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Geschichte

01.02.2019

Schüler erforschen und erinnern an NS-Opfer

Mit solchen Erinnerungsbändern will die Augsburger Erinnerungswerkstatt das Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus hochhalten.

Enteignung und Ermordung jüdischer Bürger während der NS-Zeit: Die Augsburger Erinnerungswerkstatt pflegt ein nachhaltiges Format des Gedenkens

Es gibt eher kalte Gedenkfeiern und solche, die berühren. Jene, die die Augsburger Erinnerungswerkstatt seit fünf Jahren mit Lehrern, Jugendlichen und dem Jüdischen Museum zum Holocaustgedenktag organisiert, gehört zu letzteren. Das Konzept: Zu Beginn der elften Klasse eines Gymnasiums stellt Frank Schillinger vom Jüdischen Museum Namen sowie Geburts- und Todesdaten ermordeter jüdischer Augsburger zur Verfügung.

Aufgabe der Schüler des obligatorischen Wissenschaftlichen Seminars der Oberstufe: Biografien recherchieren. Das heißt: Anfragen an Archive, hinfahren, Datenschutz beachten, vergilbte Akten in Frakturschrift studieren. Aber auch: Gedenkstätten in Theresienstadt und Auschwitz um Informationen bitten. Zum Holocaustgedenktag des übernächsten Jahres wird im Rathaus eine Auswahl der recherchierten Biografien von den dann kurz vorm Abi stehenden Schülern vorgestellt. Angela Bachmair von der Erinnerungswerkstatt erklärt: „Mit den Arbeiten können die Ermordeten wieder in unsere Mitte treten.“

Heuer waren fünf der insgesamt 15 Seminarteilnehmerinnen des Maria-Theresia-Gymnasiums und erstmals auch zwei Schülerinnen der Agnes-Bernauer-Realschule an den Arbeiten beteiligt. Unter ihnen Laura Bauer. Sie untersuchte das Leben der Geschäftsfrau Fanny Mändle (geboren 1874, gestorben in Auschwitz, Todesdatum unklar). Fanny Mändle hatte den jüdischen Augsburger Kaufmann David Mändle geheiratet, der aus einer der bekanntesten Kriegshaber Händlerfamilien stammte. Mit ihrem Bruder zusammen betrieb sie einen Möbelladen in der Bahnhofstraße 7. Das Haus gehörte den Geschwistern. Nach der Reichspogromnacht planten die beiden die Flucht und verkauften das Haus 1942 für 79400 Reichsmark an die Stadt, um die „Reichsfluchtsteuer“ bezahlen zu können. Zahlte die Stadt?

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Tat sie, wie Laura Bauer herausfand. Mändle jedoch konnte das Geld nicht mehr von ihrem Konto abheben. Sie und ihr Bruder wurden im August 1942 deportiert. Er starb bereits in Theresienstadt, sie selbst wurde noch mit 70 Jahren von dort nach Auschwitz gebracht. Bauer verfolgte auch den Geldfluss weiter: „Der Erlös aus dem Verkauf wurde vom Deutschen Reich eingezogen.“

Ihre Recherche dauerte über ein Jahr. Fristen waren zu beachten, die Arbeitsweise der Archive, auch der Datenschutz. „Eine Mitschülerin musste ihre Forschungen einstellen, weil die Tochter der Ermordeten mit einer Veröffentlichung des Namens nicht einverstanden war“, erzählt sie. Sie selbst schrieb ans Hauptstaatsarchiv in München, grub dort und im Augsburger Staats- sowie im Stadtarchiv die Akten um. „Ich hatte das Gefühl, dass ich Fanny Mändle sehr nahegekommen bin. Sie war stark, glaube ich“, sagt sie nachdenklich. Dass in dem geschichtsträchtigen Haus heute ein Casino und der FCA-Fanshop ist, findet sie irgendwie beschämend.

Sonja Konheisner hat Mosaiksteine über Meta Gumperz zusammengetragen. Diese wurde 1889 in Fischach geboren, war mit dem Augsburger Bernhard Gumperz verheiratet. Laut Quellen, so fand Sonja Konheisner heraus, kauften die beiden eine Wohnung am Katzenstadl 8 und besaßen einen Wein- und Teehandel in der Maximilianstraße. Auch Sonja Konheisner schrieb alle relevanten Archive an, fuhr hin, musste jedoch mit wenig Daten auskommen. Die Gumperz’ wurden 1941 aus der Wohnung zwangsgeräumt und in das „Jüdische Haus“ in der Synagoge untergebracht. Von dort deportierten die Augsburger Nazis sie 1943 in das Zwischenlager Milbertshofen und dann nach Auschwitz. Wann sie hier ermordet wurde, konnte sie nicht herausfinden, erklärt Konheisner.

Doch auch, wenn es zu „ihrer“ Biografie wenig Material gibt – die Lebensumstände von Gumperz in ihrer Heimatstadt Augsburg haben Konheisner erschüttert. „Die systematische Ausgrenzung bis zum Tod – das ist unfassbar. Wenn ich jetzt in den Maxstraßen-Norma gehe, muss ich immer an sie denken. Denn genau dort hatte sie ihren Weinhandel.“

Frank Schillinger, Historiker im Jüdischen Museum, bestätigt: „Was die Schülerinnen herausgefunden haben, war Grundlagenforschung. Wir hatten vorher nur wenig mehr als die Namen und die Geburtsdaten dieser insgesamt sechs Ermordeten.“

Die Ergebnisse werden veröffentlicht auf: https://gedenkbuch.erinnerungswerkstatt-augsburg.de/.

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