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Josel von Rosheim (1478–1554)

07.11.2013

Schade, dass Luther nicht wollte

Ausstellung in St. Anna würdigt den Anwalt der Juden, der mit Kaisern und Fürsten verhandelte, aber vergeblich das Gespräch mit dem Reformator suchte

„Was wäre, wenn...?“ Das mag eine hypothetische, spekulative und daher müßige Frage sein. Doch angesichts des unermesslichen Leids, das den Juden im Lande Martin Luthers widerfahren ist, und des anstehenden 75-Jahr-Gedenkens der Reichspogromnacht („Unternehmen Isaak“) darf die Frage doch gestellt werden: Was wäre geschehen, wenn Martin Luther 1537 das Gesuch des Josel von Rosheim nach einer Unterredung nicht ausgeschlagen hätte, wenn also der christliche Reformator und der 1529 in Günzburg gekürte „Regierer allgemeiner Jüdischheit des Reichs“ ihre Gedanken hätten austauschen können?

Josel von Rosheim war eine Berühmtheit, spätestens seit er auf dem Augsburger Reichstag von 1530, also dem Reichstag der lutherischen „Confessio Augustana“, im Beisein von Kaiser Karl V. ein Streitgespräch für sich entschieden hatte. Dabei ging es um antijüdische Behauptungen, welche der zum Christentum konvertierte Regensburger Rabbinersohn Antonius Margaritha in seiner Schrift „Der gantz Jüdisch Glaub“ aufgestellt hatte („In Summa kein Jud will einem Christen wohl“). Die Widerlegung gelang Josel von Rosheim so überzeugend, dass Antonius Margaritha aus Augsburg verbannt wurde.

Luther schien das allerdings wenig beeindruckt zu haben, bezog er doch eine zunehmend feindliche Haltung gegenüber glaubenstreuen Juden, gipfelnd 1543 in seiner Abhandlung „Von den Jüden und ihren Lügen“. In seiner letzten Predigt forderte er gar die Vertreibung.

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Steilvorlagen für den Antijudaismus

Nicht wenige Stimmen gibt es, die sich wünschten, Luther wäre drei Jahre früher gestorben und seine Schmähschrift somit unterblieben. „Geradezu eine Steilvorlage für den Antijudaismus der nächsten vier Jahrhunderte“, nannte sie Werner Transier (Historisches Museum der Pfalz) zur Eröffnung der Josel-von-Rosheim-Ausstellung in der Sankt-Anna-Kirche. Im Rahmen der Lutherdekade in Augsburg klingt das wie Störfeuer. Doch die tiefgreifenden Umwälzungen jener Epoche, die als Beginn der Neuzeit gilt, blieben nicht ohne Verwerfungen.

Längst vergessen die karolingische Zeit, da „Synagoga und Ecclesia“ gleichberechtigt im Heilsplan Gottes standen. Statt dessen alsbald Pogrome und Vertreibungen, Vorwürfe des Ritualmordes und der Hostienschändung.

Einer solchen Hostienschändung war auch Josel von Rosheim 1514 mit anderen Juden angeklagt; doch konnte er seine und seiner Gefährten Unschuld nachweisen und aus dem Kerker freikommen. Das war einer von vielen Siegen, die er für seine Glaubensgeschwister erringen konnte. Schon 1507 hatte er bei Kaiser Maximilian I. erfolgreich zugunsten elsässischer Juden interveniert.

In seiner Funktion der erste und zugleich letzte

Er selbst stammte aus dem Elsass. Als Josel ben Gerschom 1478 in Hagenau geboren, wurde er Rabbiner und Kaufmann und 1514 in der elsässischen Reichsstadt Rosheim ansässig, blieb aber ein steter Reisender zum Schutz der Juden.

Einen Schutzbrief für alle Juden des Reiches erwirkte er 1520 anlässlich der Kaiserkrönung Karls V. in Aachen. Zwischen 1530 und 1551 nahm Josel an acht Reichstagen teil (davon drei in Augsburg), um für Privilegien und gegen Beeinträchtigungen der Juden einzutreten. Auch prozessierte er drei Jahre (1548 bis 1551) vor dem Reichskammergericht in Speyer. Wegen der Zersplitterung des Reiches musste er sich oft genug mit regionalen und örtlichen Repräsentanten anlegen. 25 Jahre bis zu seinem Tod 1554 wirkte er rastlos für seine Schutzbefohlenen als gewählter „Regierer allgemeiner Jüdischheit“. In dieser Funktion war er der erste und zugleich auch letzte im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation.

Seine Bedeutung klingt selbst noch in einer gegen ihn gerichteten Hetzschrift aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts durch. Zwar ist er dort in zeittypisch judenfeindlicher Art zu Füßen eines überhöhten Goldenen Kalbes dargestellt, doch beschreibt ihn die Inschrift als einen unverzagten „Herold aller Jüdischheit“.

Josels Anspruch auf Achtung, Bleibe, Toleranz könnte noch heute jeden dringenden Asylantrag begründen, ist einfacher und zwingender nicht auszudrücken: „Denn wir auch Menschen von Gott dem Allmächtigen auf der Erde zu wohnen geschaffen, bei euch und mit euch zu wohnen und zu handeln.“

Die Ausstellung im Kreuzgang von St. Anna vergegenwärtigt Josel von Rosheim „zwischen dem Einzigartigen und Universellen“, desgleichen seine Zeit des Umbruchs. 20 Schautafeln komprimieren Text- und Bildzeugnisse zu einer einprägsamen Themenfolge. Der Gewinn an Erkenntnis auch für unsere Zeit ist groß.

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