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Soziales

29.01.2019

„Schneewittchen“ berät immer mehr Männer

C. Frauenholz

Seit 20 Jahren ist die Beratungsstelle in Augsburg für Menschen mit Essstörungen da

Zwei Mädchen aus einer Jugendwohngemeinschaft vom SOS-Kinderdorf am Leonhardsberg litten an Essstörungen. Als sich für die beiden keine geeignete Beratungsstelle im Raum Augsburg fand, gründete SOS sie kurzerhand selbst. Nun feiert „Schneewittchen“ sein 20-jähriges Bestehen. Und mit ihr die beiden Sozialpädagoginnen und Familientherapeutinnen Carmen Frauenholz und Christina Santelia, die von Anfang an dabei sind.

Aus den bescheidenen Anfängen entwickelte sich eine Beratungsstelle mit hoher Nachfrage. Früher trafen sich die betroffenen jungen Frauen einmal die Woche in einem Gruppenraum, heute hat die Beratungsstelle jährlich rund 400 Erstanfragen und führt durchschnittlich 1500 persönliche und telefonische Beratungsgespräche im Jahr durch. Dazu kommen noch rund 50 Präventionsveranstaltungen in Schulklassen sowie regelmäßige Gruppenstunden für Betroffene, ehemalige Betroffene und Angehörige.

Längst wird auch online beraten, um die Hemmschwelle möglichst niedrig zu halten. Zusätzlich kümmern sich Carmen Frauenholz und Christina Santelia um Klienten, die nach einer Therapie in einer Fachklinik im Alltag wieder Fuß fassen wollen. Ambulant Betreutes Wohnen (ABW) für Menschen mit Essstörungen nennt sich das Angebot.

Neuerdings kommen immer mehr Männer in die Beratungsstelle für junge Leute im Raum Augsburg. „Die Krankheit ist heute nicht mehr so stark tabuisiert“, führt Christina Santelia als Grund für diese Entwicklung an. Essstörungen wie Magersucht und Bulimie (Ess-Brech-Sucht) und Binge Eating (Essattacken) haben im Laufe der Jahre deutlich zugenommen. „Das Schönheits- und das Schlankheitsideal spielt eine große Rolle. Außerdem ist der Leistungsdruck stark gestiegen“, beobachtet Carmen Frauenholz. Seelische Probleme stehen immer im Zusammenhang mit der Entstehung von Essstörungen. An Magersucht, einer besonders gefährlichen Form, sterben 15 Prozent der daran erkrankten Personen. Sie hungern sich sprichwörtlich zu Tode. Je früher Betroffene Schneewittchen aufsuchen, desto größer die Heilungschancen. Carmen Frauenholz und Christina Santelia bieten innerhalb von ein bis zwei Wochen einen Beratungstermin an. Trotz Beratung, Therapie und Klinikaufenthalten verlieren manche den Kampf gegen die Magersucht „Wir haben leider auch schon Sterbekärtchen erhalten“, sagt Carmen Frauenholz.

Umso mehr hat sie sich über die vielen Glückwünsche und dankenden Worte von ehemaligen Betroffenen und Eltern bei der Jubiläumsfeier von Schneewittchen gefreut. Darunter auch eine Mutter, die inzwischen drei Kindern hat. „Diese positiven Rückmeldungen sind für uns eine wichtige Motivation. Es ist extrem wichtig, was zu tun.“ Deshalb sind Carmen Frauenholz und Christina Santelia so dankbar, wenn ehemals magersüchtige Menschen mit ihnen zu den Präventionsveranstaltungen in Schulen gehen. „Wir müssen die Mädchen und Jungs möglichst früh erreichen.“ Um auch weiterhin kostenlos beraten zu können, ist Schneewittchen auf Zuschüsse und Spenden angewiesen. Deswegen freut sich die SOS-Beratungsstelle über die 2016 gegründete Stiftung „Leben mit Magersucht“ im Haus der Stifter der Stadtsparkasse Augsburg. (AZ)

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