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22.02.2015

Schätze aus dem Karton

Roswitha Kugelmann und Mike Rühl in der Warenannahme des Sozialkaufhauses „Contact“ in Haunstetten. Sie erhalten Waren von Menschen, die daheim ausräumen oder zusammenziehen und dann ein Sofa oder eine Waschmaschine übrig haben.
Bild: Annette Zoepf

Das Sozialkaufhaus „Contact“ lockt mit seinen niedrigen Preisen seit 15 Jahren unterschiedlichste Kunden aus Augsburg und Umgebung. Der Mindestlohn erschwert jetzt die Arbeit des Vereins

Roswitha Kugelmann staunte kürzlich nicht schlecht, als ein amerikanisches Ehepaar in ihrem Sozialkaufhaus in Haunstetten stand und diese Augsburger „Sehenswürdigkeit“ präsentiert bekam. Populär ist das Kaufhaus, das vor 15 Jahren von Mike Rühl und Kugelmann gegründet wurde, inzwischen bei vielen Augsburgern und Menschen aus dem Umland. Das Angebot ist für Studenten ebenso attraktiv wie für Menschen mit geringerem Einkommen.

Viele Kunden kaufen aus Umweltschutzgründen im Sozialkaufhaus ein und hin und wieder kommen auch Schnäppchenjäger und Händler auf der Suche nach wertvollen Gegenständen vorbei. Die Produktpalette des Kaufhauses reicht von Textilien über Haushaltsgegenstände bis zu Büchern, Spielzeug und Möbeln.

„Seit unserem Umzug von der Schüle-Kreuzung nach Haunstetten vor fünf Jahren sind wir stetig gewachsen“, sagt Kugelmann. Das gilt sowohl für die Verkaufs- und Lagerflächen als auch für die Mitarbeiterzahl.

Sie hat 60 Mitarbeiter und ebenso viele freiwillige Helfer. Es sind aber keine Mitarbeiter im klassischen Sinne wie in ausschließlich wirtschaftlich ausgerichteten Firmen. „Es muss Zeit für Gespräche bleiben“, betont die Chefin. Ungewöhnlich ist auch die Auswahl der Mitarbeiter.

Von Menschen mit Behinderung über ehemalige Alkohol- und Drogenabhängige bis hin zu Menschen, die wegen ihres Alters keine Firma mehr einstellen will, reicht die Palette. Entsprechend höher ist auch der Krankenstand beim Sozialkaufhaus. Auch wenn Rühl und Kugelmann vieles anders machen, kämpfen sie doch auch mit Herausforderungen, wie andere Arbeitgeber sie auch haben.

Zuletzt standen sie vor der Frage, wie sie das Geld aufbringen, um allen Angestellten den gesetzlichen Mindestlohn zahlen zu können. „Wir haben ausgerechnet, dass wir 6500 Euro mehr pro Monat brauchen. Das ist für ein Sozialkaufhaus viel Geld. Wir haben dann nur eine Möglichkeit gesehen: Es über einen größeren Durchsatz und Umsatz an Waren zu stemmen“, sagt Kugelmann. Das klappe bislang „ganz gut“.

Die Waren bekommen sie in der Regel von Menschen, die daheim ausräumen oder zusammenziehen und deswegen ein Sofa oder eine Waschmaschine übrig haben. Es gebe aber auch Leute die sich alle drei Jahre neue Möbel anschafften und die alten, noch sehr gut erhaltenen, bei ihr vorbeibringen.

In Konkurrenz zu anderen Sozialkaufhäusern oder dem Internet sieht Kugelmann den Verein nicht. Viele bieten ihre Sachen beim Auktionshaus Ebay oder in Facebook-Gruppen wie „ Augsburg verschenkt“ an. „Es gibt nur ein Ziel: So viel wie möglich im Kreislauf zu halten. Alle, die dieses Ziel verfolgen, leisten einen wichtigen Beitrag. Da gibt es keine Konkurrenz“, so die Chefin. Contact könne ohnehin nicht alles annehmen, dazu wären viel mehr Mitarbeiter nötig.

Selber Waren über das Internet zu verkaufen, hält sie für keine gute Idee. „Dort bekämen wir beim ein oder anderen Artikel sicher mehr Geld als hier, aber unsere Kunden hätten dann das Gefühl, dass die guten Sachen alle zu Geld gemacht werden und sie im Kaufhaus den Rest bekommen, das wäre fatal.“

Waren, die sie hier nicht mehr loswerden, reichen die Verantwortlichen an Helfer weiter, die diese nach Rumänien, in die Ostukraine oder zu den syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen in die Türkei fahren. Bei den professionellen Vermarktern landete 50 Prozent der Kleidung im Schredder, das könne so verhindert werden, betont die 60-Jährige.

Bei aller Freude über das Geschaffte gibt es doch einen Aspekt, der die Stimmung trübt. Nach wie vor werde viel geklaut, trotz der niedrigen Preise. Das Problem ist so massiv, dass die Verantwortlichen über eine Diebstahlsicherung nachdenken. „Es ist nicht die Armut, die manche Leute dazu treibt, sondern die Gier“, beklagt Kugelmann.

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