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Motorsport

21.11.2019

Scheunemann: „Greta Thunberg kann kommen“

Mit Markus Brandhofer (links) feierte Beifahrer Tim Scheunemann Erfolge. Im Herbst hat der Haunstetter seine aktive Speedway-Karriere beendet.
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Mit Markus Brandhofer (links) feierte Beifahrer Tim Scheunemann Erfolge. Im Herbst hat der Haunstetter seine aktive Speedway-Karriere beendet.
Bild: Siegfried Kerpf

Tim Scheunemann feierte im Speedway internationale Erfolge. Mit 26 Jahren beendete er im Herbst seine Karriere. Ein Gespräch über seinen Wirbelbruch, Glücksgefühle und Umweltschutz im Motorsport.

Herr Scheunemann, wie schwer ist es Ihnen gefallen, die Karriere im Herbst zu beenden?

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Scheunemann: Im Oktober sind wir nochmals deutscher Vizemeister geworden. Das war ein richtig schöner Abschluss. Manche Träne habe ich schon nach 20 Jahren verdrückt. Auch wenn ich gestehen muss, dass ich zum Schluss hin nicht mehr heiß darauf war, jedes Wochenende dabei zu sein. Dann muss man sagen, man hört besser auf. Ohne hundertprozentige Motivation und Konzentration wird es zu gefährlich in diesem Hochgeschwindigkeitssport.

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Scheunemann: Stimmt. Das Schlüsselbein und den sechsten Brustwirbel habe ich mir gebrochen. Ich stand damals kurz vor der Querschnittslähmung. Das hat bei der Entscheidung jetzt aber keine Rolle gespielt.

Hatten Sie Spätfolgen von den Verletzungen?

Scheunemann: Ich war seitdem nie richtig fit. Seit der Rückenverletzung sind Muskulatur und Sehnen verkürzt. Jeden zweiten, dritten Tag habe ich Kopfweh. Vor allem am Tag nach den Rennen habe ich das extrem gespürt.

Nach dem Sturz und der Operation sind Sie umgestiegen und haben mit Fahrer Markus Brandhofer ein erfolgreiches Seitenwagengespann gebildet.

Scheunemann: Damit kein falscher Eindruck entsteht: Wir haben uns überhaupt nicht im Streit getrennt und verstehen uns immer noch gut. Du verbringst als Team viel mehr Zeit auf der Autobahn als auf der Rennstrecke miteinander. Wenn du dich nicht verstehst, wirst du keinen Erfolg haben.

Hat er Ihre Entscheidung verstanden?

Scheunemann: Ich habe mich mit Markus in Bad Tölz getroffen und wir hatten einen richtig lustigen Abend. Er hat es akzeptiert und ist in keiner Weise nachtragend. Weil er früh Bescheid wusste, kann er sich in Ruhe einen neuen Beifahrer suchen.

Was wird Ihnen fehlen?

Scheunemann: Sportlich habe ich für mich alles erreicht. Den Antrieb, es einem Gegner nochmals zu zeigen, den verspüre ich überhaupt nicht. Fehlen wird mir vor allem die Gemeinschaft unter den Fahrern.

Was war Ihr größter Erfolg?

Scheunemann: Als wir 2017 in Südfrankreich unerwartet Vizemeister bei der Europameisterschaft geworden sind. Das war der Wahnsinn, so ein Gefühl werde ich wohl nie mehr erleben.

Was war Ihre schlimmste Erfahrung?

Scheunemann: Auch wenn man es meinen könnte: Das war nicht der Sturz, der zum Wirbelbruch führte. Beim Finale 2017 waren wir praktisch schon deutscher Meister, ehe wir 150 Meter vor dem Ziel einen Motorschaden hatten und noch alle an uns vorbeigefahren sind.

Ganz ohne Speedway geht es aber doch nicht. Was macht Ihre Schiedsrichterkarriere?

Scheunemann: Vor fünf Jahren habe ich damit angefangen. Inzwischen besitze ich die internationale Rennleiterlizenz, darauf aufbauend mache ich jetzt die Schiedsrichterlizenz. Bis ich oben angekommen bin, wird es dauern. In rund zehn Jahren möchte ich als Funktionär auf die höchste Ebene kommen und im FIM (Motorradweltverband, d. Red.) tätig sein.

Welche Aufgaben erfüllen Sie dabei?

