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Postillon-Live-Show

10.11.2017

Satirisch lustig? Ja, aber …

Anne Rothäuser vor der Postillon-Videoprojektion.
Bild: Siegfried Kerpf

Das Internetmagazin „Der Postillon“ wagt sich auf die Bühne. Wer Neues erwartete, wurde jedoch enttäuscht.

Darf man Witze machen über Hinterbliebene von Schusswaffenopfern? Über Priester, die sich an Ministranten vergehen? Über Kinderarbeiter in Bangladesch?

Nun, das Internetmagazin „Der Postillon“ macht es einfach mal. Seit 2008 ist die Satire-Seite online und verspricht „ehrliche Nachrichten, unabhängig und schnell“. So sind die Meldungen aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Sport zwar aufbereitet wie echte Zeitungsartikel und Agenturmeldungen – in Wirklichkeit handelt es sich jedoch um Satire pur, alles ist erstunken und erlogen.

„Spätsünder: Priester vergeht sich erst mit 70 an Ministrant“ lautet eine der Schlagzeilen. Oder „Junge aus Bangladesch von Gleichaltrigen gehänselt, weil er keine Markenklamotten näht“. Manche mögen über diese Art von Witzen die Nase rümpfen. Doch man muss verstehen, dass es sich hierbei um Satire auf hohem Niveau handelt. Und viele schätzen den schwarzen Humor: 2,7 Millionen Menschen haben das Satire-Magazin, das 2013 den Grimme Online-Award im Bereich Information gewonnen hat, auf Facebook mit „Gefällt mir“ markiert.

Zu Gast im gut besuchten Reese-Theater

Seit einigen Jahren gibt es die Postillon-News auch als kurze Bewegtbildbeiträge auf der Video-Plattform YouTube oder als Hörfunknachrichten. Nun wagt sich das Online-Magazin auch noch mit einer Live-Show auf die Bühne, welche vor wenigen Wochen gestartet ist. Am Donnerstagabend gastierte der Postillon im gut besuchten Augsburger Reese-Theater vor einem überwiegend jungen Publikum zwischen 25 und 35 Jahren. Doch das Live-Konzept überzeugt nicht.

Anne Rothäuser und Thieß Neubert, die Originalsprecher der Postillon-Video- und Radionachrichten, präsentierten im Stil einer Nachrichtensendung satirische Beiträge, Kurzmeldungen und reportageartige Videos. Zwischen fiktiven Umfragen und Kommentaren führten sie ein Live-Telefonat mit US-Präsident Donald Trump, in dessen Verlauf er Angela Merkels Aussehen kritisierte, sich über „Fake News“ echauffierte und dem Postillon mit dem „nuclear holocaust – boom, boom, boom“ drohte. Auch die AfD, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, die Elbphilharmonie und US-amerikanische Waffennarren bekamen ihr Fett weg, ebenso die Jamaika-Koalition, Mario Barth, an Erkältung leidende Männer und HIV-Kranke.

Bissig, bisweilen auch böse

Der Humor des Postillons ist bissig, bisweilen auch böse. Noch ein Beispiel, gefällig? „CSU will Ausland zum sicheren Herkunftsstaat erklären“, lautete eine der Schlagzeilen, die das Moderatoren-Duo verlas. Angesichts der hohen Flüchtlingszahlen habe sich die CSU für die Aufnahme des Auslands in die Liste sicherer Herkunftsstaaten ausgesprochen. Untermalt wurde das ganze durch ein Zitat des CSU-Chefs Horst Seehofer: „Wer wie ich schon einmal im Ausland war, weiß: Es ist ein Mythos, dass dort überall Krieg und Elend herrschen. Tatsächlich machen sogar viele Deutsche im Ausland Urlaub, weil es dort so schön ist.“

Dass Satire-Nachrichten, die Leser bereits online zum Schmunzeln bringen, auch live vorgetragen für Lacher sorgen, ist absehbar. Fans, die etwas Neues erwarteten, wurden jedoch enttäuscht. Wer den Postillon regelmäßig verfolgt, kannte die besten Meldungen und Videos schon. Und während bei Live-Shows gerade die Interaktion mit dem Publikum einen großen Teil des Reizes ausmacht, blieben Anne Rothäuser und Thieß Neubert konsequent in ihren Rollen der Texte ablesenden Nachrichtensprecher.

Fazit: Ein absehbar netter Abend mit vorprogrammierten Lachern, mehr allerdings auch nicht. Immerhin: In der ersten Meldung der Live-Show hatten die Moderatoren verlesen, dass Postillon-Gründer Stefan Sichermann sich freue, „nun auch dem internetfernen Publikum das Geld aus der Tasche zu ziehen“ – mit Inhalten, die allesamt kostenlos im Netz zu finden sind. Angesichts der saftigen Ticketpreise von knapp 30 Euro – und das muss man den Machern wohl irgendwie zugute halten – war der Postillon da ausnahmsweise einmal ehrlich.

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