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Augsburg

22.02.2018

Sie haben es erlebt: Wie es sich anfühlt, überfallen zu werden

Gabriele Schwaner wurde in ihrem Geschäft überfallen. Sie versuchte, den Täter mit Worten zu vertreiben, doch der wurde wütend und hielt ihr den Revolver direkt ins Gesicht.
Bild: Bernd Hohlen

Bewaffnete Raubüberfälle gibt es in Augsburg immer wieder. Zuletzt wurde Gabriele Schwaner in ihrem Lotto-Laden in Hochzoll bedroht. Wie die Betroffenen damit umgehen.

Für Gabriele Schwaner begann der Arbeitstag letzten Freitag wie immer. Um 6.30 Uhr öffnete sie ihren Lotto-Laden in der Zugspitzstraße und bediente bald den ersten Kunden. Gegen sieben Uhr betrat erneut ein Mann das Geschäft. Er war maskiert und bewaffnet. Mit einem Revolver in der Hand verlangte der Räuber von Gabriele Schwaner den Kasseninhalt. Für die Ladenbesitzerin ein Schock, doch sie versuchte, gelassen zu reagieren. „Ich fragte ihn, wie dumm er eigentlich sei, früh am Morgen einen Laden zu überfallen, wo noch gar kein Geld in der Kasse ist.“ Dann habe sie ihm entgegengerufen „Schleich dich!“ Doch das tat der Unbekannte nicht. Vielmehr wurde er wütend.

Der Täter trat näher heran und hielt ihr den Revolver direkt ins Gesicht. „Das war der Moment, in dem ich meinen Mann zur Hilfe rief, der bislang im Büro saß und nichts mitbekommen hatte.“. Weil der Täter nicht locker ließ und auch den Mann bedrohte, gab Schwaner nach. Sie packte die rund 400 Euro aus der Kasse in eine Tüte. Der Räuber verschwand. „Während ich die Polizei informierte, ist mein Mann hinterher. Er verlor den Räuber aber eine Straße weiter.“ Bisher konnte der Täter nicht ermittelt werden – trotz Großaufgebots der Polizei.

Nach dem Überfall hat Schwaner ihr Lottogeschäft sofort wieder geöffnet. „Es reicht, dass er mein Geld hat. Mein Leben lasse ich mir von ihm nicht ruinieren“, sagt sie selbstbewusst. Sie tue einfach so, als sei nichts geschehen und versuche, schnell wieder in den Alltag zu finden. Der Zuspruch vieler Kunden tue ihr dabei gut. Sollte sie nicht zurecht kommen, will sie sich psychologische Unterstützung holen.

Cornelia Bühlmeier hat seitdem Albträume

Die braucht Bäckerei-Verkäuferin Cornelia Bühlmeier schon länger. Morgen ist es genau ein Jahr her, dass ein 25-Jähriger mit einer Soft-Air-Pistole die Bäckerei Gesswein in Haunstetten überfiel. Bühlmeier wird diesen Augenblick nie vergessen, als der schwarz gekleidete Mann ihr die Waffe vor die Brust hielt und Geld forderte. Der Räuber, der Tage zuvor in Augsburg eine Tankstelle überfallen hatte, sitzt längst im Gefängnis. Vier Jahre und sieben Monate muss er für seine Taten hinter Gittern büßen. Bäckereiverkäuferin Bühlmeier nutzt die Strafe nichts.

Seit dem Überfall leidet sie unter Albträumen. Dann wacht die 56-Jährige auf, weil sie eine schwarze Gestalt neben ihrem Bett sieht. „Die Täter wissen überhaupt nicht, was sie anderen antun“, sagt die Haunstetterin. „Damals glaubte ich, ich schaffe es ohne psychologische Hilfe. Aber es ging nicht.“ Seit knapp einem Jahr sei sie in Behandlung. Seitdem kommen die Albträume nicht mehr jede Nacht. Was bleibt, ist die Angst. „Bin ich allein im Laden und ein schwarz gekleideter Kunde kommt herein, ist das ein schlimmer Moment.“

Cornelia Bühlmeier feiert bei der Bäckerei Gesswein in diesem Jahr 40. Betriebsjubiläum. Sie will dort weiterhin arbeiten. „Daheim würde ich nur an den Überfall denken. Die Arbeit lenkt mich ab.“ Ihr Chef, Bäckermeister Christoph Mayer, weiß das zu schätzen. Er selbst trieb damals den Räuber in die Flucht. Auch mit den Worten: „Schleich dich!“ Der Bäcker hat den Überfall gut verarbeitet. „Vielleicht sehe ich mich nicht als Opfer, weil ich ihn durch mein forsches Verhalten vertrieben habe.“ Allerdings ist auch er vorsichtiger geworden. „Wenn wir gerade nicht vorne im Laden arbeiten, wird die Tür abgesperrt.“

"Manche zittern und weinen"

Bewaffnete Überfälle gibt es in Augsburg immer wieder. 2012 trifft es den Juwelier Hörl, 2014 Herbert Mayer, 2016 wird eine Filiale der Stadtsparkasse überfallen. Im letzten Dezember bedrohte ein maskierter Mann die Angestellten der Aral-Tankstelle im Kobelweg mit einer Pistole. Für 2016 registriert die Polizei in Augsburg 104 Raubdelikte. Dazu gehören Fälle, in denen Täter ihre Opfer in Geschäften oder Banken mit Waffen bedrohen, aber auch Straßenkriminalität wie geraubte Geldbeutel. 2015 lag die Zahl höher, bei 134 Delikten, die für 2017 ist noch nicht bekannt. Die Polizei präsentiert sie im Frühjahr.

Betroffene interessieren diese Zahlen kaum. Für sie zählt das Einzelschicksal. Das weiß auch Nicole Gergen, stellvertretende Sprecherin der Stadtsparkasse: „Ein Überfall ist immer ein traumatisches Ereignis für die Mitarbeiter. Jeder geht damit anders um.“ Hilfe gäbe es durch externe Angebote, aber auch von einem geschulten Sparkassen-Team. Weil man sich als Kreditinstitut der Gefährdung bewusst sei, existieren Notfallpläne, die Mitarbeiter auf den Ernstfall vorbereiten sollen. Ein Allheilmittel sind sie am Ende nicht: „Jede Situation ist anders, üben kann man so etwas nicht.“

Dass jeder Mensch nach einem Überfall geschockt ist, weiß Dieter Lenzenhuber vom Kriseninterventionsdienst des Roten Kreuzes Augsburg. Nur die Reaktionen seien verschieden. „Manche zittern und weinen, andere sind ruhig und schieben ihre Gefühle beiseite.“ Die akute Schockphase dauere in der Regel drei bis vier Tage. Für die Opfer sei es am Schlimmsten, die eigene Hilflosigkeit und auch Todesangst zu spüren.

Lesen Sie auch: Bäckermeister vertreibt bewaffneten Räuber: "Schleich dich!"

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