1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Scheitert der Bahnausbau in der Region am Kirchturmdenken?

Kommentar

30.11.2019

Scheitert der Bahnausbau in der Region am Kirchturmdenken?

Gleise in Augsburg: Der Weg in die Zukunft des Bahnverkehrs ist zwischen Stadt und Land umstritten. Vor allem in der Frage, wo zwischen Augsburg und Ulm neue Gleise gebaut werden sollen.
Bild: Bernd Hohlen

Plus Die Fahrtzeit nach Ulm muss kürzer werden, wenn Augsburg beim Bahnverkehr nicht abgehängt werden soll. Doch dem Landkreis fällt es schwer, sich vom dritten Gleis zu verabschieden. Ein Fehler.

Es ist eine verfahrene Situation. Ausgerechnet bei einem Projekt, das wichtiger kaum sein könnte. Es geht beim Ausbau der Bahnstrecke zwischen Augsburg und Ulm ums große Ganze: Nämlich um die Frage, ob der Raum Augsburg künftig gut an den Fernverkehr angeschlossen bleibt. Der Bahn wird in Zukunft – nicht nur wegen des Klimawandels – eine noch wichtigere Rolle zukommen als heute. Ein wachsender Ballungsraum von der Größe Augsburgs muss da vorne mit dabei sein. Wenn man sich die aktuelle Lage anschaut, gibt es aber Grund genug, sich Sorgen zu machen. Die Region wird, wenn sie nicht aufpasst, abgehängt – und manch politischem Akteur scheint das gar nichts auszumachen.

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

  • Zugriff auf mehr als 200 neue Plus+Artikel pro Woche
  • Zugang zu lokalen Inhalten, die älter als 30 Tage sind
  • Artikel kommentieren und Newsletter verwalten
  • Jederzeit monatlich kündbar
Jetzt für nur 0,99 € testen

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

  • Zugriff auf mehr als 200 neue Plus+Artikel pro Woche
  • Zugang zu lokalen Inhalten, die älter als 30 Tage sind
  • Artikel kommentieren und Newsletter verwalten
  • Jederzeit monatlich kündbar
Jetzt für nur 0,99 € testen

Anders ist es eigentlich nicht zu erklären, warum die Politik im Landkreis Augsburg nahezu einhellig und über Parteigrenzen hinweg an der Idee vom „dritten Gleis“ festhält. An einer Idee, die vor Jahrzehnten geboren wurde. Und die als Heilsversprechen für einen besseren Bahnverkehr in keiner Rede fehlen durfte. Fachleute stellen inzwischen aber infrage, ob das dritte Gleis noch eine gute Lösung ist. Stattdessen wird auch ein Neubau einer Schnellbahntrasse entlang der Autobahn A8 ins Spiel gebracht.

Streit um Bahntrasse: Der Augsburger Landrat droht mit einer politischen Erpressung

Augsburgs Landrat Martin Sailer (CSU) will solche Debatten offenbar im Keim ersticken. Er ging jetzt sogar so weit, mit politischer Erpressung zu drohen. Sollte die Stadt Augsburg beim Bahnausbau nicht den vom Kreis gewünschten Ausbau der bestehenden Strecke – zumindest bis Dinkelscherben – unterstützen, könne er bei der geplanten Straßenbahnlinie 5 querschießen. Er warnte, er könne dann einen Tram-Tunnel als Lärmschutz für Anwohner in Stadtbergen fordern – was das Straßenbahnprojekt deutlich teurer machen würde. Mit diesen Drohgebärden des Landrats offenbart sich ein Kirchturmdenken, wie man es eigentlich längst überwunden haben sollte. Das könnte man noch nachvollziehen, wenn das dritte Gleis für die Landkreisgemeinden wirklich der große Gewinn wäre. Doch daran gibt es Zweifel. Der verbissene Kampf für das dritte Gleis könnte für den Kreis noch zum Bumerang werden – und für die ganze Region.

Scheitert der Bahnausbau in der Region am Kirchturmdenken?
So könnte es aussehen, wenn bei Zusmarshausen die Schnellbahnstrecke entlang der Autobahn verläuft.

Dabei ist die Ausgangslage eigentlich einfach: Die Fahrzeit für Fernzüge zwischen Augsburg und Ulm muss deutlich kürzer werden. Die Bahn sagt, die Fahrt zwischen Augsburg und Ulm muss künftig in 27 Minuten zu schaffen sein – also rund eine Viertelstunde schneller als bislang. Die 27 Minuten sind das Maß der Dinge, damit die Strecke gut in das Raster des sogenannten Deutschland-Takts passt. Das ist der Name eines Fahrplans, der ab dem Jahr 2030 den bundesweiten Bahnverkehr revolutionieren soll. Vorgesehen sind Städteverbindungen im Halbstunden-Takt, dazu passgenaue Umsteigemöglichkeiten. Schafft man die 27 Minuten nicht, stellt sich für die Bahn die Frage, ob es sich überhaupt lohnt, groß in die Strecke zu investieren. Augsburg bliebe natürlich dennoch ein Bahnhof, an dem Fernzüge halten. Doch die Anbindung wäre dann wohl schlechter als jetzt.

