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Ausstellung

30.06.2016

Schwierige Beziehung: Deutsche und Israelis

Bei der Eröffnung einer Fotoschau gibt es in der Stadtsparkasse bewegende Momente, denn ein israelischer Tenor entdeckt auf einem der Bilder seine Großmutter

Die beiden bewegendsten Momente der Ausstellung „Israelis & Deutsche“ sind noch nicht kuratiert und auf Stahlblechplatten gedruckt wie die vielen Exponate des Projektes, das die Deutsch-Israelische Gesellschaft aus Anlass von „50 Jahren diplomatische Beziehungen Israel-Deutschland“ ins Leben gerufen hatte. Sie geschahen als lebendige Geschichte bei der Eröffnung des Augsburger Stopps der Ausstellung am Dienstagabend in der Kundenhalle der Stadtsparkasse: Zum einen widmete Kuratorin Alexandra Nocke ihren Redebeitrag ihrem „Kollegen und Freund Michael Feige“, der als Professor für Anthropologie dazu geforscht hatte, wie der Terror die israelische Zivilgesellschaft prägt – und nun vor drei Wochen selbst bei einem Terroranschlag in einem Tel Aviver Café getötet wurde. Und dann, als alle Reden gehalten und die Ausstellung ausgiebig angeschaut war, zupfte ein aufgeregter junger Mann Nocke am Ärmel: „Ich habe gerade meine Großmutter auf einem ihrer Ausstellungsstücke erkannt!“

Yoèd Sorek ist ein israelischer Tenor und lebt seit fünf Jahren in Augsburg, weil seine Großmutter gesagt hatte „Geh nach Deutschland, es ist gut da“ – obwohl sie den Holocaust nur knapp überlebt hatte. Eben jene Großmutter sah er jetzt auf einem Foto von Micha Bar-Am, dem einzigen israelischen Magnum-Fotografen. Es zeigt Sima Skurkovitch 1981 in Israel auf einer Demonstration gegen den Besuch von Helmut Kohl. Der Enkel kannte das Bild nicht und wunderte sich zunächst: „Das war nicht ihre Art, jemandem zu verbieten, wo hinzugehen.“ Aber dann las er die Aufschrift ihres Transparentes „Neues Deutschland warum so viele Nazi-Massenmörder sind frei?!“

„Ja, das passt zu Sima. Sie war als Zeugin bei den Nürnberger Prozessen.“ Die Lieder, die der Großmutter die Kraft gegeben hatten, mehrere Konzentrationslager zu überstehen, singt der Enkel jetzt an Augsburger Schulen und liest aus ihrer Autobiografie. Neben den großen, bekannten Ereignissen – wie der Ernennung des Ex-Wehrmachtsoffiziers Rolf Pauls zum ersten deutschen Botschafter in Israel oder dem Attentat auf die Israelische Olympiamannschaft 1972 in München – sind es Geschichten wie die von Yoèd Sorek, die deutsch-israelische Beziehungen nach der Shoah überhaupt möglich machten: Künstler, die Ressentiments von der einen oder anderen Seite ignorierten, Wissenschaftler, die gemeinsam arbeiten wollten, ein Autohändler, der schon in den 50ern Volkswagen in Israel verkaufte. Von einem „Wunder“ sprach der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Hellmut Königshaus, „dass sich überhaupt gute Beziehungen entwickeln konnten und die Israelis den Deutschen die Hand gereicht haben.“ Er freute sich, dass die Ausstellung nach Stationen in Berlin und Jerusalem nun in Augsburg als „Stadt des Friedens“ gezeigt werde. Oberbürgermeister Kurt Gribl erinnerte daran, dass bereits 1946 25 jüdische Mitbürger nach Augsburg zurückgekehrt waren und die Israelitische Kultusgemeinde wiederbegründet hatten: „Welch mutiger Schritt!“

Nicht nur am richtigen Ort, sondern „zu einer rechten und wichtigen Zeit“ kommt die Ausstellung für den Rabbiner der Kultusgemeinde, Henry Brandt, auch wenn während der dreijährigen Konzeption „die Volatilität in der Gesellschaft noch nicht so hoch und die dadurch ausgelösten Sorgenfalten noch nicht so tief waren wie heute. Aber was zwischen Deutschland und Israel passiert, ist doch eine Bejahung der Menschlichkeit.“

Die Geschichte dieser Bejahung, aber auch ihrer Schieflagen und Fettnäpfchen, wird in der Ausstellung auf grob verzinkten Stahlblechplatten gezeigt, die dadurch bei der Betrachtung ebenso changieren wie die Geschichte der Diplomatie selbst. Ton- und Filmexponate ergänzen die Texte, Fotografien und Dokumente. Die Platten wiederum sind zu eisberg- oder felsen-artigen Formationen zusammengefügt, die mal auf einladende, mal auf mahnende Art den Weg weisen und in ihren Bann ziehen.

Einige der knapp 200 geladenen Gäste nahmen schon am Eröffnungsabend die Einladung dieses Konzeptes an und beschäftigten sich intensiv mit den verschiedenen Modulen, wie Elisabeth Hoffmann-Koschmieder: „Ich kann fast nicht sprechen, weil es mich so bewegt. Man kann nur einfach alles hier lesen und aufsaugen über diese furchtbare Geschichte und wie gut viele später damit umgegangen sind.“

ist bis zum 21. Juli während der Öffnungszeiten in den Räumen der Stadtsparkasse Augsburg, Halderstraße 1-5, zu sehen.

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