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Prozess in Augsburg

26.10.2020

Prozess um Tod am Königsplatz: War die Gruppe um den Täter auf Ärger aus?

Dieses Bild aus der Videoüberwachung der Polizei zeigt die Gruppe mit den Angeklagten kurz vor der Tat am Königsplatz.
Bild: AZ-Archiv

Plus Im Prozess um den getöteten 49-Jährigen am Königsplatz ist es für das Gericht schwierig, zu klären, wie die Gruppe um den Täter "drauf" war. Die Tochter sagt: "Ich versuche, stark zu sein."

Die jungen Männer, die aus der Straßenbahn ausstiegen, machten ihr Angst. Die Zeugin, 44, erzählt: "Die Tür ging auf und mit einem Schlag kam mir richtiger Krawall entgegen." Fünf, sechs Personen seien es gewesen, sehr laut und aggressiv. Eine Flasche sei umgekippt und liegen geblieben. Einer habe eine McDonald's-Tüte fallen lassen und weggekickt. "Normal würde ich sagen, räumt den Müll weg", sagt die Frau. "Aber das habe ich mich nicht getraut." Die Frau wartete am Abend des Nikolaustages an einer Straßenbahnhaltestelle in der Augsburger Innenstadt auf ihren Mann, der sie mit dem Auto abholte. Es war der Abend, als am Königsplatz ein 49-jähriger Mann totgeschlagen wurde.

Der Haupttäter Halid S., 17, war an diesem Abend mit einer siebenköpfigen Gruppe in der Stadt unterwegs. Im Prozess vor der Jugendkammer des Augsburger Landgerichts geht es nun auch um die Frage, in welcher Stimmung die jungen Männer waren: Wollten sie nur feiern - oder waren sie auf Ärger aus? Die Stimmung in der Gruppe ist wichtig für die rechtliche Bewertung der Tat. Anfangs hatte die Staatsanwaltschaft gegen Halid S. wegen Totschlags ermittelt - und gegen die sechs weiteren jungen Männer aus der Gruppe wegen Beihilfe. Ein Argument der Ermittler dafür war: Die jungen Männer seien pöbelnd durch die vorweihnachtliche Innenstadt gezogen, sie hätten dort Streit gesucht. Später allerdings pfiff das Bundesverfassungsgericht die Ermittler zurück. Bis auf Halid S. mussten im März alle anderen aus der Untersuchungshaft freigelassen werden.

Inzwischen macht auch die Staatsanwaltschaft nur noch Halid S. für den Tod von Roland S. am Kö verantwortlich, aber nicht mehr wegen Totschlags, sondern wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Zwei weitere junge Männer aus der Gruppe, 18 und 20 Jahre alt, sind angeklagt, weil sie bei der Auseinandersetzung einen Freund von Roland S. geschlagen und verletzt haben sollen.

Prozess in Augsburg: "Ich habe das Gefühl gehabt, man sagt jetzt besser nichts"

Was die Zeugin an der Straßenbahnhaltestelle vor der Stadtwerke-Zentrale gesehen hat, scheint zu passen - auch zeitlich. Auch ihrem Mann, der sie abholte, war die Gruppe aufgefallen. Er sagt vor der Jugendkammer des Augsburger Landgerichts aus, die Gruppe habe "einen auf halbstark gemacht", es sei ein aggressiv aufgeladenes Verhalten gewesen. "Ich hatte das Gefühl, man müsste was sagen. Ich habe aber auch das Gefühl gehabt, man sagt jetzt besser nichts."

Die jungen Männer seien aus einer Straßenbahn ausgestiegen, die aus Richtung Oberhausen kam, sagt die Frau. Eindeutig identifizieren kann sie einzelne aus der Gruppe jedoch nicht. Die Ermittler hatten ihr ein Bild von der Gruppe gezeigt, es stammte aus der Videoüberwachung der Polizei am Kö. Das Bild würde gut passen, meint die Zeugin. Staatsanwalt Michael Nißl aber sagt, das reiche nicht, um sichergehen zu können, dass es sich um die Gruppe handle, die später in die Auseinandersetzung am Kö verwickelt gewesen sei.

