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Augsburg

18.12.2018

Prostitution: Ist Augsburg noch die Rotlicht-Hauptstadt?

Viele Prostituierte bieten im Internet ihre Dienste an. In Augsburg müssten sie sich eigentlich bei der Stadt registrieren lassen.
Bild: Jörg Heinzle (Symbolbild)

Plus Vor einigen Jahren bekam die Stadt einen zweifelhaften Titel verpasst – wegen der vielen Prostituierten, die hier arbeiten sollen. Nun gelten strengere Regeln.

Sie nennt sich Debora. Ihr richtiger Name soll für die Männer, die zu ihr kommen, ein Geheimnis bleiben. In einer Werbeanzeige im Internet verspricht sie den Freiern „leidenschaftliche Momente“ und „absolute Zufriedenheit“. Die junge Frau ist eine von rund 500 Prostituierten, die in Augsburg ihren Körper verkaufen. Seit Jahresbeginn müssen sich die Frauen registrieren lassen, um im Sexgewerbe arbeiten zu dürfen. Der „Hurenpass“, wie das Dokument im Milieu genannt wird, soll die Situation der oft ausgebeuteten Frauen verbessern. Doch erfüllt er diese Erwartungen?

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Bei der Kriminalpolizei war man von Beginn an skeptisch. Die Frauen müssen sich nur alle zwei Jahre bei den Behörden anmelden. Laut Gesetz müssen sie das jeweils in der Stadt tun, in der sie überwiegend arbeiten. In der Praxis ist es aber so, dass die meisten Prostituierten ständig umherreisen und nirgends länger als ein paar Wochen bleiben. Bis jetzt haben sich – Stand Ende November – 364 Prostituierte bei der Stadt angemeldet. Gibt es konkrete Hinweise, dass eine Frau das Opfer eines Zuhälters oder eines Menschenhändlerrings ist, darf die Stadt keinen Ausweis ausstellen.

Sabina Rasinariu arbeitet im Augsburger Gesundheitsamt und hat dadurch regelmäßig Kontakt zu Prostituierten. Er sei es schwer herauszufinden, sagte sie kürzlich bei einer Podiumsdiskussion, ob die Frauen sich freiwillig oder unter Zwang prostituieren. Das liege oft an der Sprachbarriere, aber auch am Druck seitens der Zuhälter. Bei der Kripo macht man seit Jahren die Erfahrung, dass die Frauen auf Gespräche bei Behörden vorbereitet werden. Sie wissen in aller Regel ziemlich genau, was sie sagen dürfen – und was nicht.

Bisher galten für jeden Imbiss strengere Regeln als für Bordelle

Nicht nur die Prostituierten müssen sich neuerdings anmelden. Auch für den Betrieb eines Bordells ist jetzt eine Genehmigung erforderlich. Anders als bei Restaurants, Bars und Diskotheken benötigte ein Bordell bis vor Kurzem keine Extra-Lizenz. Für jeden Imbissstand galten damit strengere Regeln als für Rotlicht-Betriebe. Das hat sich geändert. Die Stadt hat den Betrieb von Bordellen mit relativ strengen Auflagen verknüpft. So ist unter anderem ein Sicherheitskonzept mit Notrufmöglichkeiten für die Frauen erforderlich. Zudem dürfen Prostituierte nicht mehr in ein- und demselben Zimmer leben und arbeiten. Die Betreiber dürfen auch keine Vorstrafen haben.

Inzwischen haben rund 25 Betriebe eine Erlaubnis der Stadt erhalten. Bis zum Jahresende wird es voraussichtlich 28 genehmigte so genannte Prostitutionsstätten geben, teilt die Stadt auf Anfrage unserer Redaktion mit. Die Betriebe in Augsburg verfügen über insgesamt etwa 180 Zimmer, in denen käuflicher Sex möglich ist.

Nicht immer lief die Genehmigung reibungslos ab. Bordellbetreiber wollten sich mit aus ihrer Sicht allzu strengen Auflagen nicht abfinden. Dabei ging es auch um vermeintliche Kleinigkeiten. Zum Beispiel um die Frage, ob ein Bordell-Chef den Prostituierten kostenlos Kondome zur Verfügung stellen muss. Deshalb klagten drei Betreiber gegen die Stadt. Die Verfahren endeten allerdings nach Informationen unserer Redaktion bislang alle mit einem Vergleich. Das heißt, Stadt und Bordellbetreiber gingen Kompromisse ein. Deshalb wurde bislang auch kein Antrag eines Bordellbetreibers abgelehnt.

Die meisten Prostituierten im Verhältnis zur Einwohnerzahl

Vor einigen Jahren noch wurde Augsburg von der Zeitung Welt zur „Rotlichthauptstadt“ der Republik gekürt, weil hier, im Verhältnis zur Einwohnerzahl, die meisten Prostituierten arbeiteten. Schon damals gab es Zweifel an den Zahlen, weil sie nur auf Schätzungen der jeweiligen Behörden basierten. Inzwischen dürfte sich dieser zweifelhafte Rekord aber so oder so erledigt haben. Durch das Verbot des Straßenstrichs Anfang des Jahres 2013 ging die Zahl der Prostituierten bereits zurück.

Seit die Bordelle nun auch alle eine Genehmigung brauchen, ist vor allem die Zahl der Bordellwohnungen stark zurückgegangen. Über Wohnungsprostitution gab es in der Vergangenheit immer wieder Beschwerden von Anwohnern. Die Zahl der Prostitutionswohnungen seit durch die neue Regelung von 70 auf derzeit nur noch 15 bis 20 gesunken, sagt Florian Kohlberger vom städtischen Ordnungsreferat.

Beim Verein „AugsburgerInnen gegen Menschenhandel“ ist man mit dem neuen Gesetz nicht zufrieden. Es sei allenfalls ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, sagt der Vorsitzende, der Augsburger Freikirchen-Pfarrer Klaus Engelmohr. Der Verein ist für ein komplettes Verbot von Sexkauf. Bei einer von dem Verein organisierte Diskussion war kürzlich auch Sigrid Gribl, die Frau des Oberbürgermeisters, dabei. Sie warf die Frage auf, warum es möglich sei, dass man in der Gesellschaft schneller eine Mehrheit für die Einführung von Mehrwegbechern finde als für den Schutz von Frauen in der Prostitution.

Lesen Sie dazu den Kommentar von Jörg Heinzle: Warum die Hilfe für Prostituierte so schwierig ist .

Lesen Sie dazu auch, was eine Prostituierte über ihren Beruf erzählt: "Wir tun anderen etwas Gutes": So sieht eine Prostituierte ihren Beruf.

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