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Rasanter Wandel im Innenstadt-Handel: Wo bleibt da der Kunde?

Kommentar Von Andrea Wenzel
25.01.2020

Plus Digitalisierung, Mietmarkt und Konsumverhalten verändern die Geschäftswelt – und damit das Gesicht unserer Innenstadt. Das „Laden-Wechsel-Dich-Spiel“ ist nicht zu stoppen.

Viele Jahre war die Handelswelt in Augsburg beständig. Es gab etwa das Zentralkaufhaus in der Bürgermeister- Fischer-Straße, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte und für viele eine wichtige Anlaufstelle in der Innenstadt war. Später kam das Modehaus K&L dazu und auch Schuh Leiser, Spielwaren Hartmann oder die Sport-Ecke prägten lange das Stadtbild. Zwar haben auch früher Geschäfte geschlossen und neue eröffnet, keine Frage. Aber mit viel weniger Dynamik als heute.

Leiser, Hartmann, Woolworth - der Handel in der Innenstadt wandelt sich rasant

Seit Beginn der 2000er-Jahre verändert sich der innerstädtische Handel rasant. Zunächst zog sich „Zentral“ zurück und machte Platz für Galeria Kaufhof. Mittlerweile belegt Schuh Schmid diese Flächen. K&L ist 2017 nach 27 Jahren am Standort ausgezogen und hat Platz für verschiedene kleinere Geschäfte der Ketten Tredy, Hunkemöller sowie Starbucks oder Rossmann gemacht.

Schilder wie dieses sind in der Innenstadt inzwischen ein ganz normaler Anblick. Auch früher kamen und gingen Läden, aber nicht mit dieser Dynamik.
Foto: Silvio Wyszengrad

Der Eingang zur Innenstadt vom Königsplatz aus hat sich innerhalb weniger Jahre optisch deutlich verändert. Auch bekannte Geschäfte wie Leiser, Spielwaren Hartmann oder die Sport-Ecke gibt es (längst) nicht mehr. Dazu hat sich die Steingasse neu ausgerichtet – und in der Annastraße hat man den Eindruck, als hätte jemand vor einigen Jahren einen Deckel darauf gelegt und seither mehrmals kräftig durchgeschüttelt. Denn wo einst Woolworth war, klafft eine Lücke und statt der Leiser-Schuhe gibt es seit Anfang 2019 Kleidung des türkischen Modeunternehmens Breeze. Die Drogeriemarktkette Müller ist 2016 aus dem Gebäude Annastraße/Ecke Steingasse ausgezogen und hat sich schräg gegenüber neu niedergelassen – dort, wo eine Neugestaltung der Häuserzeile die Anna-Passage hat verschwinden lassen.

Trendläden kommen und gehen - die Digitalisierung macht es dem Handel schwer

Überhaupt hat der nördliche Teil der Fußgängerzone zuletzt mit vielen Umzügen, Neubesetzungen und Rückzügen von Geschäften von sich Reden gemacht. Kaum noch etwas ist so, wie es vor wenigen Jahren war. Ähnliches beobachtet man am anderen Ende der Annastraße: Trendläden wie die Kosmetikkette Rituals, My Müsli oder Nature & Découvertes sind in jüngster Vergangenheit ein und wieder ausgezogen.

Es liegt am sich verändernden Einkaufsverhalten. Und das ist im Wesentlichen der Digitalisierung geschuldet, sagen Branchenexperten. Die Digitalisierung hat die bekannten Strukturen auf den Kopf gestellt und es deutlich schwieriger gemacht, ein über mehrere Jahre tragfähiges und erfolgreiches Geschäftskonzept zu entwickeln.

Ein Beispiel: Wer vor 20 Jahren eine neue Hose brauchte, dem blieb nur der Weg in ein Geschäft in der Innenstadt oder in einem der Stadtteile. Heute gibt es große Zentren auf der grünen Wiese und eben das Internet. Dazu gibt es viel mehr Auswahl und im Bereich Mode auch deutlich mehr Kollektionen pro Jahr. Der Online-Handel kann darauf schneller und leichter reagieren als Geschäfte vor Ort. Welches Warenhaus kann schon sämtliche Playmobil- und Legomodelle auf Lager haben und welcher Modehändler sämtliche Marken führen? Kunden geben ihr Geld also nicht mehr nur im innerstädtischen Handel aus, sondern streuen es breiter. Stationäre Geschäfte müssen stärker ums Überleben kämpfen, manche geben auf.

 

Wandel in der Innenstadt: Verliert der Kunde bei all dem Wechsel die Orientierung?

Aber es gibt noch andere Aspekte, die eine Rolle spielen. In Augsburg sind beispielsweise mehr Filialen von großen Kette vertreten als in den anderen bayerisch-schwäbischen Städten. Das schmeichelt der Stadt zwar, weil Filialen ein großstädtisches Flair schaffen und als Anziehungspunkt fungieren können. Die Konstellation hat aber auch eine Kehrseite: Filialisten geben einen Standort in Krisenzeiten schneller auf, als inhabergeführte Unternehmen. Das Herz einer Modekette hängt weder an einer Immobilie in der Annastraße noch an Augsburg. Notfalls kehrt man eben nach drei oder vier Jahren zurück und versucht sein Glück erneut. Ein Familienbetrieb kann so nicht agieren und sieht eine Schließung nur als letzte Option. In Städten mit stark inhabergeführtem Handel ist der Wandel daher nicht ganz so deutlich wie in Augsburg, berichten Branchenkenner.

Auch die Mietbedingungen wandeln sich. Waren früher Verträge über zehn Jahr oder mehr üblich, können heute Flächen auch für fünf Jahre oder weniger angemietet werden. Eine Stadt wie Augsburg, die als beliebter Testmarkt in Deutschland gilt, wird so für Unternehmen attraktiv, die bewusst eine Filiale auf Zeit eröffnen, um Produkte oder Dienstleistungen zu testen – mit dem Wissen, nach kurzer Zeit für das nächste Handelskonzept Platz zu machen. Interessant sind die kürzeren Mietverhältnisse auch im Hinblick auf Trends, die heute durch die Vermarktung im Netz und in Sozialen Medien viel schneller kommen, aber auch wieder gehen, als das früher der Fall war. Wer einen Laden mit trendigen Produkten oder Dienstleistungen eröffnet und Gefahr läuft, dass sich diese schnell überholen, geht mit einem kurzen Mietverhältnis ein geringeres Risiko ein.

Für eine Stadt wie Augsburg heißt das: Die  Dynamik und das „Laden-Wechsel-Dich-Spiel“ werden anhalten. Und die vom Handel belegten Flächen werden eher zurückgehen. Dazu kommt, dass der Kunde bei all diesem Hin und her die Orientierung verliert. Denn da, wo es gestern Schuhe gab, gibt es morgen Trendmode. Und statt Fruchtsäften bekommt man chinesische Spezialitäten. Wer aber nicht mehr weiß, welches Produkt er wo sicher bekommt, verliert womöglich die Lust am Besuch in der Innenstadt. Und die Zeit, lange nach dem Wunschprodukt zu suchen, will kaum noch einer investieren. Da fährt er lieber zu einem Händler außerhalb oder bestellt gleich im Netz. Die Spirale beginnt von vorn, die Dynamik wird befeuert.

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