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Stadtführung

25.02.2015

Sie alle sollten den Tod finden

Ludwig Dreifuß (links) war von Beruf Rechtsanwalt und wurde nach 1945 von den Amerikanern zum Oberbürgermeister erklärt.
Bild: privat

Vor 70 Jahren verließ der letzte Deportationszug mit 29 Juden den Augsburger Hauptbahnhof. Man sagte, es ginge zum „Arbeitseinsatz“

Der Personenzug dritter Klasse, der am Dienstag, den 20. Februar 1945, an der Güterabladestelle den Hauptbahnhof verließ, war der neunte und letzte Augsburger Deportationstransport. Über 600 Juden der Stadt hatte die Deutsche Reichsbahn seit 1941 in die Vernichtungslager im Osten des Reiches verschleppt. Für die 29 jüdischen Augsburger dieses letzten Transports vor genau 70 Jahren blieb das Ziel unbekannt. Sie hatten die Information, es ginge zum „Arbeitseinsatz“, sie ahnten jedoch nach den Tagebuchaufzeichnungen einer Mitreisenden, dass das Ziel für alle das Durchgangslager Theresienstadt war.

Insgesamt hatte die Gruppe Glück. Die sowjetische Armee befreite das Lager vier Monate später und 28 von ihnen überlebten. Anlässlich des siebzigsten Jahrestages ihrer Verschleppung gedachte das Jüdische Kulturmuseum Augsburg Schwaben jetzt der Gefangenen und recherchierte zum Teil neue Details zu sieben dieser zuletzt deportierten Augsburger. Die Mitarbeiterinnen Monika Müller und Frank Schillinger stellten die Erkenntnisse bei einem Stadtrundgang vor. Nur einer aus der Gruppe starb in Theresienstadt: Hans Wienkowitz, ein Arzt aus Dillingen. Noch ist sein Leben nicht wirklich erforscht. Er war zuletzt im sogenannten Judenhaus in der Augsburger Hallstraße 14 gemeldet, infizierte sich nach dem Transport in Theresienstadt, wo er auch als Arzt tätig war, mit Typhus und starb kurz nach der Befreiung.

Wie aus dem Tagebuch von Eva Noack-Mosse, die ebenfalls mit im Zug saß, überliefert ist, hatte sich die Gruppe an einer Sammelstelle in der Stadt einzufinden. Sie gehörten alle zu jener NS-Kategorie von Juden, die mit einem „Arier“ verheiratet und deswegen erst 1945 in den Terror zur „Endlösung der Judenfrage“ einbezogen wurden. Ein Gepäckstück war erlaubt. Die Angehörigen verabschiedeten sich hinter dem Stacheldrahtzaun. Zwei der 29 Zwangspassagiere erfuhren noch an Ort und Stelle, dass die Reise für sie nach Theresienstadt ging. Die anderen ließ man im Unklaren – es gehe zum Arbeitseinsatz, hieß es. Noack-Mosse, die weitläufig mit der bekannten Berliner Verlegerfamilie Mosse verwandt war und ihrer Mitreisenden Ilse Oppler, der Ehefrau des protestantischen Staatsanwalts Werner Oppler, war jedoch klar, was ihnen bevorstand.

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40 Stunden dauerte die Reise Richtung Nord-Osten. Unter den Deportierten war auch der Rechtsanwalt Ludwig Dreifuß. Seine Frau Amalie Nehm war Katholikin. Er hatte von seiner Kanzlei aus zunächst in der Karolinenstraße, später im Riegelhaus am Königsplatz bereits einige Prozesse gegen NSDAP-Angehörige geführt. Nach der Reichspogromnacht erhielt er Berufsverbot, arbeitete als Anwalt „niederen“ Rechts weiter. Die 172 Juristen Bayerns, die wie er als „Konsulenten“ geduldet waren, durften keine Robe anziehen und trugen ab 1941 den Judenstern. Wie alle Juden erhielt er den Vornamen Israel, und musste sich vor Beginn jeder Verhandlung öffentlich als Jude outen. 70 Prozent seines Honorars führte er an die Reichsrechtsanwaltskammer ab.

Dreifuß überlebte Theresienstadt. Er kehrte nach Augsburg zurück und wurden am 1. September 1945 von den Amerikanern zum Oberbürgermeister erklärt. Er war zudem Mitglied der „Jüdischen Vereinigung“, die sich um Entschädigungen für von den Nürnberger Rassegesetzen Betroffene kümmerte, konvertierte jedoch 1946 zum Katholizismus. Er starb 1960.

Auch Hugo Schwarz, Inhaber einer Wäschefabrik im ersten Stock der Maximilianstraße 71, saß in dem Zug, der im Februar 1945 Theresienstadt ansteuerte. Von ihm ist bekannt, dass er ab 1940 Zwangsarbeit leisten, in das „Judenhaus“ in der Maximilianstraße 5 ½ und anschließend in das Barackenlager Geisbergstraße 14 ins Textilviertel umziehen musste. Nach der Befreiung versuchte er, auszuwandern. Doch er zählte 1946 zu den Gründungsmitgliedern der Israelitischen Kultusgemeinde in Augsburg und wurde auch wieder als Wäschefabrikant ansässig. Er starb 1973.

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