Viele Menschen hatten im Dezember 2019 am Tatort Kerzen abgestellt - und ein kleines Feuerwehrauto.
Bild: Silvio Wyszengrad (Archivbild)

Bevor die jungen Männer am Tatabend in die Innenstadt gefahren sind, hatten sie sich im Stadtteil Kriegshaber getroffen und dort mit Alkohol eingedeckt. Später standen sie vor einem Asia-Imbiss in der Ulmer Straße, nahe dem Oberhauser Bahnhof. Zwei aus der Gruppe fragten im Imbiss, ob sie auf die Toilette gehen dürfen. Der Chef des Imbisses sagt, die Gruppe sei ziemlich laut gewesen, aber sonst habe es keine Probleme gegeben. Der Sohn des Chefs gibt vor Gericht an, einer aus der Gruppe habe etwas wegen seines asiatischen Aussehens gesagt, eventuell "Schlitzauge". Deshalb hätten sie "Blicke gewechselt", passiert sei dann aber nichts.

Auch weitere Aussagen bleiben eher vage bis diffus. Eine Jugendliche, die in etwa zur Tatzeit gegen 22.40 Uhr am Kö unterwegs war, will am dortigen Haltestellen-Dreieck gehört haben, wie aus einer Gruppe von Jugendlichen heraus der Satz fiel: "Wegen Dir ist er jetzt tot." Genaueres dazu kann sie aber nicht mehr sagen. Dass Halid S. dem 49-Jährigen den tödlichen Faustschlag verpasst hat, steht aber ohnehin fest. Es gibt die Bilder aus der Videoüberwachung der Polizei am Kö, am ersten Prozesstag hat der 17-Jährige den Schlag auch eingeräumt.

Tochter des Getöteten: "Ich versuche, stark zu sein, weil mein Papa das gewollt hätte"

Am Montagmittag sagt die Tochter des getöteten Roland S. vor Gericht aus. Sie hält die Hand ihres Freundes, während sie im Zeugenstand mit brüchiger Stimme spricht. Die 20-Jährige berichtet davon, wie Polizisten ihr in der Tatnacht die schlimme Nachricht überbrachten. Mit ihrer Mutter verbrachte sie den Rest der Nacht im Krankenhaus. Als sie am nächsten Tag nach Hause gekommen seien, sei ihnen alles erst so richtig bewusst geworden. Die Tochter sagt: "Mein Papa war ein unglaublich lebensfroher Mensch, war unglaublich lieb, hilfsbereit. Ich konnte mit ihm über alles reden." Ärger habe ihr Vater nicht gesucht, er sei solchen Situationen aus dem Weg gegangen.

 

Wie es ihr jetzt gehe, will der Vorsitzende Richter Lenart Hoesch von der jungen Frau wissen. "Ich versuche, stark zu sein, weil mein Papa das gewollt hätte", sagt sie. Aber es sei schwer. Und immer, wenn die Feuerwehr vorbeifahre, müsse sie an ihren Vater denken, der bei der Berufsfeuerwehr arbeitete und zudem ehrenamtlich als Feuerwehrmann aktiv war. "Aber er ist nicht mehr da, von heute auf morgen."

Der Prozess ist insgesamt auf sechs Tage angesetzt. Bleibt es bei diesem Zeitplan, dann könnte am 6. November das Urteil fallen.

Hier finden Sie alle Artikel über den Prozess in Augsburg zum tödlichen Schlag am Kö.

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26.10.2020

Schon etwas seltsam, das von Alkohol bis vor ein paar Wochen nie die Rede war, und jetzt in jedem Artikel der Alkohol erwähnt wird, den sie ja angeblich in großen Mengen getrunken haben. Für mich als Außenstehende sieht das schon stark danach aus, dass der Verteidiger eine Strategie wegen Schuldunfähigkeit fährt, 3 Promille kriegt er doch sicher zusammen ...
Wichtig fände ich seitens der Anklage Zeugen zu befragen, inwieweit der Beschuldigte im Vorfeld einen start alkoholisierten Eindruck gemacht hat, schon könnte die offensichtliche Verteidungsstrategie schwupps in sich zusammenfallen.

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