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Theater

06.07.2015

Romeos lieben Julias im Wasserturm

In 13 Räumen der Wassertürme am Roten Tor treffen die Zuschauer auf die Capulets, die Montagues, Romeo (hier Patrick Schlegel) und Julia.
Bild: Michael Hochgemuth

Mit Thomas Braschs Shakespeare-Adaption „Liebe Macht Tod“ inszenieren Bluespots Productions mehr als ein Stück. Auch das Publikum ist gefordert

Kaum hat der Zuschauer den Hof des Handwerkermuseums betreten, da befindet er sich schon auf dem Maskenball, dem „Fratzenfest“ der Capulets. Graf Capulet (Linus Förster) eilt amüsierhungrig auf ihn zu, erzählt von amourösen Missetaten und führt seinen Gast galant drängend durch pinken Nebel und zu den Klängen der Band „Wunderwelt“ mitten hinein in – ja wohin? Zu Shakespeare, Brasch oder „Eyes Wide Shut“? Jedenfalls realisiert der Zuschauer schnell, dass er nicht nur Publikum ist, sondern Teil einer multimedialen Performance. „Liebe Macht Tod“ heißt die „Romeo und Julia“-Adaption von Thomas Brasch, die Bluespots Productions in und um die Wassertürme am Roten Tor inszeniert hat, als Auftragsarbeit der Stadt und Regio Augsburg im Rahmen der Bewerbung zum Unesco-Welterbe.

Wer vor allem kam, um das Innere der historischen Wassertürme zu sehen, ist froh um die hauchdünne goldglitzernde Distanz, die ihm die am Eingang von „Liebemädchen“ verteilten Masken zu den theatralen Interaktionen schaffen. Wer Blue-spots kennt, lässt sich sofort darauf ein oder sucht sogar Kontakt zu den Schauspielern wie Stefanie Dischinger, einer betörend intensiven Julia. „Wir spielen Szenen am Abend 100 Mal und es ist spannend, weil es jedes mal komplett anders ist“, erzählt Martin Seeger, ein enorm präsenter Fratzenfest-Romeo.

Als „Romeo und Julia“ vermutlich 1597 im Londoner Globe uraufgeführt wurden, stand in Augsburg schon seit fast 200 Jahren ein Wasserturm am Roten Tor. Um die historischen Räume nun als Spielstätte für eine Theaterperformance nutzen zu können, werden die Zuschauer in kleinen Gruppen vom Fratzenfest abgeholt und von Liebemädchen durch das siebenstöckige, polygonale Labyrinth geführt. Dass es der Romeo und Julia-Stoff werden sollte, war dem Bluespot-Team klar, als es bei der ersten Begehung einen Übergang in einem der Turmräume entdeckte – er ist nun als absolut unerreichbarer Balkon Schauplatz der berühmtesten Szene des berühmtesten Liebespaares der Welt. Dramaturgin Lisa Bühler hat Brasch mutig von 120 auf 20 Seiten gekürzt: „Wir haben bewusst einen bekannten Stoff ausgewählt, weil wir abstrakt arbeiten wollten. Jeder der 13 bespielten Räume steht für sich und öffnet einen Assoziations-Raum im Kopf der Zuschauer.“ Leonie Pichler und Martin de Crignis haben im besten Sinn postdramatisch inszeniert: mit Installationen, Tanz, Licht, von der Band Misuk vertonten Barsch-Texten, Shakespeare im Original und am Ende Phiolen mit minzigem Gift für alle Gäste.

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Sieben Julias und acht Romeos bevölkern Garten und Türme. Grundthema ist die Liebe als Symptom. Dabei schaffen vor allem starke Schauspieler wie Max Kretschmann, David Czudnochowski oder die Capulets und Montagues in der „Gangs“-Szene die Quadratur des Gender-Kreises: Mit weißen Tüll-Halskrausen über Sixpack-Bodys changieren sie zwischen Macho und Tunte. „Liebe Macht Tod“ ist eine verlockende theatrale Party und ein wichtiger Baustein zur Unesco-Bewerbung.

am 10., 11. und 12. Juli, jeweils zwischen 21 und 24 Uhr, Restkarten nur noch für den letzten Termin

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