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Augsburg

08.11.2019

Rollstuhlfahrer kann nicht ins Museum - weil der Aufzug unerreichbar ist

Der Haupteingang zur ehemaligen Synagoge in Kriegshaber ist für den 77-jährigen Helmut Wager keine Option. Er ist nur über eine Treppe zu erreichen.
Bild: Michael Hochgemuth

Plus Alle reden von Inklusion. Auch Helmut Wager hat sich gefreut, als die ehemalige Synagoge Kriegshaber einen Lift bekam. Doch seine Freude währte nicht lange.

Dreieinhalb Monate war die Ausstellung „Über die Grenzen – Kinder auf der Flucht 1939/2015“ in der ehemaligen Synagoge Kriegshaber zu sehen. Gerne wäre auch Helmut Wager unter den Besuchern gewesen. Doch als Rollstuhlfahrer sieht der kulturinteressierte 77-Jährige keine Möglichkeit, in die Dependance des Jüdischen Museums zu gelangen.

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Synagoge Kriegshaber gilt als barrierefrei

Vorne, an der Ulmer Straße, trennen ihn rund 15 Stufen vom Eingang. Im Inneren müsste er noch weitere Stufen überwinden, um in die Ausstellung zu gelangen. Ein Ding der Unmöglichkeit. Dabei gäbe es eine Alternative für Wager und andere Menschen mit Mobilitätseinschränkungen. Seit die ehemalige Synagoge nach der mehrjährigen, rund 1,6 Millionen Euro teuren Sanierung vor fünf Jahren als Museum eröffnet wurde, gilt sie als barrierefrei. Neben einem neuen Treppenhaus wurde auf der Rückseite auch ein Aufzug eingebaut, der alle Ebenen erschließt. Zu erreichen ist der Lift theoretisch über das sogenannte Linde-Areal. Das Grundstück zwischen dem Spectrum Club und dem Friedhof Kriegshaber liegt seit vielen Jahren brach und wurde von der Stadt als potenzielle Neubaufläche erworben.

Während die Pläne für dieses Vorhaben ruhen, hat die Natur das Grundstück erobert. Insbesondere die letzten zehn, 20 Meter, wo der Boden hohes Gras, Gestrüpp und Vertiefungen aufweist, sind für Wager und seinen Elektro-Rollstuhl unüberwindbar. „Ich bin mit diesem umgebauten Segway einigermaßen geländegängig, aber dieses Stück traue ich mir nicht zu“, sagt der Kriegshaberer traurig. Einmal in der ersten Zeit nach der Museumseröffnung habe er sich bis zum Aufzug durchgekämpft, um das Resultat der Sanierung zu begutachten. Seither verzichtet der ehemalige Schulleiter und Sohn des Widerstandskämpfers Bebo Wager auf den Besuch des Kleinods in der Ulmer Straße. Was ihn besonders ärgert: „Da hat man viel Geld für einen Aufzug ausgegeben, den die Zielgruppe gar nicht nutzen kann.“

Gestrüpp und Unebenheiten versperren Helmut Wager den Weg zum Aufzug (grauer Turm) der ehemaligen Synagoge Kriegshaber. Die Dependance des Jüdischen Museums ist für ihn unerreichbar.
Bild: Michael Hochgemuth

Als im Sommer die Flucht-Ausstellung eröffnet wurde, war seine Geduld zu Ende. Helmut Wager schrieb etliche Briefe wegen des Aufzug-Missstandes. Von der Stadt etwa habe er gar keine Antwort bekommen, sagt er. Bei Barbara Staudinger, der Leiterin des Jüdischen Museums, hingegen lief er mit seiner Initiative offene Türen ein. Die nicht vorhandene Barrierefreiheit treibe sie und ihre für die Kriegshaber Dependance zuständige Mitarbeiterin Souzana Hazan schon seit geraumer Zeit um, denn Wager sei nicht der einzige Betroffene. „Uns tut das sehr leid“, sagt Staudinger. Auch ihre Versuche, bei der für das Gebäude zuständigen Stadt eine Verbesserung zu erreichen, seien erfolglos gewesen.

Stadt Augsburg verhandelt mit neuem Investor

Baureferent Gerd Merkle sieht die rollstuhlgerechte Erschließung der ehemaligen Synagoge durch den Aufzug „teilweise realisiert“. Im Zuge der geplanten Bebauung soll nach seinen Worten nicht nur die Wegeverbindung zu dem sanierten Gebäude behindertengerecht werden, sondern auch zum dahinterliegenden Friedhof. Dieses sollte ursprünglich im Zuge eines Wohnbauprojektes der städtischen Wohnbaugruppe verwirklicht werden. Da dieses aber, so das Baureferat, auf große nachbarrechtliche Schwierigkeiten stieß, habe man unlängst von diesem Vorhaben Abstand genommen. Aktuell stehe die Liegenschaftsverwaltung mit einem anderen, am Kauf dieses Grundstücks interessierten Investors in Verhandlungen. „Dieser wäre auch bereit, die entsprechenden Wege anzulegen.

Eine provisorische Lösung in der Zwischenzeit ist laut Merkle „aufgrund der topografischen Gegebenheiten schwierig und müsste im Zuge einer Neubebauung wieder rückgebaut werden“. Daher wolle man zunächst die Ergebnisse der Grundstücksverhandlungen abwarten.

Kulturhaus Abraxas soll Aufzug bekommen

Dabei ist die ehemalige Synagoge für die Stadt einer der beiden kulturellen Anlaufpunkte in Kriegshaber. Referent Thomas Weitzel hob beim Stadtteilgespräch Anfang des Jahres sie und das Kulturhaus Abraxas in der Sommestraße hervor. Das ist seit seiner Renovierung in der Sommerpause „zumindest deutlich barrierefreier“ als bisher, wie Leiter Gerald Fiebig sagt. Innerhalb des Erdgeschosses seien etliche Treppen verschwunden. „Rollstuhlfahrern ist es jetzt möglich, über eine Rampe in den Theatersaal und damit auch in die Gaststätte zu gelangen.“ Die Einschränkung dabei: Während Theateraufführungen könne dieser Weg ins Lokal nicht benutzt werden. Fiebig hofft, dass das Abraxas in absehbarer Zeit einen Aufzug bekommt, mit dem das gesamte Haus barrierefrei erschlossen wird. Die Finanzmittel dafür seien im Nachtragshaushalt beantragt worden.

„Ich habe das Gefühl, dass sich in Augsburg hinsichtlich der Barrierefreiheit einiges tut“, sagt Stadtrat Benedikt Lika, der selbst im Rollstuhl sitzt. Veranstaltungen etwa in der Kongresshalle oder in den Theater-Ausweichspielstätten Martinipark und Gaswerk könne er problemlos besuchen. Gleiches gelte für den Kleinen Goldenen Saal. Generell werde bei Neu- und Umbauten auf die Belange der Menschen mit Mobilitätseinschränkungen geachtet. Dass das aktuell bei der ehemaligen Synagoge Kriegshaber nicht der Fall ist, bedauert Lika. Dabei handelt es sich nach seiner Einschätzung um eine Ausnahme in Zusammenhang mit dem stockenden Vorhaben, das Linde-Areal zu bebauen. „Ich hoffe, dass man das bald hinbekommt.“

Lesen Sie den dazugehören Kommentar: Aufzug-Misere: Eine Erklärung, aber keine Entschuldigung

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