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Kirche

28.02.2015

Seht den leidenden Menschen

Jonas Hafner ließ in diesen Bilderzyklus seine Erfahrungen aus der Kinderpsychiatrie einfließen

Zur Fastenzeit verdeckt in St. Peter am Perlach ein weißes Künstlerkreuz den Altar. Darauf wird Krankheit und Gebrechlichkeit gezeigt, aber auch Hoffnung und Freude

Wenn Katholiken fasten, dann verändern sich ihre Kirchen. In der kleinen Stadtkirche St. Peter am Perlach direkt neben dem Rathaus verdeckt zur Fastenzeit ein breites, weißes Kreuz mit Künstlerzeichnungen das Altarbild. Der Mensch in Krankheit und Alter, in seiner Schwäche und Hinfälligkeit, steht im Fokus, ehe der Blick auf Motive wandert, die von der Freude eines Patienten in einer Blumenwiese und vom Reigen von fünf Engeln in himmlischer Sphäre erzählen. Diese inhaltliche Spannung gilt es auszuhalten. Zumal dieses Kunstkreuz sie in strahlend weißer, gewissermaßen auch klinisch reiner Umgebung herausstellt.

Wegsehen ist fast unmöglich. In ungeschönter Offenheit, jedoch mit einfühlender Teilnahme zeigt der aus Augsburg kommende Kunstprofessor Jonas Hafner in seinen Radierungen hilflose Wesen. Seine Bildsprache entspricht der Tradition des Ecce Homo (Seht den Menschen!), der mütterlichen Pietà und des hingegebenen Gotteslammes.

Im unteren Teil des Bilderkreuzes, das aus vier vergrößerten Blättern aus seinem Zyklus „INRI“ zusammengestellt worden ist, begegnen weitere Bezüge. Um die Bahre eines nackten, zusammengekauerten und ausgemergelten jungen Mannes stehen als Wache zu allen vier Seiten vier Lebewesen, christlich gesehen die Sinnbilder der vier Evangelisten: Adler (Johannes), Stier (Lukas), Mensch (Matthäus) und Löwin (Markus). Der Künstler blickt von oben, aus einer höheren Warte, auf die Gruppe herab – obwohl auch der Adler seine Schwingen im Flug ausbreitet. Erweisen die vier Lebewesen einem Toten die Ehre oder behüten sie einen Schwerkranken? Es lässt sich nicht entscheiden mit Hafners Bildinformationen.

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Der starr ausgestreckte Arm des schmächtigen Jungen auf der Bahre hat das vierte Laub zu Boden gestoßen, indes die anderen Eichenblätter in Ecken liegen, als wär’s eine Spielkarte – ein Trumpf in einem Mysterienspiel. Der Künstler legt viele Fragen vor, ohne eine bestimmte Deutung nahezulegen.

Im mittleren Teil des Kunstkreuzes scheint die Situation eindeutiger zu sein. Eine Krankenschwester fasst eine alte, nackte Frau unter die Arme und stützt ihren hinfälligen, zusammengesackten Körper, der alleine nicht mehr die Kraft zum aufrechten Stand aufbringen könnte. Von beiden Seiten eilen zwei Kinder mit Waschschüssel und Handtuch zu Hilfe, als wären es assistierende Engel am Kreuz Christi. Die Wangen von zwei Krankenbetten schaffen dem ganzen Geschehen einen Ort, eine Stätte der Zuwendung und der Pflege.

Etwas surrealer wirkt das kleinere Motiv rechts nebenan: Dieselbe Krankenschwester führt die entkräftete Patientin auf eine Blumenwiese. Die alte Frau macht Anstalten, sich vor zu beugen, um vielleicht eine Blüte zu pflücken. Hoffnung liegt in dieser Geste – und Lebensbejahung. Die Wiese lässt im christlichen Kontext natürlich auch an das Paradiesgärtlein denken, sodass sich für die kranke Seniorin schon ein anderes Leben in einer zukünftigen Welt ankündigt.

Diese Lesart legt sich nahe, nimmt man auch die obere Zone des Künstlerkreuzes in den Blick: einen Ring tanzender Putti, ausgelassene nackte Kinder, die sich an den Händen halten und im Laufschritt springen. Sie bewegen sich mit schwereloser Leichtigkeit, die üblicherweise den frohlockenden Seligen in einem barocken Himmel eigen ist. Dem entspricht darüber Gottes rechte Hand aus den Wolken, ein Zeichen seiner Herrschaft und seiner Gegenwart auch in der irdischen Wirklichkeit.

Jonas Hafner habe in diesem Bilderzyklus seine Erfahrungen als Hilfspfleger in der Kinderpsychiatrie einfließen lassen, liest man im Begleittext dieser Kunstinstallation. Seine Begegnung mit dem kranken Menschen und dessen Isolierung aus dem Lebenskreis ebenso wie dessen Freiheit im Leiden. Einen weiteren Schlüssel liefert Hafner im Titel seines Bilderzyklus: „INRI“. Diese Inschrift ließ einst der römische Statthalter Pontius Pilatus am Kreuz auf Golgotha anbringen, die lateinische Abkürzung für Jesus von Nazareth, König der Juden. In ihr scheint die Anklage des zum Tod verurteilten Rebellen ebenso auf wie das Bekenntnis zum menschgewordenen Heiland.

bis 2. April, die Kirche St. Peter am Perlach neben dem Rathaus ist täglich geöffnet von 10 bis 18 Uhr.

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