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Augsburg

21.09.2017

Sex-Affäre: Linus Förster wollte Zeuginnen beeinflussen

Linus Förster (links) mit seinem Anwalt Walter Rubach beim Prozess.
Bild: Ulrich Wagner

Als er aufflog, rief Linus Förster die Opfer an: Sie sollten seine Taten schönreden. Heute sagen die Frauen vor Gericht aus.

Er ist 52, war 13 Jahre im Landtag. Aber Linus Förster führte bis zu seiner Verhaftung im Dezember 2016 das Leben eines Berufsjugendlichen: viel Sex, viele junge Frauen, viele Partys. Dieses Bild ergibt sich aus seinen eigenen und den Aussagen der Zeuginnen. Fast entsteht der Eindruck, er habe sich zuletzt mit Sex mehr beschäftigt als mit seiner politischen Arbeit.

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Das Muster ist meist dasselbe: Förster lernt eine Frau kennen, befreundet sich mit ihr bei Facebook oder tauscht Handynummern aus. In den Chats wird recht schnell geflirtet und offen über Sex geschrieben. Und dann wird das Ganze in die Praxis umgesetzt. Und Förster hat sehr viele Frauen kennengelernt. Er hat daraus nie einen Hehl gemacht. Musste das nicht irgendwann schiefgehen? „Er ist auf eine Wand zugesteuert und letztlich auch dagegen gefahren“, sagt sein Verteidiger Walter Rubach.

Seit Montag steht Förster vor Gericht. Er hat schlafende Frauen missbraucht, heimliche Sexfilme von ihnen gedreht und mehr als 1300 Kinderpornos besessen. Der Ex-Politiker hat die Taten weitgehend gestanden. Am Donnerstag sagen seine früheren Geliebten und Opfer aus. Die Frauen sind bis heute schockiert, dass Förster sie heimlich beim Sex mit ihm gefilmt hat. Eine der Frauen sagt: „Mir ist bis heute schlecht.“ Das Ganze sei sehr „unheimlich“, sie schlafe seit Monaten nicht. Die Medienpädagogin ist die einzige, die dem Täter-Opfer-Ausgleich nicht zugestimmt hat. Alle anderen Opfer haben Geld von Förster angenommen. „Ich habe den Brief weggeschmissen, ich will das Geld nicht“, sagt sie. Sie hoffe, dass sie ohne Therapie auskomme.

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Eine andere Frau hatte der Ex-Politiker auf einer SPD-Party getroffen. Eines Nachts ließ sie ihn per WhatsApp-Nachricht wissen, sie sei „untervögelt“. Für diese Wortwahl entschuldigt sich die Lehrerin, die heute in Berlin lebt, vor Gericht. Nach dem Sex in jener Nacht habe Förster sie zuerst „ständig angestarrt“, das sei „gruslig“ gewesen. Und dann habe der 52-Jährige versucht, ein weiteres Mal in sie einzudringen, als sie vermeintlich schlief. Sie bekam aber alles mit und vertraute sich am Morgen einer Freundin an. Da sie sich seitlich hinlegte und Förster keinen neuen Versuch unternahm, stellt das Gericht diesen Fall eines versuchten sexuellen Missbrauchs ein.

Die Lehrerin erzählt auch, dass es mitunter im Augsburger Abgeordnetenbüro von Linus Förster recht locker zuging: „Der Betriebsausflug der SPD ging zum Beispiel in die Sauna.“ Förster soll demnach auch im Büro recht offen über seine sexuellen Kontakte berichtet haben.

Öffentlichkeit nicht ausgeschlossen

Die Frauen müssen alle vor Publikum aussagen. Die Jugendkammer unter dem Vorsitz von Lenart Hoesch hat Anträge, die Öffentlichkeit auszuschließen, bisher abgelehnt. Das öffentliche Interesse an der Aufklärung des Falles wiege schwerer als der Schutz der Intimsphäre der Frauen.

So kommt auch heraus, das Linus Förster versucht hat, Zeuginnen zu beeinflussen. Das ist verboten. Nachdem die Büros und die Wohnung Försters durchsucht und das Ermittlungsverfahren gestartet worden war, rief er einige Opfer an. Laut den Aussagen der Ex-Geliebten bat sie der damalige Abgeordnete, zu seinen Gunsten, also falsch auszusagen. Sie sollten zum Beispiel behaupten, die Sexfilme seien mit ihrer Zustimmung gemacht worden. Zwei Frauen haben das bisher schon berichtet. Unter anderem deshalb wurde Linus Förster Mitte Dezember 2016 wegen Verdunklungsgefahr festgenommen.