Derzeit fahren die Züge zwischen Lech und Donau auf einer 86 Kilometer langen Bahntrasse. Die Strecke wurde 1854 eingeweiht, an ihrem Verlauf hat sich seither wenig geändert. Mit ihren Schlenkern und Kurven ist eine Fahrzeit von unter einer halbe Stunde nicht zu schaffen, auch bei einem Ausbau. Darin sind sich die Experten einig. Das müssten auch die Politiker einsehen, solange sie die Gesetze der Physik akzeptieren. Umso erstaunlicher ist eine Entscheidung, welche die CSU-Abgeordneten aus Schwaben Anfang des Jahres getroffen haben. Sie einigten sich darauf, sich für einen Ausbau der bestehenden Strecke einzusetzen. Auch der aus dem Kreis Günzburg stammende Bayerische Verkehrsminister Hans Reichhart machte sich dafür stark.

Wollen sich die Gemeinden im Landkreis Augsburg das wirklich antun?

Realistisch ist aber eigentlich nur ein teilweiser Neubau der bestehenden Strecke – oder gleich der Neubau entlang der A8. Klar ist auch, dass es mit einem Ausbau auf drei Gleise nicht getan sein wird. Mit einem dritten Gleis ist nicht einmal ein vernünftiger Viertelstunden-Takt bei den Regionalzügen zu schaffen. Damit sich Fern-, Nah- und Güterzüge nicht ausbremsen, werden vier Gleise erforderlich sein. Käme die A-8-Variante, könnten dort zwei Gleise gebaut werden – zusätzlich zu den bestehenden zwei Gleisen auf der jetzigen Strecke. Verwirft man die Autobahn-Idee, bleibt eigentlich nur ein viergleisiger Ausbau zwischen Augsburg und Dinkelscherben – und von dort ein Neubau bis Neu-Ulm/Ulm. Wollen sich die Gemeinden im Landkreis das wirklich antun? Eine viergleisige Bahn-Schneise durch Ortskerne und das landschaftlich wertvolle Schmuttertal? Und wo soll in den Ortschaften überhaupt so viel Platz sein?

Spannend wird, was die Bahn, die derzeit nach der besten Variante sucht, am Ende vorschlägt. Sich vorher festzulegen, ergibt keinen Sinn. Politiker aus der Stadt Augsburg fordern parteiübergreifend, erst die Untersuchungen der Bahn abzuwarten. Das ist auch im Sinne der Region, deren Bewohner ja ebenfalls von guten Anbindungen an den Fernverkehr profitieren. Statt Kirchturmdenken ist jetzt Vernunft gefragt.

Lesen Sie dazu auch: Bahnausbau: Verliert Augsburg bei Fernzügen den Anschluss?

Das könnte sie auch interessieren: Zukunftsvision oder Albtraum?

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

30.11.2019

Danke!

Neben dem Kirchturmdenken gibt es auch begründete Hinweise für den starken Willen zum Ausbau der Bestandsstecke.

Den Ausbau der regionalen Bahnhöfe! Wenn dieser als "Abfallprodukt" der Schnellfahrstrecke anfällt, muss der Freistaat Bayern für "seine" regionalen Bahnhöfe keine eigenen Regionalisierungsmittel aufwenden. Die Staatsregierung hat es in bemerkenswerter Weise geschafft auch SPD und Grüne im Landkreis zu überzeugen, dass es einen Ausbau der Bahnhöfe nur mit dem 3. Gleis geben wird.

Wenn nun bei einer voranschreitenden Diskussion der Landrat Sailer vollkommen die Nerven und den Anstand verliert, lässt das immer mehr vermuten, dass die für Augsburg vorgesehene Lösung schon feststeht, man sich aber wie im Fall von S21 erst noch gegen die Bahn durchsetzen muss.

Der Freistaat würde doppelt profitieren; keine Gelder für den Ausbau der Bahnhöfe ausgeben und durch die limitierte Gleiskapazität künftig weniger Bestellentgelte für den Bahn-Nahverkehr aufzuwenden. Das geradezu trottelige Vorgehen bei der angeblichen Reaktivierung der Staudenbahn spricht auch dafür; wenn diese scheitert, wird es mit nur einem Nahverkehrsgleis deutlich einfacher.

Permalink
Das könnte Sie auch interessieren