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Augsburg

10.12.2014

Schwer behinderten Sohn getötet: Vater (77) muss nicht in Haft

Ein Vater tötete seinen Sohn, weil der ihn darum bat.
Bild: Arne Dedert (dpa)

Ein 77-Jähriger tötet seinen schwer behinderten Sohn, weil der nicht mehr länger leiden will. Das Gericht verurteilt den Mann. Aber es verneigt sich auch vor dessen Lebensleistung.

Er hat Schuld auf sich geladen. Er, der fünf Jahrzehnte lang für seinen schwer behinderten Sohn Markus* gesorgt hat. Er, der bis dahin Tag und Nacht funktioniert hat, wird für einen Moment schwach. Am 9. Juli 2013 gibt er den Bitten des Sohnes nach, sterben zu dürfen. Rainer S. (Name geändert), 77, bringt an diesem Dienstag im Sommer seinen 50-jährigen Sohn um. Der Vater will mit in den Tod gehen. Doch er wird gefunden, kommt ins Krankenhaus und überlebt. Muss man einen Mann, der das durchgemacht hat, noch bestrafen?

Ja, sagen die Richter der 3. Strafkammer des Augsburger Landgerichts. Die Kammer verurteilt den Rentner am Mittwoch wegen Tötung auf Verlangen zu einer Haftstrafe von neun Monaten. Ins Gefängnis muss Rainer S. aber nicht, denn die Strafe wird zur Bewährung ausgesetzt. Der Vater hat teils unter Tränen im Prozess ausgesagt. Das Urteil nimmt er gefasst auf. Er blickt immer wieder auf, schaut den Vorsitzenden Richter Klaus-Dieter Triebel direkt an und nickt, als dieser mit der Urteilsbegründung fertig ist.

Angeklagter bitte um Verzeihung

Zuvor schon hat der Angeklagte in seinem letzten Wort gesagt: „Ich weiß, dass ich etwas Schlimmes getan habe und ich bitte um Verzeihung.“ Noch im Gerichtssaal nimmt er das Urteil an. Ob der Vater schuldig ist, ist in dem fünftägigen Prozess nie umstritten. Über allem schwebt aber die Frage nach der Strafe. Eines unterscheidet Rainer S. von nahezu allen Angeklagten, die vor Gericht stehen, weil sie einen anderen Menschen getötet haben. Niemand ächtet ihn für die Tat. Verwandte sagen, sie seien der Meinung, er habe keine Strafe verdient. Zwei Ärzte, die als Zeugen geladen sind, reichen dem Angeklagten demonstrativ die Hand. Ein Polizist wünscht ihm alles Gute.

Verteidiger Florian Engert beruft sich im Plädoyer auf einen Paragrafen im Strafrecht, der besagt, dass ein Gericht dann von einer Strafe absehen kann, wenn ein Angeklagter durch die Folgen der Tat schon gestraft genug ist. Er beschreibt, wie sehr Rainer S. leide unter dem, was er an jenem Julitag zuhause in einem Ortsteil von Friedberg bei Augsburg getan habe. Dass er seinen geliebten Sohn umbrachte.

Der erfahrene Psychiater und Gutachter Richard Gruber glaubt, dass sich der Vater damals in einem emotionalen Ausnahmezustand befindet. Sein Sohn ist am Vortag aus einer Klinik entlassen worden, in der die Medikamente neu eingestellt werden sollten. Der Sohn hat schon seit Monaten, seit seine Mutter an Leukämie gestorben ist, den Lebensmut mehr und mehr verloren. Er spricht immer öfter davon, dass er nicht weiter am Leben bleiben wolle. Einem Freund gesteht der überzeugte Christ, er bete jeden Abend dafür, nicht mehr aufzuwachen. Zu zwei Tanten sagt er, er wolle dahin, wo seine Mutter ist.

Am 9. Juli bittet Markus S. seinen Vater wieder einmal, ihm beim Sterben zu helfen. Sie besuchen das Grab der Mutter, auch dort äußert er erneut den Wunsch. Er ist von Geburt an schwer behindert, leidet an einer spastischen Lähmung. Er kann nie selbst gehen, ist auf den Rollstuhl angewiesen. Früher war er dennoch ein fröhlicher, aufgeschlossener Mensch. Doch zuletzt ist er immer stärker gelähmt. Er kann nicht mehr selbst essen, wird inkontinent und leidet an Schmerzen. Er fürchtet, in ein Heim zu kommen, weg vom Vater.

Gericht zollt dem Angeklagten Respekt

Rainer S. sagt, er habe sich spontan entschieden, jetzt seinen Sohn und sich selbst zu töten. Psychiater Gruber spricht von einer „akuten Belastungsreaktion“. Seine Wahrnehmung sei stark auf seinen Sohn und dessen Leiden verengt gewesen. Er stuft ihn deshalb als vermindert schuldfähig ein. Der Vater gibt Markus Schlaf- und Beruhigungstabletten. Dann schiebt er ihn im Rollstuhl ins behindertengerecht umgebaute Auto und leitet Abgase ein. Ein Schwägerin findet später den durch die Gase benebelten Vater – und den toten Sohn.

Richter Klaus-Dieter Triebel sagt, man müsse Rainer S. bestrafen, weil der Gesetzgeber die Unverletzlichkeit fremden Lebens als höchstes Gut sehe. Das Gericht folgt damit dem Antrag des Staatsanwalts. Doch der Richter zollt dem Angeklagten auch Respekt dafür, dass er den Sohn so lange so aufopferungsvoll gepflegt habe. Die Lebensleistung des Angeklagten sei „großartig“ und „beeindruckend“.

Markus S. ist jetzt wieder nah bei seiner Mutter, die er so sehr vermisst hat. Er wurde im Familiengrab beerdigt. Sein Name steht dort direkt unter dem seiner Mutter. In grauen Lettern auf dunklem Stein.

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