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Augsburger Geschichte

05.10.2018

Seit 150 Jahren ist der Fünffingerlesturm Solist

Das schönste Bild von der Grabenseite des „Fünfgradturms“ schuf am 2. August
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Das schönste Bild von der Grabenseite des „Fünfgradturms“ schuf am 2. August
Bild: Sammlung Häußler

 1868 wurde die anschließende Stadtmauer abgebrochen. Der Turm überlebte als „historisches, malerisches Objekt“

Viele Augsburgerinnen und Augsburger, die sich mit „ihrer“ Stadt identifizieren, haben ein sensibles historisches Bewusstsein. Das kommt beim Fünffingerlesturm zum Ausdruck. Als im Jahr 2002 seine Öffnung für Besucher vorgeschlagen wurde, herrschte bei vielen erst mal Skepsis und Ratlosigkeit, daraus entwickelte sich massiver Widerstand. Befürworter und Gegner gruppierten sich. Mit der Aufstellung einer Stahltreppe im Jahre 2008 gingen die emotionalen Wogen hoch. Es dauerte zehn Jahre, ehe die Treppe an den Turm „andocken“ durfte. Am 9. September, dem Tag des offenen Denkmals, durfte sie erstmals von Besuchern benützt werden.

Die „Treppengeschichte“ geht als jüngstes Kapitel in die bislang 564-jährige Geschichte des Fünffingerlesturms ein. Sie beginnt mit seiner Erbauung anno 1454 – also 38 Jahre vor der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus im Jahre 1492. „Dieser Mauerturm, im Volksmund Fünfgradturm genannt, steht hier seit dem Jahr 1454“ informiert die Inschrift einer Steintafel über dem ebenerdigen Zugang. Das dürfte seine Richtigkeit haben: Anno 1454 habe die Reichsstadt die niedrigen Mauern um die Jakobervorstadt um zwei „pinnati turres“ (Türme mit Spitzen) verstärkt, berichtet ein Chronist. Diese Dachform war im 15. Jahrhundert modern. Das Oblattertor, das Frauentor, das Gögginger und das Rote Tor hatten damals ähnliche mehrtürmige Spitzdächer.

Einer der beiden 1454 erbauten Türme stehe gegenüber der „oberen Bleiche“, heißt es in der Chronik. Damit ist der Fünffingerlesturm gemeint. Anno 1488 wurde die Stadtmauer zu beiden Seiten des Turms erhöht und ein gedeckter Wehrgang angefügt. Das bestätigt die Jahreszahl „1488“, eingeritzt in den Putz der Stadtmauer entlang der Kahnfahrt. Auch die für den Wehrgang verwendeten Bäume wurden zu dieser Zeit geschlagen. Das Fälldatum konnte eindeutig bestimmt werden.

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Schreibweise hat Richtigkeit

Den in die Stadtmauer eingefügten Turm mit fünf Spitzen taufte der Volksmund „Fünfe grad“. Es gab nämlich keinen Standpunkt, von dem aus alle fünf Dachspitzen zu sehen waren - doch es seien „fünfe grad“. Die alte Schreibweise „Fünfgradturm“ ? mit „d“ – hat also seine Richtigkeit. Die Augsburger nennen ihn „Fünffingerlesturm“.

Wehrtechnisch war dieser Mauerturm nur bis zum Bau der Oblatterwallbastei im Jahr 1543 von Bedeutung. Wie beim Bau des Turms anno 1454 die Verteidigungsstrategie für die Jakobervorstadt aussah, ist nicht überliefert. So ist unbekannt, warum der Turm als Tor konzipiert war. Ein spitzbogiger Torbogen an der „Feindseite“ öffnete sich zum Stadtgraben. Die Führungsschächte für das Fallgitter an der Innenseite sind ebenso erhalten wie die vom Dachstuhl aus zu bedienende Winde zum Hochziehen. Zur Stadtseite besaß der Turm ursprünglich eine über sieben Meter hohe offene Torhalle.

Tag des Denkmals, Denkmaltag, Jakobertor, Augsburg, Teil der mittelalterlichen Stadtmauer, Burschenschaft Rheno Palatia
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Jakobertor und Co.: So sehen die Türme von innen aus
Bild: Silvio Wyszengrad/ Text: Ina Marks

Spätestens um 1600 waren diese Durchgänge zugemauert. Der Fünffingerlesturm war als Wehrturm überflüssig und wurde zum Wohnturm. Aus der hohen ebenerdigen Torhalle wurden zwei Gewölbegeschosse. Insgesamt vier Stockwerke waren nutzbar. Nach oben nimmt die Mauerstärke ab, sodass die Räume von Stockwerk zu Stockwerk größer werden. Bewohnt waren einst fast alle Augsburger Wehrtürme und Bastionen.

Als Motiv entdeckt

Anno 1868 wurde aus dem Mauerturm ein Solist: In diesem Jahr wurde die beidseits anschließende Stadtmauer im Zuge der „Entfestigung“ Augsburgs abgebrochen. Der Fünffingerlesturm zählte zu jenen „historischen malerischen Objekten“, die vor 150 Jahren „aus Pietät gegen die Schöpfung unserer Vorfahren“ als erhaltenswert eingestuft waren. Künstler hatten den Fünffingerlesturm schon als Motiv entdeckt, als er noch in die Stadtmauer eingefügt war. Nach dem Mauerabbruch kamen die Fotografen und dokumentierten die schrittweise Freilegung des Turms. 1868 hatte man ihm einen Stadtmauerrest samt Wehrgang belassen. Ein späteres Foto zeigt die Zwischenlösung: Der Rest der Stadtmauer ist mit einer Mauer geschlossen. Dieser „Anbau“ ist auf einem Foto von 1895 verschwunden.

Historische Fotos vom Inneren des Turms gibt es nicht. Vor 60 Jahren gefertigte Bauzeichnungen halten den exakten Zustand fest. Im Winter 1957/58 hatte die Bauhandwerkerschule fünf angehende Maurermeister mit der Dokumentation beauftragt. Sie vermaßen die Mauerstärken, die Gewölbe, die Wendeltreppe sowie die vermauerten und bestehenden Fensteröffnungen. Die Pläne liefern alle bautechnischen Informationen.

Übrigens: Der Fünffingerlesturm besaß bei der Abschaffung der Litera-Adressen im Jahr 1938 die Grundstücksbezeichnung „Litera H 272“. Daraus wurde „Gänsbühl 30“. Mit dieser Anschrift ist er noch im Adressbuch für 1999 verzeichnet.

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