Ein anderer Vorfall, der belegt, dass das Thema Sex immer mehr Raum in Linus Försters Leben eingenommen hat, ist das erotische Foto-Shooting mit einer 20-jährigen Schülerin. Nach eigenen Worten machte Förster so etwas ungefähr ein- bis zweimal im Monat. Der Angeklagte kontaktierte also die junge Frau auf einem einschlägigen Internet-Portal, nur drei Tage, nachdem er Ärger mit einer Prostituierten hatte, weil er den Sex mit ihr heimlich filmen wollte. Die beiden verabredeten Aktfotos und 250 Euro Honorar. Förster holte sein Modell am Stuttgarter Hauptbahnhof ab. Sie fuhren in einen Wald. Er suchte sich einen Jägerstand und einen Holzstoß als Hintergrund aus.

Erst lief alles wie verabredet. Doch dann begann der Ex-Politiker, sich auch auszuziehen. Per Selbstauslöser machte er auch Fotos von beiden nackt auf der Motorhaube seines Autos und im Inneren des Wagens. „Teilweise sollten die Bilder so aussehen, als sei ich überfallen worden“, berichtet die Frau. Förster habe dafür ein Top mitgebracht, dass er für die Aufnahmen immer mehr zerriss sowie eine Krawatte, mit der er sie fesselte. Als die Informatikstudentin auf dem Beifahrersitz saß, habe Förster versucht, Geschlechtsverkehr mit ihr zu haben. „Ich brauchte einen Moment, bis ich das kapierte, und sagte dann, dass ich es nicht will“, sagt die heute 21-Jährige vor Gericht. Sie hatte zuvor noch nie so eine Fotosession mitgemacht. Am Rande des Prozesses sagt sie auch, dass sie die Situation als bedrohlich empfunden habe. Dass Förster alles mitgefilmt hatte, erfuhr sie erst von der Polizei.

Prostituierte erschien nicht vor Gericht

Die Prostituierte, die den Fall Förster ins Rollen gebracht hat, ist ihrer Zeugenvernehmung am Donnerstag ferngeblieben. Sie teilt dem Gericht mit, dass die Anfahrt aus dem Taunus zu weit und zu teuer sei. Richter Hoesch erlässt einen Vorführbefehl und brummt ihr ein Ordnungsgeld von 500 Euro auf. Die Prostituierte und ihre Kollegin sollen heute notfalls von der Polizei zum Prozess gebracht werden.

Förster hatte versucht, die Asiatin heimlich beim bezahlten Sex zu filmen. Sie bemerkte dies aber und nahm den Speicherchip der Kamera an sich. Als Förster sich den Chip zurückholen wollte, gab es Streit. Der Ex-Abgeordnete verletzte die Liebesdame leicht am Finger und warf sie aufs Bett. Als die Frau und eine Kollegin mit der Polizei drohten, zog Förster sich an und verließ fluchtartig die Bordellwohnung.

Die Prostituierte ging tags darauf mit dem Chip zur Polizei und erstattete Anzeige gegen Unbekannt. Die Polizei stellte Fotos des Verdächtigen zur Fahndung ins Polizei-Intranet. Wochen später meldete sich Försters Ex-Freundin, eine Polizeibeamtin. Sie hatte ihren früheren Lebensgefährten erkannt. Auch sie sagt am Donnerstag aus, kann aber nur von der acht Jahre dauernden Beziehung mit einem Mann berichten, der sehr gern im Mittelpunkt steht und ihr untreu war - was sie später herausfand. 2015 hat sie den Kontakt zu Förster abgebrochen.

Neben seinen praktischen Erfahrungen beschäftigte sich Linus Förster offensichtlich auch intensiv am Computer mit Sex. Ein Experte der Münchner IT-Forensik-Firma „Fast Detect“ berichtet von massenhaft pornografischem Material auf Försters Festplatten. Darunter auch 1338 strafbare Kinderpornos. Zudem erklärt der Sachverständige, dass das Material akribisch sortiert und archiviert worden sei. Auch das kein geringer Zeitaufwand.

Unseren Artikel zum Prozessauftakt am Montag lesen Sie hier:

Linus Förster über sein Sex-Leben: „Es war wie Trophäen sammeln“ 

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