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Augsburg

13.09.2013

Sheridan-Kaserne: Er war der erste Barkeeper im US-Offizierskasino

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Kurt Reuss im Alter von 20 Jahren. Er ist der erste deutsche Barkeeper, den die Amerikaner nach dem Krieg beschäftigten. Sein Reich war die Theke im Offizierskasino der Sheridan-Kaserne. Die amerikanischen Offiziere liebten vor allem seinen Whiskey Sour.
Bild: Repro

Er war der erste  Barkeeper im Offizierskasino der Sheridan-Kaserne. Nach 60 Jahren kehrte er nun an seine ehemalige Wirkungsstätte zurück

Eigentlich fällt Kurt Reuss das Gehen schwer. Seit zweier erfolgloser Bandscheiben-Operationen hat er häufig Schmerzen. Doch als er nach 60 Jahren das erste Mal wieder das Offizierskasino in der Sheridan-Kaserne betritt, beschleunigt sich sein Schritt wie von selbst, sein Blick huscht hin und her, mit dem Gehstock zeigt er auf den Eingang, das Fenster, die Bar.

Kurt Reuss, 85 Jahre alt, scheint plötzlich wieder 20 zu sein. Er war der erste Barkeeper der Amerikaner nach dem Krieg. Als einziger Deutscher wurde ihm das Privileg zuteil, im Offizierskasino der Amis zu heiraten. Beim Denkmaltag sah er den Ort, der ihm heute noch alles bedeutet, wieder.

Whiskey Sour, White Lady, Stinger

„60 Jahre“, murmelt der alte Mann immer wieder vor sich hin, „das ist so lange her.“ Aber die Erinnerungen sind noch lebendig. Wie aus der Pistole geschossen kommen die Namen der Cocktails, die seine Arbeitgeber nach Dienstschluss im Kasino am liebsten tranken: Whiskey Sour, White Lady, Stinger.

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Beliebt bei den Offizieren waren aber auch Bier sowie deutscher und französischer Wein. „Oh ja, das kam schon vor, dass der eine oder andere mal zu viel Wein oder Bier erwischte“, erinnert sich Reuss und lächelt leise vor sich hin. Wie viel zu viel? „Es war zwar selten, aber ab und zu randalierte mal einer und zerschlug eine Flasche“, sagt Reuss und schlägt mit der Handkante auf den Tisch.

Aber im Gegensatz zu den niedrigeren Dienstgraden und einfachen Soldaten waren die Offiziere zurückhaltend. Wer genug hatte, den führte die Military Police ohnehin sofort auf sein Zimmer.

Herr über zwei Theken

Einige der Räume wurden von den in Augsburg stationierten Offizieren ständig bewohnt, andere standen für deren Gäste zur Verfügung. Der Prominenteste dürfte General Lucius D. Clay gewesen sein, von 1947 bis 1949 Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone Deutschlands. Der kleine Saal im Kasino war rasch zu eng geworden, die Amerikaner bauten einen großen Saal an. Reuss war ab sofort Herr über zwei Theken.

Die Zeit der großen Shows und Diners begann, auch Roy Black and The Cannons hatten hier einen Auftritt. Und das nicht nur vor amerikanischen Offizieren. „Es kamen auch deutsche Fräuleins ins Kasino“, sagt Reuss, „aber ich glaube nicht, dass sie ...“ – er überlegt kurz – „leichte Mädchen waren.“ Keine von ihnen sei während seiner Zeit mit einem Offizier auf dessen Zimmer gegangen. „Das hat die Hausordnung deutlich geregelt.“ Zudem war die Verbrüderung mit dem Feind nicht erwünscht. „No fraternisation, hieß es immer“, erzählt Reuss.

Aber die Zeiten änderten sich auch in der Sheridan-Kaserne, das Verhältnis zu seinem Arbeitgeber wurde freundschaftlich. Als der junge deutsche Barkeeper 1953 heiratete, durfte „Kürt“, wie ihn die Amis nannten, mit seiner Hedwig im Kasino feiern. Als einziger Deutscher bis dahin und seitdem. Die Amerikaner schenkten den beiden die gesamte Feier mit 40 Gästen und ein Kaffee-und Teeservice. 1955 quittierte Reuss seinen Dienst im Offizierskasino und fing im Hotel Drei Mohren an. Erst 60 Jahre später, beim Tag des offenen Denkmals, sieht er das Offizierskasino wieder.

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