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Prozess in Augsburg

08.09.2020

Rentnerin wird im Heim überfallen und gefesselt – und keiner glaubt es

Plus Eine Frau wird in einer Augsburger Senioren-Wohnanlage gefesselt und beraubt. Zunächst glaubt ihr niemand. Nun wird der Fall schon zum zweiten Mal vor Gericht aufgerollt.

Das Albaretto in Augsburg ist eine aufwendig konzipierte Wohnanlage für ältere Menschen. Außer üblichen Serviceangeboten für die Pflege können seine mehr als 500 Bewohner Restaurant, Schwimmbad, Sauna und Bibliothek nutzen. Und selbstverständlich ist jedes Appartement mit einem Notrufknopf ausgestattet, um jederzeit Unterstützung und Hilfe anfordern zu können. Nur was, wenn einem niemand glaubt, dass man gerade Opfer eines Raubüberfalls geworden ist? Brigitte G. ist dies widerfahren. Nun soll der Fall zum zweiten Mal vor Gericht verhandelt werden

Eine Frau wurde in der Albaretto-Wohnanlage von Einbrechern beraubt. Zunächst glaubte ihr niemand.
Bild: zinkevych, stock.adobe.com (Symbolfoto)

Im Juni 2017 dringen um Mitternacht zwei maskierte Männer bei ihr ein, knebeln und fesseln die querschnittsgelähmte Frau, rauben Geld und Schmuck im Wert von 250.000 Euro. Bevor die Täter mit der Beute die Wohnung verlassen, nehmen sie ihr noch Fessel und Knebel ab, was der 73-Jährigen ermöglicht, den Notrufknopf am Bett zu drücken. Eine Funkstreife kommt. Doch als zwei Polizisten vor ihrem Bett stehen, muss sie fassungslos erleben: Ihr wird nicht geglaubt.

Überfall im Albaretto: Die Polizei spricht von einem schlechten Traum

Da keine Einbruchspuren zu sehen sind, hört sie einer der Polizisten sagen, sie habe wohl schlecht geträumt. Außerdem war die Wohnungstür ja verschlossen gewesen. Der nachts aus dem Bett geklingelte Hausmeister hatte den Polizisten aufsperren müssen. Nachdem sie gegangen sind, ruft Brigitte G. in dieser Nacht noch zweimal beim Rettungsdienst der Johanniter an, erzählt aufgeregt von dem Überfall, aber wieder glaubt ihr niemand.

Rentnerin wird im Heim überfallen und gefesselt – und keiner glaubt es

Der dramatische Raubüberfall wird ab Mittwoch vor der 1. Strafkammer des Landgerichts neu verhandelt. Ein halbes Jahr nach der Tat hatte die Augsburger Kripo zwei Tatverdächtige, 31 und 26 Jahre alt, festgenommen. Vorigen Mai hatten die Richter der 3. Strafkammer sie zu hohen Haftstrafen verurteilt. Der Bundesgerichtshof hat das Urteil gegen den älteren Angeklagten vollständig aufgehoben. Der 31-Jährige war durch den geständigen Mitangeklagten belastet worden, selbst hatte er in dem mehrwöchigen Prozess zu den Tatvorwürfen geschwiegen. Vor Gericht kamen nur wenige Indizien zur Sprache, wonach er tatsächlich der zweite Mann bei dem Raub gewesen ist. Die Ermittler sicherten auf einer Handfessel von Brigitte G. zwar seine DNA, doch als „Mischspur“ hat sie keine große Beweiskraft. Sein Verteidiger Werner Ruisinger hatte in seinem Plädoyer gefordert seinen Mandanten freizusprechen.

Prozess um Raub im Albaretto: Der Anwalt sieht zu viele Ungereimtheiten

Der Anwalt, der sofort nach dem Urteil Revision angekündigt hatte, sieht noch immer zu viele Ungereimtheiten, die der Prozess nicht habe klären können. Sie betreffen einmal das Verhalten der Täter im Anschluss an den Raub. So hatte das Gericht, wie der Bundesgerichtshof rügt, es versäumt, die Ehefrau des 31-Jährigen als Zeugin zu laden. Demnach hätte sie in einigen Punkten dem geständigen Mitangeklagten widersprechen können. Beide Familien leben im Raum Stuttgart und kennen sich. Auch die Kripo hat Zweifel, wie es den Tätern gelang, in das Appartement der Frau einzudringen. Der 26-Jährige hat im Prozess ausgesagt, sie hätten den Wohnungsschlüssel beim Pflegedienst gestohlen, der die 73-Jährige versorgt hatte. Der Einbruch dort, angeblich durch ein gekipptes Fenster, könnte aber erfunden sein.

Die Kripo hat den Einbruch rekonstruiert. „Es ist nicht möglich“, so der der Leiter der Ermittlungen. Die Kripo fand jedoch Spuren, wonach von Schlüsseln zum Büro des Pflegedienstes wie zum Appartement der Frau heimlich Kopien gefertigt worden sind. Brigitte G. kannte übrigens einen der Täter. Der 26-Jährige war länger ihr Krankenpfleger, bevor er aus Augsburg wegzog. Wegen schweren Raubes und Körperverletzung hat ihn die Strafkammer voriges Jahr zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. In der Neuauflage des Prozesses gegen den 31-Jährigen soll er nun als Zeuge auftreten.

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