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27.08.2009

Riedinger-Drachen in aller Welt

Augsburg Am 26. Juli 1890 teilte August Riedinger der Königlichen Luftschiffer-Abteilung in Berlin mit, "dass ich nach umfassenden Voruntersuchungen von der Konstruktion des lenkbaren Ballons Abstand genommen habe". Er informierte im selben Schreiben die preußischen Militärs, dass er "aufgrund der neuesten Arbeiten des Herrn von Parseval mit Vorarbeiten zur Herstellung einer dynamischen Flugmaschine begonnen" habe. Sie würden sich dabei aller Hilfsmittel, "die uns der heutige Stand der Wissenschaft und Technik bietet", bedienen. Was bewog Riedinger und sein Team, völliges Neuland zu betreten? Unter "dynamischer Flugmaschine" verstand man anno 1890 ein Gerät, das wir heute als Flugzeug bezeichnen würden, damals meist "Aeroplan" genannt.

1889 war Otto Lilienthals Buch "Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst" erschienen. Die Theorie des Fliegens "wie ein Vogel" war dargelegt, praktisch war es noch nicht möglich. Das scheint Riedinger und seine Luftfahrt-Experten Bartsch von Sigsfeld und August von Parseval bewogen zu haben, im Frühjahr 1890 diese technische Herausforderung anzunehmen. Nach Erprobung des Luftwiderstands bewegter Flächen wollten sie einen Flugkörper mit zwei hintereinander befindlichen Flächen bauen - eine als Tragfläche, die andere als Steuerfläche. Das größte Versuchsexemplar wog 60 Kilogramm, hatte sechs Meter Spannweite und wurde von zwei durch komprimierten Wasserstoff angetriebene Luftschrauben bewegt.

Bei der Landung gingen diese Fluggeräte meist zu Bruch. Mangelnde Flugstabilität, das nicht lösbare Steuerungsproblem sowie das Fehlen eines leichten, leistungsstarken Motors führten dazu, die kostspielige "Aeroplan"-Entwicklung zu beenden. In Augsburg waren bei den Versuchen lediglich unbemannte Fluggeräte in Trümmer gegangen, Otto Lilienthal kostete nach über 2000 kurzen Gleitflügen am 9. August 1896 der Absturz mit einem motorlosen Flugapparat das Leben. Erst am 17. Dezember 1903 gelang Orville Wright in North Carolina ein in den Annalen meist als weltweit erster Motorflug bezeichneter 12-Sekunden-Hüpfer.

Arbeit an einem Nebenprodukt

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Das Team um den Industriellen August Riedinger gab trotz abgebrochener Versuchsreihen mit motorgetriebenen Luftgefährten nicht auf, sondern wandte sich einem ungewöhnlichen Ballon zu. Sie intensivierten die Arbeiten an einem Nebenprodukt ihrer aviatischen ("Aviatik" = Flugkunst) Versuche: einem zylinderischen Fesselballon. Sie hatten ihn für Windmessungen bei Motorflug-Experimenten entwickelt. Schräg gegen den Wind gestellt, hielt sich das stromlinienförmige Luftgefährt im Gegensatz zum Kugelballon relativ stabil. Sie tauften ihn seiner Form wegen "Drachenballon". Das Militär in allen Ländern benutzte seit Napoleons Zeiten Beobachtungs-Fesselballone. Darauf richtete Riedinger sein Hauptaugenmerk. Nach Erprobung unterschiedlicher Steuerungssysteme und Takelungen bot er 1893 den Fesselballon der Luftschifferabteilung der preußischen Armee zum Test an. Erst nach einer Reihe von Verbesserungen fand sie ihn 1896 militärdiensttauglich.

Mit Anbauten versehen

Am 1. April 1897 gründete August Riedinger zur Fertigung an der Eisenhammerstraße (heute: Heinrich-von-Buz-Straße) eine Ballonfabrik. Sie bestand vorerst aus dem 1890 für seine Sammlungen errichteten Museumsbau, der zu beiden Seiten mit Anbauten versehen wurde. 1897 konnte neben drei Kugelballonen der erste "Drachenballon" an die Luftschifferabteilung in Berlin geliefert werden. Er erwies sich rasch als konkurrenzloses Produkt für den internationalen Markt. Bestellungen dafür gingen in der Folgezeit aus den USA, aus Japan und aus vielen europäischen Ländern ein. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs hatten 16 Staaten ihre Truppen damit ausgestattet. Auch zivile Nutzung gab es, wenn diese eher im Hintergrund stand. 1899 bei der "Allgemeinen Deutschen Sport-Ausstellung" in München waren Passagier-Aufstiege im Korb eines "Drachenballons" die Sensation. Eine bunte Postkarte zeigt ihn über der Isar.

An Zweckmäßigkeit kaum zu überbieten

Die deutsche Presse feierte den Einsatz bei Heer und Marine mit Bildserien. Per Seil und Winde "gefesselt", konnte er in Höhen bis zu 2000 Meter steigen. Dem Militär stehe in dem Drachenballon "ein Instrument zu Gebote, dessen Zweckmäßigkeit wohl kaum noch überboten werden dürfte", heißt es 1907. 600 bis 1200 m³ Volumen besaßen Ballone mit anhängendem Korb für Artilleriebeobachter und zur Seeaufklärung von Schiffen aus, 100 m³ reichten für Signalzwecke, Minigrößen von 10 bis 37 m³ für die drahtlose Telegrafie. Bis Ende des Ersten Weltkriegs waren über 4000 "Drachen" der unterschiedlichsten Größen gefertigt. Riedinger lieferte das gesamte Zubehör von den Winden bis zu Gaswagen und Apparaturen zur Gaserzeugung. Während des Ersten Weltkriegs verließen viele Hundert "Drachen" die Ballonfabrik. Im "Augsburg-Album" in einer Woche erfahren Sie, was es mit dem Luftschiff "Parseval" auf sich hatte.

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