Auf jede neue Frage des Gerichts hat er eine Erklärung parat, und sei diese noch so abstrus. Sein Laptop sei manipuliert worden, Martin habe einen Schlüssel zu seiner Wohnung gehabt und habe ihm die Fotos aufgespielt. Und so weiter und so fort.

So lautete das Urteil

Nach fünf Stunden Prozessdauer die Plädoyers: Anwalt Armatage fordert Freispruch in fünf der sechs Anklagepunkten. Staatsanwalt Pfeil dagegen spricht von Racheaktionen des Angeklagten, bei denen dieser letztlich den Überblick verloren habe. Motiv: die Zurückweisung seines Freundes. „Der Angeklagte war der Täter, der das Leben des Zeugen massiv beeinträchtigt hat.“ Richterin Sandra Dumberger folgt dem Anklagevertreter. Sie verurteilt Andreas zu einer Geldstrafe von 3000 Euro (200 Tagessätzen zu je 15 Euro, was dem üblichen Tagessatz eines Hartz-IV-Empfängers entspricht). Begründung: Der Zeuge sei absolut glaubhaft und objektiv, die Beteuerungen des Angeklagten seien dagegen „an den Haaren herbeigezogene Ausreden“. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

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