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Justiz

10.01.2020

Prozess um Drogenhandel: Wie ein Vorzeige-Migrant aus der Spur gerät

Ein Mann dreht sich einen Joint mit Marihuana: Ein junger Flüchtlinge ist auf die schiefe Bahn geraten, weil er Drogen nahm, deshalb Geld brauchte und dann selbst in den Drogenhandel einstieg. Er wurde erwischt, bekommt aber noch einmal eine Chance.

Ein Iraker flüchtet als 16-Jähriger nach Deutschland. Er macht einen Schulabschluss, hat einen Job und eine Wohnung. Doch dann lässt er sich zum Drogenhandel verleiten.

Amar, 21, der aus der nordirakischen Großstadt Mossul stammt, könnte als Vorzeige-Flüchtling eine Erfolgsgeschichte schreiben. Amar (Name geändert), der sich als 16-Jähriger allein aufmachte, um über die Türkei nach Deutschland zu flüchten, spricht hervorragend Deutsch, hat einen guten Schulabschluss gemacht. Er hat zuletzt als Kraftfahrer 1400 Euro netto verdient, hat eine eigene Wohnung und ist verlobt. Mehr könnte man sich als junger Flüchtling eigentlich nicht wünschen. Doch Amar hat einen großen Fehler gemacht. Er ließ sich von Landsleuten zu illegalen Drogengeschäften verleiten, fungierte als Zwischenhändler mit Marihuana im Kilobereich und landete deshalb im August vorigen Jahres im Jugendknast. Ein Gericht gab ihm jetzt aber noch einmal eine Chance.

Amar stammt aus einer relativ wohlhabenden Familie. Der Vater war in Mossul Polizist, er wurde 2009 erschossen. Die Familie floh nach Syrien, geriet auch dort in die Kriegswirren. 2014 sah Amar in Syrien keine Zukunft mehr, schlug sich auf einer einjährigen Flucht bis nach Augsburg durch. Was Amar in wenigen Jahren als junger Flüchtling erreichte, gelingt nicht vielen.

Prozess in Augsburg: Er brauchte Geld, weil er mit dem Kiffen begonnen hatte

Doch das Verhängnis begann, als der junge Mann Anfang das Jahres 2019 zu einem Joint griff, der ihm angeboten wurde. Fortan rauchte Amar immer öfter Marihuana. Das Kiffen ging ins Geld. „Am Ende hatte ich Schulden, obwohl ich gut verdient habe“, schilderte Amar (Verteidiger: Klaus Rödl) jetzt auf der Anklagebank vor einem Jugendschöffengericht unter Vorsitz von Günter Baumann das Dilemma, in das er sich gebracht hatte.

Sein Drogenlieferant, ein Landsmann, hatte die Lösung parat: Amar solle selbst dealen, dann könne er viel Geld verdienen. Ein Versprechen, das Amar realistisch erschien. Denn der Dealer war mit einem schicken BMW vorgefahren. Amar sagte Ja, kaufte achtmal je 100 Gramm Marihuana für jeweils 450 Euro an, die er dann mit 50 Euro Gewinn teils an einen jungen Mann aus Gersthofen weiterverkaufte. Im vergangenen Sommer ließ sich Amar dann trotz großer Bedenken zu einem Rauschgiftgeschäft mit drei Kilogramm Marihuana hinreißen, die ihm der Lieferant nahe der Universität in Augsburg auf Kommission für 9000 Euro übergab.

Pech – oder auch Glück? – für Amar, dass die Gersthofer Polizei einen Kunden des jungen Irakers beim Kiffen überraschte. Die Spur zu Amar war gelegt. Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung in Oberhausen im Juli 2019 beschlagnahmte die Polizei dann 2,8 Kilo Marihuana. Amar packte aus und führte die Kriminalpolizei zu den Hintermännern der Drogenbande, die inzwischen alle hinter Schloss und Riegel sitzen.

Wie sich die Kronzeugenregelung auf die Strafe auswirkt

Wenn ein Beschuldigter in einem Drogenverfahren seine Lieferanten nennt, kann sich das im Prozess stark auf die Strafe auswirken. Paragraf 31 des Betäubungsmittelgesetzes, die sogenannte Kronzeugenregelung, gibt Gerichten sogar die Möglichkeit, ganz auf eine Strafe zu verzichten, wenn nicht mehr als eine dreijährige Freiheitsstrafe zur Debatte steht. Von dieser Sondernorm hat Amar nun profitiert. Staatsanwalt Markus Eberhard verwies zwar auch auf das Mitwirken des Angeklagten bei der Zerschlagung einer Drogenbande. Aber: Amar sei in der Hierarchie der Dealer schon höher anzusiedeln, die Menge der gehandelten Droge sei enorm. Er forderte deshalb eine Jugendstrafe von drei Jahren und drei Monaten. Verteidiger Klaus Rödl brach für seinen Mandanten eine Lanze: „Er hat als Flüchtling das Beste aus den Umständen gemacht, aus denen er gekommen ist.“ Eine „bedeutende Dealergruppe“ sei durch ihn zerschlagen worden, sprach Rödl den Paragrafen 31 an und hielt eine Jugendstrafe von zwei Jahren auf Bewährung für angebracht.

Das Jugendschöffengericht folgte der Argumentation des Verteidigers und ließ Amar nach halbjähriger Untersuchungshaft wieder frei. Als Bewährungsauflage muss der Iraker nun noch 120 soziale Hilfsstunden leisten und eine Drogentherapie machen. Richter Günter Baumann dämpfte in der Urteilsbegründung allerdings die große Freude über die Freilassung: Amar habe womöglich noch eine schwere Zeit vor sich, sagt er. Denn er werde in dem Prozess gegen die Hintermänner der Drogengeschäfte eventuell als Zeuge aussagen müssen. „Und das kann alles andere als schön werden.“

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