Scheunemann: Letztlich die komplette Überwachung des Renngeschehens. Die Englischkenntnisse müssen perfekt sein. Vor allem in europäischen Hochburgen wie England oder Polen lastet ein enormer Druck auf den Schiedsrichtern. Triffst du Fehlentscheidungen, stürzen sich Medien und Fahrer auf dich.

Erleichtert es Ihre Schiedsrichtertätigkeit, dass Sie zuvor Fahrer waren?

Scheunemann: Entweder versuche ich, die Regeln bis aufs Letzte auszureizen, oder ich bin der Regelhüter. Als solcher muss ich mir den Respekt der anderen Fahrer erarbeiten. Ich bin nicht mehr Gegner beziehungsweise Kumpel, sondern begebe mich auf die dunkle Seite der Macht (lacht). Ob die Fahrer das akzeptieren, wird sich zeigen. Das ist für mich eine große Herausforderung.

Sie werden Gegenwind spüren.

Scheunemann: Auf internationaler Ebene wird mit viel härteren Bandagen gekämpft. Teils begleiten die Schiedsrichter Personenschützer ins Hotel.

Speedway ist hier eine Randsportart. Wie lässt sich die Szene beschreiben?

Scheunemann: Als kleine, eingeschworene Gemeinde. In Deutschland ist der Sport unpopulär und leider auf dem absteigenden Ast. In England oder Polen sind 50000 Zuschauer im Stadion und die Fahrer verdienen viel Geld. Wenn du dorthin kommst, ist das für jeden Funktionär oder Fahrer das Höchste.

Wie schwierig ist es für Ihren AMC Haunstetten, Nachwuchs zu finden?

Scheunemann: Sehr schwierig. Wir haben eine Jugendgruppe, aber den Schritt vom Nachwuchs in den Rennsport machen nur die wenigsten – allein aus Kosten- und Zeitgründen. Eine Saison auf Grand Prix Ebene kostet rund 250000 Euro, selbst auf meinem Niveau betrug das Jahresbudget 40000 Euro. Nicht nur Fahrer fehlen, auch Funktionäre.

Sie lassen sich aber dafür begeistern.

Scheunemann: Keine Ahnung, warum das so ist. Es macht mir riesig Spaß. Ich bin weiterhin an den Rennstrecken, habe in Summe aber mehr Zeit für andere Dinge.

Die Formel 1 überraschte jüngst mit der Ansage, sie wolle grüner werden. Wie ökologisch ist Speedway?

Scheunemann: Das sehe ich ganz gelassen, Greta Thunberg kann kommen (lacht). Wir fahren mit Methanol, also Alkohol, der verpufft, und Rizinusöl. Unser einziges Problem bleibt die Lautstärke, die immer wieder zu Konflikten mit Anwohnern führen kann. Das wird diesem Sport irgendwann das Wasser abgraben. Andererseits: Ohne die Geräusche würde dem Speedway etwas fehlen.

Macht ein Umstieg auf Elektro-Motorräder Sinn?

Scheunemann: Wir diskutieren das intensiv, es ist aber bei weitem nicht ausgereift. Steht ein E-Motorrad in Flammen, ist das Löschen wegen der Akkus extrem schwierig. In Österreich hat das bei einem Rennen zu einem Schaden von mehreren tausend Euro geführt. Außerdem: Ich wüsste nicht, wie man das regional als Verein umsetzen kann, weil die Kosten permanent steigen. Schon jetzt kostet uns eine einzige Veranstaltung in Haunstetten 40000 Euro.

 

Zur Person:

Tim Scheunemann, 26, wohnt in Haunstetten und ist beruflich im Malerbetrieb der Familie tätig. Bereits als Sechsjähriger saß er auf einem Motorrad. Er fuhr Speedway in der Juniorenklasse A (bis 50ccm/1999-2003), B1 (65ccm/ 2004-2007), C (250ccm/ 2008-2011) sowie B-Lizenz Soloklasse (500ccm/2012- 2013). Anfang der Saison 2013 stürzte er schwer und brach sich einen Brustwirbel. Danach stieg er als Beifahrer in die Internationale Seitenwagenklasse um (500ccm/ 2014- 2019) und wurde im Gespann mit Markus Brandhofer unter anderem Vize-Europameister. Nach dem Karriereende konzentriert er sich auf seine Schiedsrichtertätigkeit.

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